MangelernÀhrung im Krankenhaus: MHH und TK starten systematisches Screening
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 19:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deKrankheitsbedingte MangelernĂ€hrung gilt in der stationĂ€ren Versorgung als gravierendes, im Versorgungsalltag jedoch hĂ€ufig vernachlĂ€ssigtes Problem. Ein QualitĂ€tsvertrag zwischen der Klinik fĂŒr Gastroenterologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Techniker Krankenkasse (TK) soll diese LĂŒcke schlieĂen.
Die Vereinbarung sieht ein systematisches ErnĂ€hrungsscreening fĂŒr versicherte Patientinnen und Patienten der TK vor. Die Erfassung erfolgt bei der Krankenhausaufnahme, im Verlauf eines lĂ€ngeren Aufenthalts sowie vor der Entlassung und wird ĂŒber zweckgebundene ZuschlĂ€ge finanziert.
Erhebliche Diskrepanz zwischen HĂ€ufigkeit und Diagnosestellung
Dem QualitĂ€tsvertrag ging eine wissenschaftliche Untersuchung der MHH und des UniversitĂ€tsklinikums WĂŒrzburg voraus, die auf deutliche Versorgungsdefizite und daraus resultierende FolgeschĂ€den hinwies. Laut prospektiven Studien liegt die MangelernĂ€hrungsrate in deutschen KrankenhĂ€usern bei mindestens 30â70%. In der klinischen Abrechnungspraxis schlĂ€gt sich diese Quote bisher kaum nieder.
Eine Analyse reprĂ€sentativer Krankenkassendaten durch das Institut fĂŒr angewandte Gesundheitsforschung Berlin belegt die Untererfassung: Nur bei 1,16â1,30% der stationĂ€ren Patientinnen und Patienten wird die Diagnose MangelernĂ€hrung ĂŒberhaupt gestellt. Hinzu kommt eine therapeutische LĂŒcke bei den identifizierten FĂ€llen, da hiervon lediglich 2,77â4,45% eine gezielte ErnĂ€hrungstherapie erhalten.
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Folgen fĂŒr Sterblichkeit, RĂŒckfallquoten und Versorgungskosten
Die Unterversorgung fĂŒhrt zu messbaren Nachteilen fĂŒr die Betroffenen sowie zu einer finanziellen Mehrbelastung des Gesundheitssystems. Aus den zugrundeliegenden Daten des Projekts geht hervor, dass die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten mit MangelernĂ€hrung nach 90 Tagen bei 18,2% lag, wĂ€hrend die Quote in der Kontrollgruppe 7,3% betrug.
Auch das Risiko einer erneuten stationĂ€ren Einweisung erhöhte sich spĂŒrbar: Die Wiederaufnahmerate nach 90 Tagen lag bei 44,9% gegenĂŒber 37,8% in der Vergleichsgruppe.
ZusĂ€tzlich belasten die Krankheitsfolgen die KostentrĂ€ger. Die Gesundheitskosten beliefen sich ĂŒber den Verlauf eines Jahres auf durchschnittlich 18.052 Euro pro Person. Damit lagen die Ausgaben fĂŒr mangelernĂ€hrte Patientinnen und Patienten um 4.396 Euro ĂŒber den Aufwendungen fĂŒr die Kontrollgruppe.
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Bundesweiter Handlungsbedarf in der stationÀren ErnÀhrungstherapie
Die in Hannover adressierten Probleme decken sich mit EinschĂ€tzungen medizinischer Fachgesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrungsmedizin (DGEM) schĂ€tzt die Zahl der jĂ€hrlichen TodesfĂ€lle infolge von MangelernĂ€hrung in Deutschland auf rund 50.000. Nach Angaben der Fachgesellschaft sind rund 30% aller stationĂ€r behandelten Patientinnen und Patienten von einer MangelernĂ€hrung betroffen oder bedroht. DemgegenĂŒber wird jedoch nur rund 1% systematisch auf ein NĂ€hrstoffdefizit untersucht und therapiert.
Um diesen Zustand dauerhaft zu verĂ€ndern, fordert die Fachgesellschaft verbindliche MaĂnahmen. Bis Ende 2027 sollen Politik und FachverbĂ€nde ein einheitliches Konzept erarbeiten, das die Erkennung und gezielte Behandlung krankheitsbedingter MangelernĂ€hrung in deutschen KrankenhĂ€usern strukturell verankert.
