Ketamin-Therapie: 68% sprechen auf S-Ketamin an, SSRIs nur 30%
Veröffentlicht am: 18.06.2026 um 01:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Finanzierungsrunden und klinische Studien treiben den Wirkstoff als Therapieoption fĂŒr schwer behandelbare psychische Erkrankungen voran. Besonders vielversprechend: die Behandlung der therapieresistenten Depression (TRD).
50 Millionen Dollar fĂŒr die Ketamin-Pille
Das MĂŒnchener Unternehmen HMNC Brain Health hat die erste Tranche einer Serie-B-Finanzierungsrunde abgeschlossen. 50 Millionen US-Dollar flieĂen in die Weiterentwicklung des Ketamin-Kandidaten KET01 (Ketabon). AngefĂŒhrt wurde die Runde vom Pharmaunternehmen Medice, das sich die europĂ€ischen Vermarktungsrechte sicherte.
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Bei KET01 handelt es sich um eine orale Retard-Tablette. In einer Phase-II-Studie aus dem Jahr 2023 zeigte sich eine schnelle Verbesserung der depressiven Symptome bei reduzierten dissoziativen Effekten. Allerdings verfehlte die Studie den primÀren Endpunkt nach 21 Tagen. Die neuen Mittel sollen nun die Phase-III-Studie vorbereiten.
Wie Ketamin den Schlaf verbessert
Eine im Juni 2026 in Nature Neuropsychopharmacology veröffentlichte Studie liefert neue Einblicke in die Wirkweise von Ketamin. Forscher untersuchten bei 91 Patienten mit TRD den Einfluss auf die Schlafarchitektur. Das Ergebnis: Ketamin moduliert die NREM-Schlaf-WellenaktivitÀt. Bei Patienten, die auf die Behandlung ansprachen, verbesserten sich Gesamtschlafzeit und Schlafeffizienz. Bei einer Kontrollgruppe von 42 gesunden Probanden blieb dieser Effekt aus.
Angsttherapie: Ketamin schlÀgt SSRIs
Die UniversitĂ€t ZĂŒrich identifizierte einen neuen neuronalen Pfad in der Amygdala, der fĂŒr chronische AngstzustĂ€nde verantwortlich ist. In einer Studie mit 120 Teilnehmern fĂŒhrte niedrigdosiertes S-Ketamin (0,1 mg/kg) bei 68 Prozent innerhalb von 48 Stunden zu einer Symptomreduktion. Zum Vergleich: Herkömmliche SSRIs erreichten nur eine Ansprechrate von 30 Prozent. FĂŒr Ende 2026 ist eine Phase-II-Studie mit 500 Teilnehmern geplant.
Japanische Forscher verlÀngern Wirkdauer
Ein Team in Japan untersuchte den Einfluss des Enzyms NOX-1 auf die Wirkdauer von Ketamin. Die in Molecular Psychiatry veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass die Hemmung dieses Enzyms die antidepressive Wirkung verlÀngern könnte. Im Tiermodell stabilisierte die Kombination von Ketamin mit einem NOX-1-Inhibitor gestörte HirnkreislÀufe im prÀfrontalen Kortex.
Neue Regeln fĂŒr Ketamin-Kliniken
In den USA reguliert der Bundesstaat Georgia den Betrieb von Kliniken fĂŒr psychedelische Behandlungen. Gouverneur Brian Kemp unterzeichnete im Mai 2026 das Gesetz HB 717, das am 1. Juli 2026 in Kraft tritt. Ab Juli 2027 benötigen Einrichtungen fĂŒr intravenöse Ketamin-Therapien eine zweijĂ€hrige Lizenz. Das Eigentum an den Kliniken bleibt Ărzten oder AnĂ€sthesiepflegekrĂ€ften (CRNAs) vorbehalten.
Der Regulierungstrend spiegelt die hohe Nachfrage wider. Eine OECD-Studie vom Juni 2026 zeigt: 2023 litt fast jede fĂŒnfte Person in der EU an einer psychischen Erkrankung. Die Kosten durch geringere Erwerbsbeteiligung und Gesundheitsausgaben sind enorm. Die OECD prognostiziert einen jĂ€hrlichen RĂŒckgang des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent bis 2050.
Psilocybin und andere Alternativen
Ketamin ist nicht der einzige HoffnungstrÀger. Die EPIsoDE-Studie der Charité Berlin und des ZI Mannheim belegt die nachhaltige Wirkung von Psilocybin. Bei 126 Patienten mit TRD blieb der Depressions-Score auch zwölf Monate nach einer einmaligen Gabe von 25 mg Psilocybin in Kombination mit Psychotherapie signifikant reduziert.
Auch Medikamente aus anderen Fachbereichen werden geprĂŒft. Eine Pilotstudie der University of Bristol deutet darauf hin, dass der Immuntherapeutikum-Wirkstoff Tocilizumab die Remissionsraten erhöhen könnte. Das GLP-1-Analogon Liraglutid und das Herzmedikament Spironolacton befinden sich in prĂ€klinischen oder frĂŒhen klinischen Phasen.

