Rund 16.000 Hitzetote in diesem Jahr â und nun?
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der Sommer 2026 hat in Sachen Hitze Rekorde gebrochen. Mehrfach kletterten die Temperaturen dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge deutlich ĂŒber die 40-Grad-Marke und auch in vielen SommernĂ€chten kĂŒhlte es sich nicht auf erfrischende Temperaturen ab â mit tödlichen Folgen: SchĂ€tzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge starben hitzebedingt im Zeitraum vom 6. April bis zum 23. August dieses Jahres insgesamt 16.300 Menschen.Â
Von diesen hitzebedingten SterbefĂ€llen gehen laut RKI etwa 9.600 auf die besonders heiĂe Woche vom 22. bis 28. Juni zurĂŒck, in der vielerorts noch nie da gewesene Höchstwerte gemessen wurden. Weitere 4.500 FĂ€lle gingen auf die Hitze in den drei Wochen vom Ende Juli bis Mitte August zurĂŒck. In den meisten FĂ€llen fĂŒhrten Vorerkrankungen in Kombination mit der Hitzebelastung zum Tode. Zum Ende des Hitzesommers Ă€uĂern sich Experten zu der tödlichen Bilanz.
Geben die Zahlen ein realistisches Bild ab?
Dem RKI zufolge handelt es sich um eine konservative SchĂ€tzung â die tatsĂ€chliche Zahl der Toten könnte also noch höher liegen. Das RKI errechnet die geschĂ€tzte Anzahl hitzebedingter SterbefĂ€lle auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes und von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD).Â
Ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius veröffentlicht das RKI wöchentliche Zahlen. Alexandra Schneider, Expertin fĂŒr Umweltrisiken am Helmholtz Zentrum MĂŒnchen betont, die Schwelle habe keinen biologischen Hintergrund, sondern sei nur ein operativer Schwellenwert. «Menschen sterben nicht erst oberhalb einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius an Hitze. Bereits darunter können bei Ă€lteren Menschen, PflegebedĂŒrftigen, Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Menschen mit Nierenerkrankungen oder Demenz erhöhte Risiken bestehen», sagt Schneider.Â
Sie weist auĂerdem darauf hin, dass Extremereignisse durch Wochenmittelwerte teilweise geglĂ€ttet wĂŒrden: «Eine Woche mit zwei bis drei Tagen nahe 40 Grad Celsius und vier moderateren Tagen kann dieselbe Wochenmitteltemperatur aufweisen wie eine deutlich weniger belastende Wetterlage. Deshalb dĂŒrften insbesondere sehr kurze, extreme Hitzeepisoden in konservativen Modellen eher unterschĂ€tzt werden.»
Der Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis von der UniversitĂ€t Freiburg betont, Hitze stehe so gut wie nie als Todesursache im Totenschein. «Die Fachleute mĂŒssen deshalb im Nachhinein vergleichen, wie viele Menschen in einer Hitzephase tatsĂ€chlich gestorben sind und wie viele es in einem "normalen" Sommer gewesen wĂ€ren â und die dafĂŒr nötigen Sterbedaten trudeln erst mit mehreren Wochen Verzögerung vollstĂ€ndig ein.»Â
Starben viele Menschen vielleicht nur ein klein wenig frĂŒher als normal?
Gewisse Indizien dafĂŒr werde man im Herbst erhalten, wenn möglicherweise eine Untersterblichkeit beobachtet wĂŒrde, meint Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Basel. Derzeit sei es noch zu frĂŒh, und genau abschĂ€tzen lasse sich das ohnehin nicht. Auch wenn ein gröĂerer Anteil der hitzebedingten TodesfĂ€lle nur noch eine kurze Lebenserwartung gehabt hĂ€tte, bestehe jedoch wissenschaftlicher Konsens, dass ein Teil noch lange hĂ€tte leben können, so Röösli.
Wer war besonders betroffen â und wird es in Zukunft sein?Â
Die gröĂte Gruppe unter den Hitzetoten machten die mindestens 85-JĂ€hrigen aus: 8.200 Menschen in der Altersgruppe ab 85 starben der RKI-SchĂ€tzung zufolge. Unter den 75- bis 84-JĂ€hrigen starben 4.040 Menschen. 2.550 der Gestorbenen waren zwischen 65 und 74 Jahren alt, 1.520 unter 65.Â
«Nahezu alle heute noch lebenden Menschen und zukĂŒnftige Generationen werden spĂ€testens im Alter zu den besonders gefĂ€hrdeten Risikogruppen gehören», betont der Mediziner Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt (UBA) in Dessau-RoĂlau. Mit der eskalierenden Klimakrise werden Hitzewellen hĂ€ufiger und intensiver.
Was kann man tun gegen das Problem?Â
Matzarakis betont: «Langfristig fĂŒhrt kein Weg an mehr GrĂŒn und Schatten in den StĂ€dten sowie weniger versiegelten FlĂ€chen vorbei, denn das sind die wirksamsten Mittel gegen nĂ€chtliche ĂberwĂ€rmung, die fĂŒr die Gesundheit besonders kritisch ist.»Â
Straff hĂ€lt die Begrenzung der fortschreitenden ErderwĂ€rmung fĂŒr die wichtigste MaĂnahme. HitzeschutzmaĂnahmen seien zwar hilfreich und sollten optimiert werden. «Sie können aber dauerhaft keinen umfassenden Schutz bieten, wenn die Hitzeextremsituationen immer weiter zunehmen werden.»
Straff weist darauf hin, dass die ZustĂ€ndigkeiten fĂŒr HitzeschutzmaĂnahmen auf Bund, LĂ€nder und Kommunen verteilt seien. «Benötigt wird hier tatsĂ€chlich eine gesetzliche Vorgabe, die erforderliche MaĂnahmen auf eine solide rechtliche Grundlage stellt und fĂŒr alle verlĂ€sslich regelt.»
Umweltminister Carsten Schneider (SPD) will sich fĂŒr eine Verankerung von Hitzeschutz und Klimaanpassung im Grundgesetz einsetzen. Aus der Union kam jedoch teils Kritik zu diesem VorstoĂ.
