Lebensmittel-Apps: Toxikologe kritisiert methodische Schwächen
Veröffentlicht am: 12.08.2026 um 07:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Lebensmittelsicherheit wird die Zuverlässigkeit mobiler Warn-Apps kritisch hinterfragt. Die Analyse zeigt deutliche methodische Schwächen bei der Bewertung von Inhaltsstoffen auf. Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass viele dieser Anwendungen lediglich das abstrakte Gefahrenpotenzial eines Stoffes betrachten, anstatt das tatsächliche Gesundheitsrisiko für den Verbraucher fundiert abzuwägen.
Methodische Unterschiede bei der Risikobewertung
Wie aus einem aktuellen Bericht hervorgeht, basieren die Bewertungen vieler Lebensmittel-Apps auf Daten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Diese Organisation klassifiziert Stoffe nach ihrem grundsätzlichen Gefahrenpotenzial – also der Frage, ob ein Stoff unter bestimmten Bedingungen überhaupt schädlich sein könnte. Der Toxikologe Lothar Aicher vom Schweizer Zentrum für angewandte Humantoxikologie (SCAHT) in Basel weist darauf hin, dass diese Betrachtungsweise für eine individuelle Konsumempfehlung oft nicht ausreiche.
Im Gegensatz dazu orientiert sich die wissenschaftliche Risikobewertung, wie sie etwa von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vorgenommen wird, an der tatsächlich aufgenommenen Menge eines Stoffes. Während das Gefahrenpotenzial lediglich eine theoretische Eigenschaft beschreibt, berücksichtigt die Risikobewertung die Exposition. Aicher betont in diesem Zusammenhang das klassische toxikologische Prinzip, wonach erst die Dosis darüber entscheidet, ob ein Stoff eine giftige Wirkung entfaltet. Viele Apps würden diesen wesentlichen Faktor bei ihrer algorithmischen Beurteilung vernachlässigen.
Uneinheitliche Ergebnisse am Beispiel Ovomaltine
Wer sich beim Einkaufen auf Lebensmittel-Apps verlässt, sollte die Ergebnisse kritisch hinterfragen: Der Toxikologe Lothar Aicher zeigt, warum viele Apps nur das Gefahrenpotenzial bewerten und das echte Risiko außer Acht lassen. Unser kostenloser Leitfaden hilft Ihnen, Bewertungen richtig einzuordnen und fundierte Kaufentscheidungen zu treffen. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Die praktischen Auswirkungen dieser unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe lassen sich an konkreten Produkten beobachten. Am Beispiel des Getränkepulvers Ovomaltine verdeutlichte der Toxikologe die Diskrepanzen zwischen verschiedenen Anwendungen. So werde der Zusatzstoff Calciumcarbonat in einigen Apps als unbedenklich eingestuft, während andere ein begrenztes Risiko ausweisen.
Auch bei der Beurteilung von Nährwerten wie dem Zuckergehalt zeigen sich laut Aicher erhebliche Unterschiede. Je nach App und hinterlegtem Bewertungsmodell werde derselbe Zuckeranteil mal als gering und mal als hoch deklariert. Solche widersprüchlichen Informationen könnten bei Verbrauchern eher zu Verunsicherung als zu einer fundierten Kaufentscheidung führen.
Grenzen der digitalen Inhaltsstoffprüfung
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Ein weiteres Defizit der mobilen Anwendungen liegt in ihrer limitierten Datenquelle. Die Apps sind darauf angewiesen, die auf der Verpackung deklarierte Zutatenliste per Barcode-Scan auszulesen und mit Datenbanken abzugleichen. Lothar Aicher gibt zu bedenken, dass auf diesem Weg lediglich die absichtlich zugesetzten Stoffe bewertet werden können.
Potenzielle Schadstoffe oder Kontaminationen, die während der Produktion, Lagerung oder durch Umweltfaktoren in ein Lebensmittel gelangen können, werden von den Apps nicht erfasst. Da diese Stoffe nicht auf der Zutatenliste stehen, bleiben sie für die digitalen Helfer unsichtbar. Eine umfassende Sicherheitsbewertung eines Lebensmittels sei daher allein auf Basis einer App-Analyse nicht möglich. Die Untersuchung legt nahe, dass Verbraucher die Ergebnisse solcher Anwendungen kritisch hinterfragen und eher als grobe Orientierung denn als abschließendes wissenschaftliches Urteil betrachten sollten.
