Longevity: WHO-Daten zeigen 11,2 Jahre Lücke zwischen Leben und Gesundheit
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 23:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Debatte über das Altern rückt ein grundlegender Paradigmenwechsel in den Mittelpunkt: Anstelle einer reinen Verlängerung der absoluten Lebensdauer zielt die moderne Longevity-Medizin verstärkt auf die Verlängerung der gesunden Lebensspanne, die sogenannte Healthspan.
Mehrere Medienberichte zeichnen das Bild eines wachsenden Sektors, der sich zwischen präventiven Lebensstilansätzen, milliardenschweren Kapitalströmen und einer deutlichen Lücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und kommerziellen Heilsversprechen bewegt.
Die Lücke zwischen Lebenszeit und Vitalität
Daten der Weltgesundheitsorganisation verdeutlichen die Diskrepanz zwischen erreichter Lebenszeit und Jahren in voller Gesundheit. Laut dem HALE-Index beträgt die Lebenserwartung in der Europäischen Union durchschnittlich 77,9 Jahre, während die gesunde Lebensspanne bei 66,7 Jahren liegt – eine Differenz von rund 11,2 Jahren mit chronischen Leiden.
In der Schweiz stehen 83,8 Jahren Gesamtlebenserwartung 71,2 gesunde Jahre gegenüber. Für Polen verzeichnet die WHO Werte von 77,5 zu 66,1 Jahren und für Rumänien 75,6 zu 64,8 Jahren.
Für über 80 Prozent des Verlusts funktionaler Gesundheit sind laut WHO vier Hauptursachen verantwortlich: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz sowie metabolische Fehlfunktionen. Dabei gelten bis zu 80 Prozent der vorzeitigen Herz-Kreislauf-Leiden, Schlaganfälle und Typ-2-Diabetes-Fälle als vermeidbar.
Das Robert Koch-Institut beziffert die verbleibende gesunde Lebenszeit für 65-jährige Frauen in Deutschland auf rund zehn Jahre, für Männer auf neun Jahre.
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Wachsender Markt rund um die Healthspan
Der wirtschaftliche Druck und das Marktpotenzial steigen angesichts des demografischen Wandels. Nach Branchenprognosen verdoppelt sich die Zahl der über 60-Jährigen weltweit bis 2050 auf 2,1 Milliarden Menschen, während das Durchschnittsalter in Europa bei rund 50 Jahren liegt.
Laut dem zweiten Global Healthspan Report der Hevolution Foundation beliefen sich die weltweiten Investitionen in den Bereich Healthspan im Jahr 2024 auf 7.300 Millionen US-Dollar, nach 3.480 Millionen US-Dollar im Jahr 2023 und dem Spitzenwert von 8.800 Millionen US-Dollar im Jahr 2021.
Bis 2035 soll der globale Longevity-Markt laut Industrieanalysen bei einer erwarteten jährlichen Wachstumsrate von rund 10,37 Prozent auf 63 Milliarden US-Dollar anwachsen. Zu den fünf Kernsegmenten zählen Anti-Aging-Biotechnologie, personalisierte Prävention, Ernährung, Biomonitoring und Wellness.
Die Hevolution Foundation prognostiziert zudem, dass der globale Markt für Wearables bis 2032 ein Volumen von 231.000 Millionen US-Dollar erreichen könnte. Ein einziges zusätzliches gesundes Lebensjahr könnte nach Angaben des Reports allein in den USA einen wirtschaftlichen Wert von bis zu 40 Billionen US-Dollar generieren.
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Gesicherte Grundlagen statt schneller Verjüngung
Trotz hochpreisiger Angebote – von Mitgliedschaften bei US-Anbietern wie Fountain Life für bis zu 23.500 US-Dollar bis hin zu Treffen vermögender Investoren – betonen Mediziner die Bedeutung belegter Basismaßnahmen. Prof. Michael Denkinger von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie stellt klar, dass Altern keine Krankheit sei.
Für käufliche Verjüngungsmittel, Vitamine oder experimentelle Peptide gebe es bisher keinen belastbaren Nachweis für eine lebensverlängernde Wirkung beim Menschen. Wirksam seien vielmehr regelmäßige Bewegung, Rauchverzicht, wenig Alkohol, Früherkennung und eine ausgewogene Ernährung.
Diesen Ansatz stützen epidemiologische Daten: Prof. Dr. Martin Smollich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein verweist darauf, dass ein gesundheitsförderlicher Lebensstil mit rund 10 bis 13 zusätzlichen Lebensjahren verknüpft ist.
Eine Ernährungsumstellung im Alter von 40 Jahren könne rund zehn Jahre einbringen, im Alter von 70 Jahren noch bis zu fünf Jahre. Klinische Studien zu spezifischen Anti-Aging-Wirkstoffen stehen derweil oft noch am Anfang; so war die großangelegte Metformin-Studie TAME bis 2026 nicht wie geplant gestartet.
Auch zellbiologische Erfolge, wie die Reprogrammierung von Blutzellen an der Universität Bonn, dienen Forschern um Oliver Brüstle vorrangig als Krankheitsmodelle für Alzheimer und Parkinson und nicht als anwendungsbereite Anti-Aging-Therapien.
