Mentoren im Beruf: 60 Prozent der US-Beschäftigten haben keinen
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 06:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas Konzept von Leidenschaft und beharrlicher Ausdauer, in der Fachwelt als „Grit“ bekannt, galt über Jahre hinweg als einer der zentralen Prädiktoren für persönlichen und beruflichen Erfolg. Die US-amerikanische Psychologin Angela Duckworth von der Universität Pennsylvania erforscht seit zwei Jahrzehnten die Mechanismen hinter außergewöhnlichen Leistungen.
Nachdem sie mit ihrem Werk über Ausdauer weltweite Bekanntheit erlangte, erweitert Duckworth ihre Perspektive nun grundlegend: In ihrem Buch „Situated“ argumentiert sei, dass diese innere Haltung zwar notwendig, aber keineswegs ausreichend sei. Entscheidend für das Erreichen langfristiger Ziele sei vielmehr die konkrete Situation und das unmittelbare Umfeld.
Die Begrenztheit reiner Willenskraft
Duckworth stuft die bloße Willenskraft als das ineffizienteste Werkzeug zur Verhaltenssteuerung ein. Anstatt sich auf mentale Selbstkontrolle zu verlassen, sei es wirkungsvoller, die eigene Umgebung aktiv zu gestalten. Bereits der direkte physische Raum von einem Quadratmeter um einen Menschen herum präge das Verhalten maßgeblich.
Als alltägliches Beispiel nennt die Forscherin die räumliche Trennung von digitalen Störquellen: Eine Untersuchung zeige, dass Lernleistungen steigen, je weiter das Smartphone von der lernenden Person entfernt platziert werde.
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Die bewusste Gestaltung des Umfelds beschränkt sich jedoch nicht auf Gegenstände, sondern umfasst auch soziale Strukturen. Duckworth betont, dass förderliche Situationen ebenso für andere geschaffen werden sollten – etwa durch Eltern oder Führungskräfte im beruflichen Kontext.
Ihr eigener Ansatz half ihr in der Vergangenheit auch privat, als sie nach der Finanzkrise des Jahres 2008 auf diese Weise ihre Ehe stabilisierte. Zudem rät sie dazu, Mentoren aktiv in das eigene Umfeld zu integrieren.
Duckworth unterscheidet dabei drei Typen: punktuelle, projektbezogene und lebenslange Mentoren. Wie Erhebungen des Instituts Gallup zeigen, verfügen derzeit rund 60 Prozent der US-amerikanischen Berufstätigen über keinerlei Mentor.
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Wechselspiel zwischen innerer Haltung und äußeren Bedingungen
Die Neubewertung von Duckworth fügt sich in einen breiteren psychologischen Kontext ein. Für die Entwicklung bei Kindern sieht sie das Zusammenspiel aus Leidenschaft und Ausdauer weiterhin als entscheidenden Erfolgsfaktor, der oft schwerer wiege als Talent oder Intelligenz.
Eltern sollten kleine Etappenziele anerkennen, Ausdauer vorleben, Fehler als Lernchancen vermitteln und durch Routinen die Disziplin stärken. Dabei sei eine ausgewogene Balance zwischen Unterstützung und Eigenverantwortung notwendig, um Selbstständigkeit zu fördern.
Gleichzeitig heben neurowissenschaftliche Erkenntnisse hervor, dass Beharrlichkeit kein isoliertes Charaktermerkmal ist. Sie basiert auf Kontrollfunktionen, Emotionsregulation, Arbeitsgedächtnis und Zielverfolgung.
Da Talent, Intelligenz oder Bildung allein keinen Erfolg garantieren, gewinnt das Verständnis neuronaler Prozesse an Bedeutung: Wiederholtes und gezieltes Üben mit Feedback verändert über neuroplastische Prozesse neuronale Netzwerke.
Eine gestaltete Umgebung und feste Gewohnheiten entlasten dabei das Gehirn und reduzieren den notwendigen Entscheidungsaufwand, während eine übertriebene Beharrlichkeit ohne Erholungsphasen als kontraproduktiv eingestuft wird.
Duckworths erweiterter Ansatz verdeutlicht somit, dass nachhaltige Leistungsfähigkeit erst durch das Zusammenspiel von innerer Entschlossenheit und einer bewusst optimierten Umwelt entsteht.
