KI-Vishing, Erpresser

KI-Vishing: Erpresser erbeuten 10,6 Millionen Dollar mit Stimmenklonen

Veröffentlicht am: 09.08.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Kriminelle erbeuten mit KI-Stimmenklonen über 10,6 Mio. Dollar in Bitcoin von US-Investmentfirmen. Behörden und Branche reagieren mit neuen Abwehrmaßnahmen.

KI-Stimmenklone erbeuten Millionen: Cyberangriffe auf US-Investmentfirmen
Leuchtender Computerbildschirm in dunklem Büro mit komplexen Datenmustern und Cyberbedrohungen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Gefälschte IT-Support-Anrufe mit KI-Stimmenklonen haben zwischen Januar und Mai 2026 mehr als 10,6 Millionen Dollar in Bitcoin erbeutet. Betroffen sind namhafte US-Investmentfirmen – und die Bedrohung wächst.

Die Angriffe treffen eine Branche, die als besonders gut geschützt gilt: Finanzinstitute in den USA und Europa. Doch die Täter setzen auf eine perfide Mischung aus Social Engineering und Künstlicher Intelligenz. Sie rufen Mitarbeiter an, geben sich als IT-Support aus und erbeuten so Zugangsdaten – mit gestohlenen Stimmen.

Erpresserbande mit KI-Stimmenklonen

Hinter den Angriffen steckt eine Gruppe, die Google unter dem Namen UNC6671 führt – auch bekannt als Redact, Pink, Falcon oder Helix. Die Täter nutzen sogenanntes Vishing (Voice Phishing): Sie geben sich am Telefon als Techniker aus und bringen Mitarbeiter dazu, Passwörter und Zwei-Faktor-Codes preiszugeben. Betroffen sind namhafte Firmen wie Blackstone, KKR, Citadel, Millennium und Point72.

Die Bilanz ist beachtlich: Zwischen Januar und Mai 2026 flossen mehr als 10,6 Millionen Dollar in Bitcoin an die Erpresser. Die Lösegeldforderungen liegen üblicherweise zwischen 750.000 und 3 Millionen Dollar – wobei die Gruppe bei Verhandlungen offenbar Rabatte von bis zu 75 Prozent gewährt. Möglich machen das KI-Tools, die mit nur 20 bis 30 Sekunden Audiomaterial eine Stimme täuschend echt klonen können. Während Firmen wie Two Sigma und Point72 die Angriffe abwehrten, haben andere offenbar gezahlt.

Datenleck bei Morgan Stanley? Zweifel bleiben

Am 8. August tauchte im Darknet ein Angebot auf, das für Aufsehen sorgte: Ein unbekannter Akteur bot eine Datenbank mit 892 Millionen Datensätzen an, die angeblich von Morgan Stanley stammen sollen. Der Preis: 10.000 Dollar. Sicherheitsexperten bleiben skeptisch – die Echtheit ist unbestätigt. Möglich wäre, dass die Daten aus älteren Quellen oder mehreren Datensammlungen zusammengesetzt wurden, statt aus einem aktuellen Einbruch zu stammen.

Kritische Infrastruktur im Visier

Ein weiterer Vorfall zeigt die Verwundbarkeit der Lieferkette: Die IEH Corporation, Zulieferer für Raketenabwehrsysteme wie Patriot und THAAD, entdeckte am 5. August einen Einbruch in ihr E-Mail-System. Ein einzelnes Postfach mit technischen Dokumentationen war betroffen. Zwar fehlen Hinweise auf einen Datendiebstahl – doch der Vorfall verdeutlicht, wie angreifbar kritische Infrastruktur ist.

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Schlag gegen Phishing-Infrastruktur

Die Strafverfolgung kommt voran: Am 20. Juli beschlagnahmte die deutsche Polizei mehr als 200 Server des Phishing-Kits Kratos (auch SneakyLog genannt). Der Entwickler wurde in Indonesien festgenommen. Das Kit wurde für rund 15.000 Phishing-Kampagnen pro Monat gegen Microsoft-365-Nutzer genutzt – vor allem, um Sitzungscookies zu stehlen und die Zwei-Faktor-Authentifizierung zu umgehen. Doch die Gefahr ist nicht gebannt: Rund 1.800 aktive Abonnenten besitzen noch Kopien des Codes.

Behörden schlagen Alarm

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) warnte am 6. August mehr als 3.000 Finanzinstitute vor einer deutlichen Zunahme von Malware-, Phishing- und Ransomware-Angriffen auf den Bankensektor. Die Warnung kommt nicht zu früh – die Angriffswelle rollt weiter.

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Branche rüstet sich

JPMorgan-Chef Jamie Dimon treibt derweil die Gründung der Alliance for Critical Infrastructure (ACI) voran und hat bereits mehr als 40 Firmen kontaktiert. Ziel ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und staatlichen Programmen wie der neuen Gold-Eagle-Initiative, um Finanzsysteme gegen KI-gestützte Bedrohungen zu wappnen.

Auch die US-Behörde CISA reagierte: Am 27. Juli ergänzte sie ihre Liste bekannter ausgenutzter Schwachstellen um kritische Lücken in Arista VeloCloud Orchestrator und FortiOS. Finanzinstitute sollen nun risikobasiert patchen statt nach starren Bewertungssystemen. Japans Großbanken setzen derweil auf Zero-Trust-Architekturen und KI-gestützte Erkennungssysteme von Partnern wie Google und Anthropic, um automatisierte Phishing-Angriffe abzuwehren.

Die Botschaft ist eindeutig: Herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht mehr. Wer sich gegen KI-gestützte Angriffe schützen will, muss selbst auf KI setzen – und auf wachsame Mitarbeiter, die bei unerwarteten Anrufen misstrauisch bleiben.

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