Leisure-Sickness: 72% kennen Burnout im Urlaub – Studie warnt
16.06.2026 - 08:49:23 | boerse-global.de
Die Ferienzeit wird für immer mehr Beschäftigte zum Moment der Wahrheit. Sobald der berufliche Alltag pausiert, meldet sich der Körper mit den über Monate aufgebauten Defiziten.
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Wenn die Freizeit zur Qual wird
Burnout-Expertin Stefanie Schnier beobachtet das Phänomen regelmäßig: Viele Menschen bemerken ihre psychische Erschöpfung erst im Urlaub. Das sogenannte „Leisure-Sickness“-Syndrom macht sich dann breit.
Eine Studie der IU Internationalen Hochschule aus Anfang 2025 belegt das Ausmaß. Von mehr als 2.000 Befragten kennen 72 Prozent dieses Phänomen. Fast jeder Fünfte leidet immer oder häufig in Erholungsphasen unter Müdigkeit, Schlafproblemen oder Reizbarkeit.
Hauptgrund ist die fehlende Abgrenzung zum Job. Laut der Studie beeinträchtigt die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit bei über der Hälfte der Befragten die Erholung. Rund 37 Prozent checken sogar im Urlaub ihre beruflichen E-Mails.
Noch extremer ist die Lage in Italien: Eine Untersuchung des Centro Studi Pool Pharma vom Juni 2026 zeigt, dass neun von zehn Italienern täglich berufliche Nachrichten prüfen. Das hält das Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft.
Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch
Die Fehlzeitenstatistiken sprechen eine klare Sprache. Der Psychreport 2025 der DAK-Gesundheit wertete Daten für 2024 aus. Ergebnis: 17,4 Prozent aller Fehltage gehen auf psychische Diagnosen zurück. Besonders Depressionen belasten – sie verursachen statistisch 183 Fehltage je 100 Versicherte.
Besonders betroffen sind soziale Berufe. Pflegekräfte, Beschäftigte im Gesundheitswesen und in Kitas leiden überdurchschnittlich häufig. Doch auch bei jungen Menschen steigen die Zahlen rasant.
Analysen für den Zeitraum 2018 bis 2023 belegen: Die Zahl diagnostizierter Depressionen bei den 5- bis 24-Jährigen stieg um 30 Prozent auf über 400.000 Betroffene. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Bereits 2020 verursachten psychische Störungen Kosten von rund 56,4 Milliarden Euro.
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Burnout: Ein schleichender Prozess
Facharzt Gernot Langs betont: Burnout ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Syndrom, das sich über Jahre entwickelt. Zu den klassischen Warnsignalen zählen anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen und emotionale Distanzierung. Auch physische Beschwerden wie Rückenschmerzen, Tinnitus oder Herzrasen können auftreten.
Die Ursachen liegen oft in der modernen Arbeitswelt. Der DGB-Index „Gute Arbeit 2025“ zeigt: 43 Prozent der Beschäftigten arbeiten regelmäßig länger als acht Stunden am Tag. Fast die Hälfte dieser Gruppe fühlt sich nach der Arbeit leer und ausgebrannt.
Dr. Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) warnt vor einer Aufweichung der täglichen Höchstarbeitszeiten. Das Arbeitszeitgesetz habe eine essenzielle Schutzfunktion für Gesundheit und Produktivität.
Politik plant Teilkrankschreibung
Die steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen erfordern neue Lösungen. Eine für Januar 2027 geplante Gesundheitsreform unter Ministerin Nina Warken sieht die Einführung einer Teilkrankschreibung vor.
Ärzte sollen künftig eine Arbeitsfähigkeit von 25, 50 oder 75 Prozent bescheinigen können – vorausgesetzt, der Arbeitgeber stimmt zu und die Erkrankung dauert voraussichtlich länger als vier Wochen. Das Modell ermöglicht einen gleitenden Wiedereinstieg. Der Arbeitnehmer erhält anteilig Lohn und Krankengeld.
Parallel experimentieren Unternehmen mit flexiblen Arbeitsmodellen wie Workation oder Bleisure – der Kombination von Geschäftsreisen und Urlaub. Laut der VDR-Geschäftsreiseanalyse 2026 erlaubten bereits 53 Prozent der Unternehmen solche Modelle.
Experten mahnen jedoch zur Vorsicht. Die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber und steuerliche Risiken durch mobile Arbeit im Ausland sind noch nicht geklärt. Als Gegenbewegung zur ständigen Erreichbarkeit gewinnen „Digital Detox“ und Gadgets zur Reduzierung der Bildschirmzeit an Bedeutung.
