Jonathan: 194-jährige Schildkröte liefert Forschern Hinweise zum Altern
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 05:07 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Aldabra-Riesenschildkröte Jonathan ist geschätzte 194 Jahre alt und soll Forschern mit genetischen Besonderheiten Aufschluss über biologische Alterungsprozesse geben.
Genproben ohne Blutabnahme
Nach Schätzung der Wissenschaftler schlüpfte Jonathan 1832. Vor 144 Jahren wurde er von den Seychellen als Geschenk für den Gouverneur nach St. Helena gebracht, eine Vulkaninsel im Südatlantik und britisches Überseegebiet.
Für die Untersuchung lockten die Forscher Jonathan mit Futter und entnahmen Abstriche aus dem Wangenbereich. Blutproben waren wegen behördlicher Beschränkungen nicht möglich. Das Team um Wissenschaftler der Universität Cambridge und der Longevity-Forschungsorganisation Kallel verglich die Proben mit denen von vier deutlich jüngeren Riesenschildkröten aus Zoos oder ähnlichen Einrichtungen.
Epigenom über lange Zeit stabil
Das Epigenom besteht aus Markierungen an der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiviert oder deaktiviert werden. Bei Jonathan ähnelte es stark dem Epigenom der jüngeren Vergleichstiere.
Nach Darstellung der Forscher blieben Genregulatoren für Energieproduktion und DNA-Reparatur über fast zwei Jahrhunderte ungewöhnlich stabil. Zudem identifizierte das Team 287 Genvarianten, die übliche Alterungsprozesse verringern könnten. Sie stehen den Angaben zufolge unter anderem mit der Reparatur von DNA-Schäden, der Verringerung von Entzündungen und der Unterdrückung von Krebs in Verbindung.
Warum Jonathan so alt wurde
Jonathan soll derzeit das älteste bekannte Landtier der Welt sein. Weshalb er ein solches Alter erreicht hat, bleibt offen. Die Forscher halten sowohl eine außergewöhnliche Einzelleistung als auch eine bislang unzureichend dokumentierte normale Lebensspanne seiner Art für möglich.
Nach Einschätzung des Teams wird Jonathan mit fast 200 Jahren etwa doppelt so alt wie die meisten Artgenossen. Ziel der beteiligten Altersforscher ist es, aus den genetischen Eigenschaften langfristig Ansatzpunkte für Behandlungsmöglichkeiten beim Menschen abzuleiten. Zwischen einem Befund bei einer einzelnen Schildkröte und einer medizinischen Anwendung liegt jedoch ein weiter Forschungsweg.
Einblicke in ungewöhnliche Langlebigkeit
Jonathan steht für eine Tiergruppe, deren Lebensdauer die menschliche Vorstellung vom normalen Altern deutlich übersteigt. Aldabra-Riesenschildkröten wachsen langsam, reifen spät und haben vergleichsweise wenige natürliche Feinde. Diese Lebensweise kann dazu beitragen, dass sich bei ihnen andere biologische Strategien für Reparatur, Energiehaushalt und Krankheitsabwehr entwickelt haben als bei kurzlebigeren Säugetieren.
Was das Epigenom leisten kann
Das Epigenom bezeichnet chemische Markierungen an der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiv sind, ohne die Abfolge der DNA selbst zu verändern. Solche Markierungen verändern sich im Lauf des Lebens und gelten deshalb als möglicher Hinweis auf biologische Alterungsprozesse. Jonathans ungewöhnlich stabile Muster lenken den Blick auf Mechanismen, die Zellen langfristig funktionsfähig halten könnten.
Vom Schildkrötenvergleich zur Medizin
Die 287 beschriebenen Genvarianten liefern zunächst Ansatzpunkte für weitere Forschung, keine fertige Therapie. Dafür müssten die Befunde an deutlich mehr Riesenschildkröten, an anderen langlebigen Arten und in unabhängigen Studien bestätigt werden. Erst danach ließe sich prüfen, ob einzelne Mechanismen auf menschliche Erkrankungen übertragbar sind. Für Leser bedeutet die Studie daher vor allem einen Einblick in Grundlagenforschung: Sie erklärt nicht, wie Menschen 200 Jahre alt werden, kann aber helfen, Zusammenhänge zwischen DNA-Reparatur, Entzündung, Krebsabwehr und Alterung genauer zu verstehen.
