Zu Unrecht unbeliebt: Wieso HörgerÀte sinnvoll sind
03.03.2024 - 07:17:45Kaum jemand lĂ€uft ohne Brille oder Kontaktlinsen herum, wenn er schlecht sieht. Aber bei schlechtem Gehör tragen bei Weitem nicht alle ein HörgerĂ€t. Das hat negative Folgen, die weit ĂŒber das Hören hinausreichen. Viele Vorurteile ĂŒber Hörhilfen sind inzwischen ĂŒberholt, wie Hörakustiker berichten. Neueste Systeme sind nahezu unsichtbar und können dank KĂŒnstlicher Intelligenz viel mehr, als fĂŒr besseres Gehör zu sorgen.Â
Forschende der UniversitĂ€t Mainz hatten 2023 Daten von 5024 Menschen ausgewertet - vom jungen Erwachsenen bis zum Ăber-80-JĂ€hrigen. Dabei stellten sie fest, dass knapp die HĂ€lfte der Teilnehmenden nach der sogenannten Hilfsmittel-Richtlinie die Voraussetzung fĂŒr ein HörgerĂ€t auf beiden Seiten erfĂŒllte. Aber lediglich 7,7 Prozent hatten tatsĂ€chlich zwei HörgerĂ€te. Dabei war das Hörvermögen der Frauen im Schnitt besser als das der MĂ€nner. Mit zunehmendem Alter zeigte sich eine deutlich erhöhte PrĂ€valenz der Hörstörungen.
«Massive Unterversorgung»
Die Koblenzer Hörakustikmeisterin Eva Keil-Becker kennt die Vorurteile, die Menschen gegenĂŒber HörgerĂ€ten haben. «FrĂŒher sah man das als Stigma. HörgerĂ€te sahen aus wie hautfarbene Bananen.» Diese Zeiten seien lange vorbei. «Moderne HörgerĂ€te sind Wunderwerke der Technik, die kleinsten tragbaren Computer der Welt», sagt Keil-Becker vor dem Welttag des Hörens am 3. MĂ€rz.
Viele bemerken ihre Schwerhörigkeit erst sehr spÀt
Die «massive Unterversorgung» mit HörgerĂ€ten habe aber auch einen anderen Grund, glaubt die VizeprĂ€sidentin der in Mainz ansĂ€ssigen EuropĂ€ischen Union der Hörakustiker (EUHA) und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin eines Familienunternehmens mit mehr als 20 FachgeschĂ€ften: «Hörverlust ist ein schleichender Prozess. Bis man es bemerkt, dauert es im Schnitt sieben Jahre.» Laut EUHA leiden 5,4 Millionen Menschen in Deutschland unter einer Hörminderung, darunter mehr als 500.000 Kinder.Â
Schlechtes Hören erhöht das Alzheimer-Risiko
Wenn man schlecht hört, ist es nicht damit getan, GesprÀchspartner zu bitten, deutlicher zu sprechen, oder den Fernseher lauter zu stellen. Oft gehe schlechtes Hören zum Beispiel mit Schwindel und auch Tinnitus einher, so Keil-Becker.
Wer schlecht hört, hat auch ein erhöhtes Demenz-Risiko. Eine internationale Forschergruppe (The Lancet Commission on Dementia and Prevention) listet zwölf Risikofaktoren auf, die das Alzheimer-Risiko erhöhen - Hörverlust ist einer davon. «Das Gehirn braucht Input», erklÀrt der Leiter des Kölner Alzheimer PrÀventionszentrums, Frank Jessen, den Zusammenhang. Wer schlecht höre, bekomme weniger Informationen und habe dadurch ein höheres Alzheimer-Risiko. Daher sollte ein HörgerÀt ebenso selbstverstÀndlich sein wie eine Brille.
Zuerst fallen die hohen Frequenzen aus
Bei der typischen Altersschwerhörigkeit gehen zuerst die hohen Frequenzen verloren, erklĂ€rt die Hörakustikerin ihren Kunden. Im Bereich der hohen Töne liegen die meisten Konsonanten und damit der GroĂteil der Informationen. Von vielen Menschen hört Keil-Becker daher oft die Aussage: «Ich höre, aber ich verstehe nicht, was gesagt wird.»Â
Der erste Schritt ist also, das Gehör testen zu lassen. Wird dann ein HörgerÀt empfohlen, muss sich der Kunde im Klaren sein: «Es gibt kein neues Hören auf Knopfdruck», sagt Keil-Becker. «Das ist nicht wie beim Optiker, wo man eine Brille aufsetzt und man sieht gut.»
Die drei Ks: Komfort, Klang, Kosmetik
Auswahl und Anpassung eines HörgerĂ€ts sind nicht trivial. Denn das Angebot an GerĂ€ten ist groĂ und die BedĂŒrfnisse der Kunden verschieden. Der Akustiker orientiert sich «an den drei Ks», wie Keil-Becker erklĂ€rt: «Komfort, Klang, Kosmetik». Wer viel in Konzerte geht oder Berufsmusiker ist, braucht optimale TonqualitĂ€t. FĂŒr Menschen, die viel Sport machen, ist es wichtig, dass das GerĂ€t robust ist.Â
Anders als bei Brillen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen viel zu, laut Keil-Becker 700 bis 800 Euro pro Seite. Wer nichts drauflegen will, fĂŒr den gibt es Basismodelle, bei denen nur eine Zuzahlung von zehn Euro pro Ohr fĂ€llig wird.Â
Integrierter Fitnesstracker und andere Extras
Die neuesten GerĂ€te haben zahlreiche Zusatzfunktionen - und bekommen dank KI immer weitere dazu. Viele HörgerĂ€te kann man auf Wunsch per App vom Handy aus steuern. Schon heute gibt es GerĂ€te mit integriertem Fitnesstracker oder Sturzdetektor. In der Entwicklung sind HörgerĂ€te, die den TrĂ€ger erinnern, seine Medikamente zu nehmen.Â
Altersschwerhörigkeit ist eine hĂ€ufige, aber nicht die einzige Indikation fĂŒr ein HörgerĂ€t. Schon Kinder und auch Neugeborene können schlecht hören. Weil der Input ĂŒber die Sprache so wichtig ist fĂŒr die Entwicklung, ist es nötig, Schwerhörigkeit so frĂŒh wie möglich zu erkennen und gegenzusteuern. Auch bei Tinnitus - einem oft stressbedingten Pfeifen im Ohr - kann ein HörgerĂ€t hilfreich sein.
RegelmĂ€Ăige «Hörpausen» einlegen
Die EuropĂ€ische Union der Hörakustiker empfiehlt regelmĂ€Ăige Hörtestungen ab dem 50. Lebensjahr. Den Fachleuten ist neben der AufklĂ€rung auch die Prophylaxe wichtig. Was Keil-Becker immer wieder auffĂ€llt: dass viele junge Menschen gefĂŒhlt den ganzen Tag einen Kopfhörer auf oder im Ohr haben. Auf Dauer werde damit der Hörnerv ĂŒberstrapaziert. Besser sei es, regelmĂ€Ăig «Hörpausen» einzulegen und «achtsam mit dem eigenen Gehör umzugehen».


