Mikroalgen unter Lichtstress: EPA-Anteil steigt auf das 3,88-Fache
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Suche nach nachhaltigen und effizienten Produktionswegen für Omega-3-Fettsäuren treibt derzeit verschiedene Forschungsgruppen und Unternehmen weltweit an. Von gezieltem Lichtstress bei Mikroalgen über Insektenfarmen bis hin zu Seetangzucht und biobasierten Kosmetikwirkstoffen reicht das Spektrum der Ansätze, die in jüngeren Berichten dokumentiert wurden.
Lichtstress steigert Wertstoffe in Mikroalgen – auf Kosten der Biomasse
Eine Studie der Nanjing Tech University zu Lichtstress bei der Mikroalge Schizochytrium sp. HX-308, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Blue Biotechnology, zeigt einen bemerkenswerten Zielkonflikt.
Lichtstress senkte die maximale Biomasse nach 72 Stunden von 50,5 auf 41,3 Gramm pro Liter – ein Rückgang von 18,21 Prozent gegenüber der Dunkelkontrolle. Zugleich verlängerte sich der Fermentationszyklus von 72 auf 96 Stunden.
Trotz der geringeren Biomasse fiel die endgültige Lipidausbeute unter Lichtstress deutlich höher aus: 8,45 Gramm pro Liter gegenüber 6,05 Gramm pro Liter in der Kontrollgruppe, ein Plus von 39,67 Prozent. Besonders auffällig ist der Anstieg des EPA-Anteils an den Gesamtfettsäuren: Unter Lichtstress erreichte er 8,30 Prozent gegenüber 2,14 Prozent in der Kontrolle, was einer 3,88-fachen Steigerung entspricht.
Auch weitere Wertstoffe profitierten. Der Squalen-Gehalt lag am Ende der Fermentation 21,17 Prozent ĂĽber der Kontrolle, Beta-Carotin erreichte 5.675 Mikrogramm pro Liter (4,75-fach gegenĂĽber der Kontrolle) und Astaxanthin 2.081 Mikrogramm pro Liter, ein Plus von 11,39 Prozent.
Eine begleitende RNA-Analyse identifizierte 226 differentiell exprimierte Gene in sämtlichen Vergleichen sowie 788 einzigartige lichtresponsive Gene nach 144 Stunden – ein Hinweis darauf, dass die Alge unter Lichteinfluss ihren Stoffwechsel grundlegend umprogrammiert.
Heterotrophe Fermentation als industrieller Hebel
Ein Fachbeitrag zur mikrobiellen Fermentation von Mikroalgen ordnet solche Ergebnisse in einen größeren Trend ein: Heterotrophe Mikroalgen-Fermentation gilt demnach als möglicher Weg zur industriellen Produktion von ALA und EPA, auch wenn konkrete technische Durchbrüche und belastbare Produktionsdaten darin nicht belegt werden.
Als allgemeine Richtwerte werden genannt, dass heterotrophe Kulturen Zellkonzentrationen von mehreren Dutzend Gramm pro Liter, teils bis 100 Gramm pro Liter erreichen, während phototrophe Kulturen typischerweise bei 0,5 bis 5 Gramm pro Liter liegen.
Die geschätzten Produktionskosten für Mikroalgen-DHA-Öl werden mit 150 bis 400 Yuan pro Kilogramm angegeben; bei Anlagen im Zehntausend-Tonnen-Maßstab werden zusätzliche Kostensenkungen um 30 bis 50 Prozent prognostiziert.
Insektenlarven aus Fischnebenprodukten
Einen anderen Ansatz verfolgen NRGene Canada und die Ile-a-la-Crosse Fish Company mit einem semi-industriellen Versuch, bei dem Larven der Schwarzen Soldatenfliege mit Fischverarbeitungsnebenprodukten gefĂĽttert wurden. Aus 0,3 Tonnen Futter mit einem Anteil von 50 Prozent Fischnebenprodukten entstanden in einem elf Tage dauernden Zyklus rund 90 Kilogramm Larven, bei einer Nass-Futterverwertungsrate von etwa 3,3.
Die Nanjing-Studie zeigt: Lichtstress senkt die Biomasse um 18,21 Prozent, hebt aber den EPA-Anteil auf das 3,88-Fache — bei 96 statt 72 Stunden Zyklus. Wer diesen Zielkonflikt für die eigene Kultur durchrechnen will, findet im kostenlosen Praxisleitfaden die konkreten Stellschrauben. Praxisleitfaden Lichtstress-Fermentation jetzt anfordern
Die Fettsäurezusammensetzung der so produzierten Larven fiel deutlich günstiger aus als bei Standardfutter: Der Omega-3-Anteil an den Gesamtfettsäuren lag bei 5,16 bis 7,94 Prozent gegenüber 1,12 Prozent bei Standardfutter. EPA erreichte 1,14 bis 1,89 Prozent und DHA 0,37 bis 0,65 Prozent, während beide Werte im Kontrollfutter nicht nachweisbar waren.
Das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 verbesserte sich auf bis zu 1,2:1, verglichen mit 12,8:1 bei Standardfutter. Für das Vorhaben ist eine Anlage in Saskatchewan geplant; die Tochtergesellschaft FairGene begann im Juli 2026 mit der Produktion von Eiern der Schwarzen Soldatenfliege, und das Produkt MaxBites ist als Geflügelfutterzusatz vorgesehen.
Seetang gegen Methan und fĂĽr hochreine Inhaltsstoffe
Das Unternehmen SeaStock erhielt eine Aquakulturlizenz fĂĽr Westaustraliens erste kommerzielle landgestĂĽtzte Seetangproduktion; die Anlage in Oakford bei Perth befindet sich im Bau. Produziert werden soll Asparagopsis taxiformis, eine Rotalge, die bei Temperaturen zwischen 19 und 29 Grad Celsius gedeiht.
Laut Forschung der CSIRO kann der Zusatz dieser Alge zum Viehfutter Methanemissionen um bis zu 80 bis 90 Prozent senken; in einer 90-tägigen Fütterungsperiode wurde zudem ein mögliches Wachstumsplus von 20 Prozent erfasst.
Der verarbeitete Asparagopsis-Zusatz liegt laut Angaben zu dem Vorhaben bei unter einem Prozent der Futterration. SeaStock will aus der Alge zudem hochreine Inhaltsstoffe fĂĽr Lebensmittel, Pharmazie, Kosmetik und Landwirtschaft gewinnen.
Biobasierte Hautpflege und Lebenszyklusvergleiche
Im Kosmetikbereich brachten AFYREN und Esse Skincare den Angaben zufolge mit Esse Barrier Rescue weltweit ein Produkt auf den Markt, das laut Mitteilung das erste Hautpflegeprodukt mit natürlicher Propionsäure sein soll; die Creme kombiniert Propionsäure mit Ceramiden.
Die Propionsäure ist laut AFYREN zu 100 Prozent biobasiert und COSMOS-zertifiziert und wird durch Fermentation im Werk AFYREN NEOXY hergestellt. Die Partnerschaft der beiden Unternehmen hatte wenige Monate zuvor begonnen. AFYREN wurde 2012 gegründet, beschäftigte Ende 2025 140 Mitarbeitende und investiert nach eigenen Angaben 20 Prozent seines Jahresbudgets in Forschung und Entwicklung.
Für Verbraucher relevant ist auch die Frage, wie sich Algenöl im Vergleich zu klassischem Fischöl schlägt. Ein Beitrag zu diesem Thema verweist auf Forschung, wonach EPA und DHA aus Algenöl ungefähr ebenso gut aufgenommen werden wie aus Fischöl.
Der Zielkonflikt zwischen Biomasse und Wertstoffgehalt entscheidet über die Wirtschaftlichkeit Ihrer Mikroalgen-Produktion — und über die Produktionskosten pro Kilogramm Öl. Diese Kostenkalkulation zeigt, wie Sie Lichtregime, Zykluslänge und Ausbeute gegeneinander abwägen, bevor Sie Ihren nächsten Fermentationslauf planen. Kostenkalkulation Mikroalgen-Öl jetzt sichern
Eine Lebenszyklusanalyse der untersuchten Algenölprodukte ergab eine um 30 bis 40 Prozent geringere Klimawirkung gegenüber Fischöl – ein Befund, der ausdrücklich nur für die untersuchten Produktionsmethoden gilt. Bei den verglichenen Produkten entfiel demnach ungefähr ein Drittel auf EPA und zwei Drittel auf DHA, wobei die Verteilung je nach Marke variiert.
Zusammengenommen zeichnen die verschiedenen Ansätze – von gentechnisch unangetasteten, aber stressinduzierten Mikroalgenkulturen über insektenbasierte Futtermittelkreisläufe bis zu Algenfarmen gegen Methanemissionen – das Bild einer Branche, die an mehreren Fronten gleichzeitig nach effizienteren und nachhaltigeren Wegen zur Omega-3-Produktion sucht.
