Krankschreibungs-Reform, Millionen

Krankschreibungs-Reform: 30 Millionen Extra-Besuche drohen

Veröffentlicht am: 05.07.2026 um 21:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die geplante Abschaffung der Telefon-Krankschreibung stößt auf breite Kritik von Ärzten und Ökonomen.

Krankschreibungs-Reform: Streit um Attestpflicht ab Tag eins
Nahaufnahme einer Hand, die auf ein medizinisches Formular schreibt, im Hintergrund ein Stethoskop. Symbolisiert BĂĽrokratie im Gesundheitswesen. Illustration mit AI erstellt ĂĽbermittelt durch boerse-global.de

Während die Koalition den hohen Krankenstand senken will, warnen Ärzte und Ökonomen vor bürokratischem Kollaps und gesundheitlichen Risiken.

Attestpflicht ab Tag eins – mehr krank statt weniger?

Ein Kernpunkt der Reform: Die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden, die Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag gelten. Daniel Graeber, Ökonom am DIW, bezweifelt, dass dies den Krankenstand senkt. Im Gegenteil: Praxisbesuche erhöhten das Ansteckungsrisiko im Wartezimmer. Zudem führten frühe Attestpflichten oft zu längeren Krankschreibungen.

Die Daten untermauern die Skepsis. Laut Barmer-Krankenkasse und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung machten Telefon-AUs zuletzt nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen aus. Ein wesentlicher Treiber für hohe Fehlzeiten war das Instrument also nie.

30 Millionen Extra-Besuche – Praxen am Limit

Der Hausärzteverband spricht von Symbolpolitik. Die geplante Attestpflicht könnte jährlich rund 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche auslösen. Die Folgen: überlastete Praxen und weniger Zeit für ernsthaft Erkrankte.

Auch DAK-Chef Andreas Storm warnt vor einem Chaos in den Arztpraxen. Statt härterer Regeln schlägt er eine Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild vor. Arbeitnehmer könnten trotz gesundheitlicher Einschränkungen stundenweise arbeiten. Gesundheitsministerin Nina Warken prüft solche Modelle derzeit.

Steigende Krankentage – die Statistik hinter der Debatte

Die Fehlzeiten in Deutschland steigen seit Jahren. Laut BKK-Dachverband kletterten die Krankentage von 18 (2016) auf 22 (2024). 40 bis 60 Prozent dieses Anstiegs seit 2022 sind auf die elektronische Krankschreibung (eAU) zurückzuführen – die eine lückenlosere Erfassung ermöglicht.

Anzeige

Angesichts steigender Krankentage und strengerer Regeln wird ein rechtssicheres Fehlzeiten-Management für Betriebe immer wichtiger. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, wie ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) rechtssicher abläuft. Vollständige BEM-Anleitung mit Muster-Betriebsvereinbarung jetzt kostenlos herunterladen

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit 6,8 Prozent verlorener Arbeitszeit auf Rang sieben. Länder wie Norwegen (10,7 Prozent) oder Finnland (10,0 Prozent) verzeichnen deutlich höhere Ausfallraten. Auffällig: Langzeiterkrankungen über sechs Wochen verursachten 2024 rund 40 Prozent aller Fehltage.

Was gilt für bestehende Verträge?

Arbeitsrechtlich gibt es eine wichtige Einschränkung. Paul Krusenotto von der Rechtsberatung Allright betont das Günstigkeitsprinzip: Enthalten bestehende Verträge Klauseln, die ein Attest erst ab dem dritten oder vierten Tag verlangen, bleiben diese auch bei einer Gesetzesverschärfung gültig. Individuelle Vereinbarungen sind weiterhin möglich.

Gespaltene Bevölkerung – klare Fronten

Die Meinungen in der Bevölkerung gehen auseinander. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 59 Prozent lehnen die Attestpflicht ab Tag eins ab, 58 Prozent sind gegen die Abschaffung der Telefon-AU. Eine INSA-Erhebung ergab 43 Prozent Zustimmung und 44 Prozent Ablehnung. Besonders junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sind mit 51 Prozent dagegen, während Über-70-Jährige die Pläne mehrheitlich befürworten.

Anzeige

Ob Attestpflicht oder Kündigungsfristen – viele Arbeitsverträge enthalten heute veraltete Klauseln, die bei Rechtsänderungen zur teuren Falle werden können. Erfahren Sie in diesem Gratis-Report, wie Sie rechtssichere Verträge auf dem neuesten Stand erstellen und Bußgelder vermeiden. 19 sofort einsetzbare Muster-Formulierungen hier sichern

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßt die Reform als notwendigen Schritt für die Produktivität. Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt dagegen vor steigendem Präsentismus – Beschäftigte, die krank zur Arbeit kommen, riskieren schwerere Krankheitsverläufe.

Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.

de | wissenschaft | 69699784 |