Kniearthrose: Physiotherapie könnte in Österreich bis zu 32 Millionen Euro sparen
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 13:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Degenerative Gelenkerkrankungen stellen Gesundheitssysteme und Betroffene vor spürbare Herausforderungen. Aktuelle Veröffentlichungen thematisieren die hohe Zahl an Arthrose-Fällen in städtischen Gebieten und beleuchten zugleich die Wirksamkeit sowie die wirtschaftliche Relevanz konservativer und physiotherapeutischer Behandlungskonzepte.
Regionale Fallzahlen und globale Risikofaktoren
Das Ausmaß der Erkrankung wird auf kommunaler Ebene deutlich. So verzeichnete Lübeck laut einem Bericht vom 11. Oktober 2026 rund 16.600 Arthrose-Betroffene. Die Kniearthrose (Gonarthrose) gilt dabei als die am weitesten verbreitete Form, von der insbesondere Frauen und Personen über 40 Jahren betroffen sind.
Bei Menschen über 50 Jahren stellt sie die häufigste Ursache für anhaltende Knieschmerzen dar. Die Erkrankung wird medizinisch in drei Schweregrade unterteilt. Sekundäre Formen machen nach vorliegenden Daten etwa 30 Prozent aller Fälle aus, wobei in 7 bis 8 Prozent eine plötzlich gesteigerte körperliche Aktivität nach dem 40. Lebensjahr als Auslöser angeführt wird.
Auf internationaler Ebene unterstreichen epidemiologische Erhebungen den Einfluss von Risikofaktoren wie Übergewicht. Eine Analyse im Rahmen der Global Burden of Disease Study 2023 (GBD 2023) für den Zeitraum von 1990 bis 2023 untersuchte Daten aus 31 Ländern und Territorien im Westpazifik.
Im Jahr 2023 entfielen in dieser Region geschätzt 1,55 Millionen durch Beeinträchtigung beeinträchtigte Lebensjahre (YLDs) bei kombinierter Hüft- und Kniearthrose auf einen hohen Body-Mass-Index (BMI) – ein Zuwachs von 287 Prozent gegenüber 1990. Die altersstandardisierte YLD-Rate lag 2023 bei 46,68 je 100.000 Einwohner (95%-Unsicherheitsintervall ?0,47 bis 124,21), was einem Anstieg von 58 Prozent seit 1990 entspricht. Die höchsten Raten verzeichneten dabei die Cookinseln, Amerikanisch-Samoa, Niue, Tonga und Nauru.
Wirksamkeit und ökonomischer Nutzen physiotherapeutischer Ansätze
Zur Linderung der Beschwerden gewinnen gezielte konservative Maßnahmen an Bedeutung. Gezielte Kräftigungsübungen für Oberschenkel und Hüfte sowie eine individuelle Belastungsanpassung können Beschwerden mindern.
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Eine in der Fachzeitschrift The BMJ veröffentlichte Untersuchung zeigte zudem, dass ein strukturiertes Übungsprogramm bei degenerativen Meniskusrissen im mittleren Alter ähnliche funktionelle Resultate erzielen kann wie ein arthroskopischer Eingriff.
Eine bildgebende Diagnostik ist laut Fachinformationen abseits von akuten Unfällen oder Warnzeichen wie Überwärmung, Schwellung und Fieber meist nicht zwingend erforderlich.
Neben den klinischen Effekten belegen ökonomische Daten die Bedeutung bewegungstherapeutischer Maßnahmen. Eine Relevanzanalyse von Physio Austria und Economica bezifferte das jährliche Einsparpotenzial durch Physiotherapie allein bei Kniearthrose in Österreich auf 12 bis 32 Millionen Euro.
In weiteren Versorgungsbereichen identifizierte die Analyse ebenfalls deutliche Entlastungspotenziale: Bei chronischen Rückenschmerzen könnten jährlich 16 bis 34 Millionen Euro an Operationskosten und 43 bis 87 Millionen Euro an Krankenstandskosten vermieden werden.
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Für die Sturzprävention bei älteren Menschen wurde ein Potenzial von bis zu 32 Millionen Euro pro Jahr ermittelt, während Physiotherapie in der koordinierten Schlaganfall-Frührehabilitation die Krankenhauskosten um 10 bis 60 Millionen Euro (mittleres Szenario: rund 29 Millionen Euro) senken könnte. Die Studienautorinnen und -autoren wiesen darauf hin, dass es sich hierbei um eigenständige Nutzenbereiche handelt, die nicht addiert werden dürfen.
Konservative Grenzen und operative Abwägungen
Es existiert keine feste Zeitspanne dafür, wie lange Betroffene ohne Operation mit Arthrose leben können. Während manche Patienten über Jahrzehnte hinweg mit Bewegung, Physiotherapie und Gewichtsreduktion zurechtkommen, erreichen andere nach wenigen Jahren funktionelle Grenzen.
Kniechirurgen der Universitätsklinik Balgrist weisen darauf hin, dass regenerative Verfahren und Knorpelzüchtungen vor allem bei lokal begrenzten Schäden infrage kommen, bei flächiger Abnutzung jedoch ungeeignet sind.
Zudem bilden Gelenkersatz und Züchtungen die natürliche Kniebiomechanik bislang nicht vollständig nach. Eine Beinachsenkorrektur kann den Einsatz eines künstlichen Gelenks in geeigneten Fällen um 10 bis 15 Jahre hinauszögern.
Ein vollständiger Gelenkersatz bleibt eine Option, wenn konservative Ansätze ausgeschöpft sind und Alltagsaktivitäten dauerhaft beeinträchtigt bleiben, wobei die Entscheidung primär anhand von Beschwerden und Funktion und nicht allein auf Basis von Röntgenbildern getroffen wird.

