Langlebigkeit: Metformin verlängert Lebensspanne um bis zu 40%
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 14:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Weltweit beschäftigen sich Wissenschaftler, Unternehmen und Einzelpersonen zunehmend mit der Frage, wie sich nicht nur die Lebensspanne, sondern vor allem die gesunde Lebensspanne verlängern lässt. Berichte aus unterschiedlichen Ländern zeichnen ein Bild eines Feldes, das zwischen seriöser Wissenschaft, wirtschaftlichem Kalkül und individuellem Optimierungsdrang oszilliert.
Die Silver Economy als Wirtschaftsfaktor
Die Deutsche Bank beschreibt Langlebigkeit als Megatrend: Die sogenannte Silver Economy umfasse 64 Marktsegmente. Menschen ab 60 Jahren stellten 15 Prozent der Weltbevölkerung, tätigten aber 27 Prozent der globalen Konsumausgaben. Die Größe der Silver Economy wird für das laufende Jahr auf 4,5 Billionen US-Dollar geschätzt.
Die Lebenserwartung liege heute bei 80 bis 90 Jahren. Auch der globale Longevity-Markt wächst: Eine Sonderausgabe der Zeitschrift Science mit Beiträgen asiatischer Experten bezifferte ihn 2022 auf 526 Milliarden US-Dollar bei einer jährlichen Wachstumsrate von 8,3 Prozent.
Die Autoren verwiesen darauf, dass in Asien 2023 rund 617 Millionen Menschen über 65 Jahre alt waren – bis 2050 könnten es über 1,3 Milliarden sein – und forderten neun Prioritäten, darunter Regulierung, Infrastruktur und Datenbanken für ein gesundes Altern.
Wirkstoffe zwischen Hoffnung und Vorsicht
Ein Review in der Fachzeitschrift Aging beschäftigt sich mit Metformin als möglichem Verlangsamer von Alterungsprozessen: Bei C.-elegans-Würmern verlängerte sich die Lebensspanne um 36 bis 40 Prozent, bei Mäusen je nach Modell um 5,8 bis 20,1 Prozent. Eine Affenstudie zeigte nach 40 Monaten eine verlangsamte biologische Alterung. Die geplante TAME-Studie soll dies am Menschen untersuchen.
Eine Studie in Nature Medicine, die 51 Interventionsstudien mit 16 epigenetischen Uhren auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass mediterrane Diät, Bewegung, Metformin, Semaglutid und Anti-TNF-Therapien das epigenetische Alter senkten – Nahrungsergänzungsmittel dagegen kaum Effekte zeigten. Fachleute rieten den Autoren zufolge weiterhin zu etablierten Maßnahmen.
Auch Lithium gilt als Trendthema: Eine Harvard-Studie aus dem Jahr 2025 stellte einen Zusammenhang mit Alzheimer her, Tierversuche kehrten Gedächtnisverlust um. Experten warnten jedoch vor Selbstmedikation, da eine Überdosierung gefährlich sei; in der EU ist Lithium nicht als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Natürliche Quellen seien Vollkorn, Hülsenfrüchte und Mineralwasser.
Biohacking, Bluttests und ihre Grenzen
Der Neurologe Alejandro Andersson ordnete Biohacking als Prävention durch Technologie ein und betonte, dass evidenzbasierte Maßnahmen wie Bewegung, Schlaf und Ernährung die stärkste wissenschaftliche Basis hätten. Die globale Wellness-Wirtschaft übersteige demnach 2 Billionen US-Dollar, wobei regulatorische Grenzen und fehlende Evidenz bei einigen Therapien bestünden.
Ein Beispiel für diese Bewegung ist der 28-jährige Neuseeländer Connor McNall, der dem Vorbild von Bryan Johnson folgt und rund 1.500 US-Dollar jährlich für Bluttests ausgibt. Kliniken wie Vitalis in Auckland bieten entsprechende Tests ab 1.900 US-Dollar an; die Klinik Everlab entdeckte bei einem 41-jährigen Klienten eine verstopfte Arterie. Experten warnten jedoch vor unnötigen Screenings.
Von der optimalen zur adäquaten Gesundheit
Ein Perspective-Artikel in Biogerontology von Daniel Hernández-Pando aus Mexico City argumentiert, die Medizin verwechsle häufig ärztlich definierte "optimale" Gesundheit mit patientendefinierter "adäquater" Gesundheit.
Am Beispiel Mexikos verwies der Autor auf 32 Millionen Menschen über 50 Jahre (2024), eine Hypertonie-Prävalenz von 43,3 Prozent bei über 53-Jährigen und eine Diabetes-Rate von 25,6 Prozent. Soziale Gebrechlichkeit sage die Sterblichkeit über neun Jahre voraus. Out-of-pocket-Ausgaben machten rund 39 Prozent der Gesundheitsausgaben aus, 2020 lebten 37,9 Prozent der über 65-Jährigen in Armut.
Etwa jeder dritte Patient über 70 verlasse das Krankenhaus mit geringerer Leistungsfähigkeit als zuvor; katastrophale Gesundheitsausgaben hätten 2019 rund 2 Milliarden Menschen in Armut getrieben. Ein umfassendes geriatrisches Assessment habe in 21 Studien mit rund 7.900 Teilnehmern ungeplante Krankenhauseinweisungen um etwa ein Sechstel reduziert.
Die "rote Zone" nach der Lebenserwartung
Andrew Scott, Autor von "The Longevity Imperative", beschreibt eine "rote Zone" der Verschlechterung für die meisten Menschen, die über die durchschnittliche Lebenserwartung hinausleben. In Argentinien liege die gesunde Lebenserwartung nach Angaben von Andrés Zapata (Haleon) rund zehn Jahre unter der Gesamtlebenserwartung.
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Scott fordert eine "zweite Langlebigkeitsrevolution" und verweist auf das Gompertz-Gesetz, wonach sich die Sterbewahrscheinlichkeit alle sieben bis acht Jahre verdoppelt. Er schlägt "Resets" in Form von Sabbaticals im Alter zwischen 40 und 60 Jahren vor und erinnert an die Entdeckung von Cynthia Kenyon aus dem Jahr 1993, wonach die Veränderung des daf-2-Gens die gesunde Lebensspanne bei Tieren verdoppelte.
Multimorbidität im Alter besser verstehen
Das SPRINTT-Projekt, an dem Forscher der Università Cattolica del Sacro Cuore sowie des Karolinska Institutet beteiligt waren, analysierte in einer in Nature Aging erschienenen Studie rund 1.200 Menschen über 70 Jahre mit körperlicher Gebrechlichkeit, Sarkopenie und mindestens zwei chronischen Krankheiten.
Die Forscher identifizierten vier Multimorbiditätsmuster – aspezifisch, respiratorisch, psychiatrisch und kardiometabolisch – und stellten fest, dass der Nutzen von Interventionen bei psychiatrischen und aspezifischen Profilen am deutlichsten ausfiel. Weitere Analysen erschienen in BMJ und The Lancet Healthy Longevity.
Lebensstil bleibt zentraler Hebel
Prof. Dr. Birkan ?lhan vom Liv Hospital Vadistanbul betonte, dass sich das biologische Alter durch Lebensstil verlangsamen lasse. Er empfahl regelmäßige Bewegung und eine ausreichende Proteinzufuhr – nach ESPEN-Richtlinien mindestens etwa 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich, für gesunde Menschen 1,0 bis 1,2 Gramm, bei Krankheit bis zu 1,5 Gramm.
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Für einen 70 Kilogramm schweren älteren Menschen entspreche dies rund 70 bis 84 Gramm Protein täglich, bei einer Lungenentzündung bis zu 100 Gramm. Ergänzend nannte er mediterrane Ernährung, die Kontrolle chronischer Erkrankungen und ausreichenden Schlaf, warnte jedoch vor wahlloser Nahrungsergänzung ohne belastbare Evidenz für eine tatsächliche Lebensverlängerung.
Auch die Kurstadt Bad Wörishofen setzt auf Lebensstil-Ansätze: 140 Jahre nach Sebastian Kneipps Buch "Meine Wasserkur" von 1886 erweitert die Stadt ihr klassisches Kneipp-Angebot um Fasten, Schlafkuren und Waldbaden – ein neues Format, das sich insbesondere an Frauen richtet, die eine Auszeit vom Alltag suchen.
Künstliche Intelligenz als Frühwarnsystem
Nathan Price stellte in einem TED-Vortrag die Idee vor, künstliche Intelligenz als eine Art "Gesundheits-GPS" zu nutzen, das die gesunde Lebensspanne verlängern soll, statt lediglich Krankheiten zu behandeln. Die Unterscheidung zwischen Lebensspanne und gesunder Lebensspanne stehe dabei im Zentrum: KI-Systeme könnten Gesundheitsdaten integrieren, Abweichungen früh erkennen und präventive Eingriffe ermöglichen.
Der Fall der ältesten Frau der Welt
Einen anderen Zugang wählte eine Studie von Manel Esteller von der Universität Barcelona, veröffentlicht in Cell Reports Medicine. Sie untersuchte das genetische Profil von Maria Branyas Morera, die als ältester Mensch der Welt am 19. August 2024 im Alter von 117 Jahren starb.
Die Forscher fanden Genvarianten, die mit Langlebigkeit verbunden sind, darunter sieben neuartige. Ihre Zellen zeigten eine überlegene DNA-Reparatur, Entzündungskontrolle und mitochondriale Funktion, ohne Risikovarianten für Krebs, Alzheimer oder Diabetes. Ihr Immunsystem war robust, das Darmmikrobiom reich an entzündungshemmenden Bakterien.
Ihr biologisches Alter lag den Forschern zufolge rund 23 Jahre unter ihrem chronologischen Alter. Zu ihrem Lebensstil gehörten mediterrane Ernährung, täglich drei Portionen Joghurt, regelmäßiges Gehen, Gartenarbeit und soziale Interaktion – Faktoren, die sich in den übrigen hier vorgestellten Studien immer wieder als zentrale Bausteine gesunden Alterns wiederfinden.
