Langlebigkeit: Lebensstil bestimmt 70–80% der Lebenserwartung
Veröffentlicht am: 24.08.2026 um 07:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Expertenmeinungen unterstreichen die zentrale Rolle des individuellen Lebensstils für ein langes und gesundes Leben.
Im Vorfeld des Kongresses des Longevity Forum Deutschland, der für Anfang September in Hamburg terminiert ist, erläuterte Professor Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in einem Interview am 22. August 2026, dass genetische Faktoren die Lebesserwartung lediglich zu etwa 20 bis 30 Prozent bestimmen. Wesentlich entscheidender seien Faktoren wie Nichtrauchen, ausreichende Bewegung, eine ausgewogene Ernährung sowie erholsamer Schlaf.
Ernährung und Supplementierung im Fokus der Forschung
Ein zentraler Aspekt der Langlebigkeit ist die tägliche Nährstoffzufuhr. Professor Kluge wies darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmittel trotz Milliardenumsätzen in der Branche oft keinen wissenschaftlich belegten Nutzen vorweisen könnten.
Ähnlich äußerte sich der Dermatologe Professor Volker Steinkraus, der in einem Gespräch am 22. August 2026 betonte, dass Altern ein Naturgesetz sei, das jedoch zu zwei Dritteln durch den Lebensstil beeinflusst werde. Er empfahl unter anderem die Einnahme von Vitamin D am Morgen sowie funktionale Übungen wie einbeiniges Zähneputzen zur Sturzprophylaxe.
In Bezug auf die konkrete Ernährungsgestaltung raten Experten der Deutschen Sporthochschule Köln zu einem energiereichen Frühstück mit Kohlenhydraten, einem vitalstoffreichen Mittagessen und einer eiweißbetonten Abendmahlzeit, wobei auf Zwischenmahlzeiten verzichtet werden sollte.
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Eine großangelegte multinationale Studie mit über 400.000 Teilnehmenden im Alter zwischen 37 und 70 Jahren (EPIC & UK Biobank) belegte zudem, dass eine stärker pflanzenbasierte Ernährung mit einem um 32 Prozent geringeren Risiko für Multimorbidität, insbesondere in Bezug auf Krebs und kardiometabolische Erkrankungen, verbunden ist.
Auch die ELSA-Studie mit über 3.000 Probanden deutet darauf hin, dass eine mediterrane Ernährungsweise das psychische Wohlbefinden stabilisieren kann.
Die Debatte um die Proteinzufuhr im Alter
Ein kontrovers diskutiertes Thema in der Altersforschung bleibt die Proteinzufuhr. Während in der Vergangenheit teilweise eine Proteinrestriktion zur Lebensverlängerung diskutiert wurde, kritisieren Experten in einem aktuellen Review von Cell Press diesen Ansatz als unzureichend belegt.
Für ältere Menschen sowie Patienten, die GLP-1-Rezeptor-Agonisten einnehmen, sei eine zu geringe Proteinzufuhr sogar riskant, da sie Sarkopenie und Gebrechlichkeit fördern könne.
US-Richtlinien für den Zeitraum 2025 bis 2030 empfehlen eine Zufuhr von 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Kardiologen wie Dr. Alok Chopra betonen dabei die Notwendigkeit individueller Anpassungen: Während für gesunde Erwachsene 0,8 Gramm ausreichen könnten, benötigen Personen über 65 Jahre in der Regel 1,0 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Pharmazeutische Ansätze und biologische Marker
Neben der Ernährung rücken medikamentöse Therapien in den Fokus der Longevity-Forschung. Auf dem ESC-Kongress im August 2026 wurde eine Studie mit über 17.000 Teilnehmenden vorgestellt, die über einen Zeitraum von drei Jahren die Wirkung von Semaglutid untersuchte. Die Ergebnisse zeigten, dass das Medikament die Gesamtsterblichkeit und Entzündungswerte unabhängig vom Gewichtsverlust senkte.
Nach 32 Wochen waren die Patienten biologisch durchschnittlich 3,1 Jahre jünger; die Gehirnalterung wurde um fast fünf Jahre zurückgestellt. Professor Harlan Krumholz von der Yale University unterstrich in diesem Zusammenhang die weitreichenden systemischen Effekte des Wirkstoffs.
In der Grundlagenforschung lieferte eine Studie der Universität Osaka, veröffentlicht in Cell Reports am 22. August 2026, neue Erkenntnisse über das Immunsystem von Superhundertjährigen. Bei Personen über 110 Jahren machen spezifische CD4-CTL-Hybridzellen 17,6 Prozent aller T-Zellen aus, während dieser Anteil bei jüngeren Menschen lediglich bei 4 Prozent liegt.
Diese Zellen sind in der Lage, Tumorzellen und Viren effizient zu eliminieren. Studienleiter Kosuke Hashimoto betonte, dass sich das Immunsystem im hohen Alter offensichtlich reorganisiere, statt lediglich zu erschöpfen.
Körperliche Fitness als Prädiktor für Langlebigkeit
Die Bedeutung körperlicher Kraft und Ausdauer wird durch aktuelle Daten der Women’s Health Initiative untermauert. Eine Untersuchung an 5.472 Frauen im Alter von 63 bis 99 Jahren ergab, dass eine höhere Griffkraft die Sterblichkeit über einen Beobachtungszeitraum von 8,3 Jahren signifikant senkt.
Muskelkraft gilt demnach als eigenständiger Marker für gesundes Altern, unabhängig von der allgemeinen Gehgeschwindigkeit oder anderen Entzündungswerten.
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Zudem zeigt eine Metaanalyse im Lancet Public Health, die Daten von über 4,2 Millionen Menschen auswertete, dass der Kontext der körperlichen Betätigung entscheidend ist: Während Freizeitaktivitäten das Demenzrisiko um 24 Prozent senken, ist schwere körperliche Arbeit mit einem um 20 Prozent erhöhten Risiko verbunden.
Ergänzend dazu weist eine japanische Langzeitstudie darauf hin, dass eine hohe kardiorespiratorische Fitness den altersbedingten Abbau der Nierenfunktion verlangsamen kann.
