Marathon-ErnÀhrung: 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde revolutionieren den Laufsport
15.05.2026 - 22:52:03 | boerse-global.de
Der kenianische LĂ€ufer Sebastian Sawe durchbrach im Mai 2026 in London als erster Athlet unter offiziellen Bedingungen die Zwei-Stunden-Marke. Doch parallel zur historischen Leistung rĂŒckt eine andere Erkenntnis in den Fokus: Die bisherigen Obergrenzen fĂŒr Kohlenhydrataufnahme mĂŒssen neu definiert werden.
Neue Daten aus dem Journal of Applied Physiology zeigen: Spitzenathleten können bis zu 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde verwerten. Bislang galt die HÀlfte als Maximum.
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Das 120-Gramm-Paradoxon
Bei einer Zufuhr von 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde erzielen SpitzenlĂ€ufer eine um drei Prozent bessere Laufökonomie als bei 60 Gramm. Der Grund: Der Körper greift weniger auf die körpereigenen Glykogenspeicher zurĂŒck und verbrennt weniger Fett. Dadurch sinkt der Sauerstoffbedarf.
Diesen Vorteil erkaufen sich die Athleten mit einem erhöhten Risiko fĂŒr Magen-Darm-Probleme. Ăbelkeit, VöllegefĂŒhl und KrĂ€mpfe traten bei der Höchstdosis vermehrt auf. Die Forscher betonen: 120 Gramm sind eine absolute Obergrenze â und nur fĂŒr trainierte Elite-LĂ€ufer geeignet, die ihr Verdauungssystem monatelang vorbereitet haben.
Die âFueling-LĂŒckeâ im Breitensport
WÀhrend die Elite experimentiert, sieht die RealitÀt bei HobbylÀufern anders aus. Eine Studie von 2025 zeigt: Der durchschnittliche Marathon-Finisher nimmt wÀhrend des Rennens lediglich 21,7 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu sich.
Die körpereigenen Glykogenspeicher reichen bei Renntempo aber nur fĂŒr etwa 90 Minuten. Der berĂŒchtigte Einbruch um Kilometer 30 â oft als âMann mit dem Hammerâ beschrieben â ist hĂ€ufig die direkte Folge dieser Unterversorgung.
Ein LĂ€ufer mit einer Zielzeit von vier Stunden brĂ€uchte 240 bis 360 Gramm Kohlenhydrate ĂŒber die gesamte Distanz. Das entspricht sechs bis neun Energie-Gels. In der Praxis nehmen die meisten FreizeitlĂ€ufer nur drei zu sich.
Darmtraining als SchlĂŒssel
Der Darm ist trainierbar â Ă€hnlich wie die Beinmuskulatur. Durch gezielte Steigerung der Kohlenhydratmenge in langen TrainingslĂ€ufen ĂŒber acht bis zwölf Wochen erhöht sich die Anzahl der Transportproteine im DĂŒnndarm.
Zwei Transportwege spielen dabei eine Rolle:
- SGLT1-Transporter: ZustĂ€ndig fĂŒr Glukose, bei etwa 60 Gramm pro Stunde gesĂ€ttigt
- GLUT5-Transporter: Ăbernimmt die Aufnahme von Fruktose
Moderne Strategien nutzen ein MischverhĂ€ltnis von Glukose zu Fruktose (2:1 oder 1:0,8). So lassen sich beide Wege gleichzeitig nutzen und Gesamtmengen von ĂŒber 90 Gramm pro Stunde erreichen. Ohne dieses Training fĂŒhren hohe Mengen zu osmotischen Ăberlastungen â mit Dehydration und Durchfall als Folge.
Vorbereitung beginnt 48 Stunden vor dem Start
Das klassische âCarbo-Loadingâ wurde prĂ€zisiert. Sportökonomen empfehlen nun 10 bis 12 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht in den 36 bis 48 Stunden vor dem Start. FĂŒr einen 75 Kilo schweren LĂ€ufer bedeutet das 750 bis 900 Gramm tĂ€glich.
Am Renntag selbst sollte die letzte gröĂere Mahlzeit etwa drei Stunden vor dem Start liegen â ballaststoffarm und leicht verdaulich. Toast mit Honig oder helles Porridge sind ideal. Experten warnen: Neue Produkte am Wettkampftag sind tabu. Jedes Gel muss im Training getestet sein.
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Individualisierung statt Kopieren der Elite
Wissenschaftler warnen davor, die Strategien von SpitzenlĂ€ufern eins zu eins auf den Breitensport zu ĂŒbertragen. Frauen oxidieren bei gleicher Belastung tendenziell mehr Fett und weniger Kohlenhydrate als MĂ€nner.
Zudem korreliert das Risiko fĂŒr Magen-Darm-Beschwerden direkt mit IntensitĂ€t und Dauer der Belastung. 30 bis 50 Prozent aller Ausdauerathleten leiden unter Symptomen wie Sodbrennen oder Bauchschmerzen. Bei jenen, die ihre Zufuhr ohne Vorbereitung massiv steigern, ist die Quote deutlich höher.
Die Kunst der Marathon-ErnĂ€hrung: Die individuell vertrĂ€gliche Menge finden, die den energetischen Einbruch verhindert, ohne den Verdauungstrakt zu ĂŒberfordern.
Ausblick: Sensorik und personalisierte Zufuhr
Die Zukunft liegt in der Echtzeit-Messung. Erste Wearables ĂŒberwachen den Glukosespiegel im Gewebe wĂ€hrend der Belastung und zeigen exakt an, wann der nĂ€chste Energieschub nötig ist.
FĂŒr die kommende Saison â allein beim London-Marathon 2025 hatten sich ĂŒber 840.000 Menschen angemeldet â werden datengestĂŒtzte ErnĂ€hrungsplĂ€ne zum Standard fĂŒr ambitionierte Amateure. Ziel: Die LĂŒcke zwischen den empfohlenen 60 bis 90 Gramm und den tatsĂ€chlich konsumierten 21,7 Gramm schlieĂen.
Die Botschaft der Wissenschaft ist klar: Wer schneller laufen will, muss lernen, effizienter zu essen.
