Ketamin-Studie: 70 Erwachsene zeigen nach 24 Stunden weniger Habenula-AktivitÀt
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 14:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen analysieren die Evidenz und die praktischen Grenzen von Ketamin sowie dessen S-Enantiomer Esketamin bei der Intervention in akuten suizidalen ZustÀnden.
WĂ€hrend schnell wirkende Substanzen in der Notfallpsychiatrie seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung sind, schlagen neuere Arbeiten zugleich ein differenziertes Konzept fĂŒr die langfristige Erholung betroffener Patienten vor.
Neben dem klinischen Potenzial rĂŒcken dabei die neurobiologischen Mechanismen, spezifische Sicherheitsaspekte und der Versorgungsalltag in spezialisierten Zentren in den Mittelpunkt.
Neurobiologische Mechanismen und emotionale Verarbeitung
Ăber die genauen Prozesse, wie Ketamin das emotionale Erleben moduliert, geben bildgebende Verfahren neue AufschlĂŒsse. In einer im September 2026 veröffentlichten Oxford-Studie im Fachjournal Current Biology untersuchten Forscher die Effekte an 70 gesunden Erwachsenen. Die Probanden erhielten entweder eine intravenöse Ketamin-Infusion in einer Dosierung von 0,5 mg/kg oder ein Placebo.
Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) stellten die Wissenschaftler 24 Stunden spÀter bei Aufgaben fest, dass die Ketamin-Gruppe eine verringerte AktivitÀt in der Habenula aufwies, wenn unangenehme Ereignisse erwartet oder erlebt wurden.
Zudem deuten vorlĂ€ufige Hinweise darauf hin, dass diese DĂ€mpfung auch das emotionale GedĂ€chtnis beeinflussen könnte. Die Autoren wiesen jedoch darauf hin, dass dieser Befund noch keinen kausalen Beleg dafĂŒr liefert, dass dieser spezifische Mechanismus fĂŒr die antidepressive Wirkung von Ketamin allein verantwortlich ist.
Klinischer Einsatz und therapeutische Einbettung
In der klinischen Praxis unterscheidet sich der regulatorische Rahmen beider Substanzen deutlich. WÀhrend Ketamin primÀr als AnÀsthetikum zugelassen ist und in den USA der BetÀubungsmittelkategorie Schedule III unterliegt, besitzt Esketamin als Nasenspray eine Zulassung zur Depressionsbehandlung unter streng kontrollierten Bedingungen.
Die neue Oxford-Studie mit 70 gesunden Erwachsenen zeigt 24 Stunden nach einer Ketamin-Infusion eine verringerte Habenula-AktivitĂ€t bei unangenehmen Reizen â doch die Autoren betonen ausdrĂŒcklich, dass dies die antidepressive Wirkung nicht kausal erklĂ€rt. Wer Esketamin-Nasenspray im klinischen Alltag einsetzt, braucht deshalb klare Sicherheitsstandards statt voreiliger SchlĂŒsse. Unser kostenloser Leitfaden fasst die Ăberwachungsanforderungen nach jeder Verabreichung zusammen. Praxisleitfaden jetzt anfordern
Bei der Anwendung bestehen erhebliche Sicherheitsanforderungen: Zu den bekannten Risiken zÀhlen Sedierung, Amnesie, Bewusstlosigkeit, verlangsamte Atmung und die Gefahr einer AbhÀngigkeit.
Der gleichzeitige Konsum von Alkohol verstĂ€rkt die sedierenden Effekte sowie das Risiko von Bewusstlosigkeit und lebensgefĂ€hrlichem Erbrechen mit Aspiration. Patienten, die Esketamin erhalten, mĂŒssen daher nach jeder Verabreichung fĂŒr mindestens 2 Stunden medizinisch ĂŒberwacht werden.
An spezialisierten Einrichtungen wie der Neurobiologischen Behandlungseinheit des Radboudumc, an der schwere Stimmungsstörungen und andere psychiatrische Erkrankungen behandelt werden, ist Esketamin seit 2020 verfĂŒgbar.
Nach Angaben der niederlĂ€ndischen UniversitĂ€tsklinik ist die Einheit die einzige Einrichtung im Land, in der ein Team fĂŒnf neurobiologische Verfahren fĂŒr therapieresistente Depressionen bĂŒndelt: die Elektrokonvulsionstherapie (EKT), die magnetische Anfallstherapie (MST), die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS), Esketamin-Nasenspray sowie die experimentelle transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS).
Um den individuellen Therapieerfolg kĂŒnftig verlĂ€sslicher vorherzusagen, begleiten MRT-Untersuchungen fast jede EKT- oder rTMS-Sitzung und kommen auch bei einem Teil der Esketamin-Behandlungen zum Einsatz.
Pharmakologische Sicherheitsgrenzen in der Stillzeit
Neben den akuten psychiatrischen Risiken erfordern auch spezifische Patientengruppen eine sorgfĂ€ltige AbwĂ€gung. Eine systematische Ăbersichtsarbeit im Fachjournal European Journal of Clinical Pharmacology untersuchte die Datenlage zum Ăbergang von racemischem Ketamin in reife Muttermilch. Bei einer einzelnen oder intermittierenden Verabreichung liegt der Ăbergang mit moderater Sicherheit unter der konventionellen 10-%-Schwelle.
Sedierung, Amnesie, verlangsamte Atmung und AbhĂ€ngigkeitsrisiko: Die Sicherheitsanforderungen bei Esketamin sind erheblich, und Alkoholkonsum verstĂ€rkt die sedierenden Effekte sowie das Risiko lebensgefĂ€hrlichen Erbrechens mit Aspiration. Nach jeder Gabe ist eine mindestens zweistĂŒndige medizinische Ăberwachung verpflichtend. Unsere Checkliste zeigt Ihnen Schritt fĂŒr Schritt, wie Sie diese Vorgaben in Ihrer Einrichtung zuverlĂ€ssig umsetzen. Sicherheits-Checkliste jetzt sichern
Gleichzeitig stuften die Autoren die Sicherheit der Evidenz hinsichtlich der systemischen Exposition und potenzieller Folgen fĂŒr SĂ€uglinge als sehr niedrig ein. Die Ergebnisse lassen zudem keine RĂŒckschlĂŒsse auf chronische Behandlungen zu und können nicht auf eine wiederholte Gabe von intranasalem Esketamin ĂŒbertragen werden.

