Widerstand gegen chinesische Billig-MarktplĂ€tze wird gröĂer
08.02.2024 - 06:08:19Handelsexperten und VerbĂ€nde fordern ein strikteres Vorgehen gegenĂŒber chinesischen Billig-MarktplĂ€tzen wie Temu. «Weder der europĂ€ische noch der deutsche Gesetzgeber sind in der Lage, ihre Verordnungen und Gesetze gegenĂŒber chinesischen Unternehmen vollstĂ€ndig durchzusetzen», sagte der Vize-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stephan Tromp, der dpa. Dadurch entstĂŒnden Wettbewerbsverzerrungen.
Das gilt dem Handelsverband zufolge etwa auch fĂŒr das deutsche Lieferkettengesetz. Die Regelung soll die Einhaltung von Menschenrechten bei Zulieferern garantieren und gilt seit Januar auch fĂŒr Firmen mit mindestens 1000 BeschĂ€ftigten im Inland. «Die zustĂ€ndige Bundesbehörde macht mitnichten aber auch nur einen Finger krumm, um die Vorgaben bei chinesischen Unternehmen - die ebenfalls an den Endkunden verkaufen und damit im direkten Wettbewerb zu deutschen HĂ€ndlern stehen - durchzusetzen», sagte Tromp.
Handelsexperte: Gleiche Regeln fĂŒr alle sind eine Frage der Fairness
Kai Hudetz vom Institut fĂŒr Handelsforschung (IFH) hĂ€lt eine stĂ€rkere staatliche Regulierung ebenfalls fĂŒr notwendig. «Es ist kein fairer Wettbewerb, wir brauchen mehr Transparenz. Die Politik muss aktiv werden und insbesondere Kennzeichnungspflichten durchsetzen», sagte der IFH-GeschĂ€ftsfĂŒhrer. FĂŒr Anbieter aus Fernost mĂŒssten dieselben Regeln und Standards wie fĂŒr europĂ€ische Anbieter gelten. Das sei eine Frage der Fairness. Zugleich sieht er die Verbraucher in der Pflicht. «Bei den Preisen kann sich jeder ausrechnen, wie nachhaltig die Produkte hergestellt und transportiert worden sind und wie gut die QualitĂ€t sein kann.»
Auch der E-Commerce Verband bevh fordert eine hĂ€rtere Gangart. «Wenn sich Unternehmen unfair am Markt verhalten, dann muss das unterbunden werden», sagte der stellvertretende bevh-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Martin GroĂ-Albenhausen. Es gebe strenge Vorgaben etwa zur Produktsicherheit. Die Frage sei, warum diese Regeln nicht durchgesetzt werden könnten.
Handelsverband fordert ertĂŒchtigten Zoll und mehr MarktĂŒberwachung
Die Flut an Paketen aus China ist laut HDE ein europaweites Problem, fĂŒr das es eine europĂ€ische Lösung geben muss. Viele Pakete kĂ€men zum Beispiel im Logistikzentrum des BrĂŒsseler Flughafens an. «Und wenn die Produkte erst mal in Europa sind, dann haben sie mehr oder weniger freie Bahn. Wir mĂŒssen unseren Binnenmarkt schĂŒtzen», sagte Tromp. «Wenn ein Markt mit unsicheren Produkten ĂŒberschwemmt wird, ist Gefahr im Verzug.»
Handelsplattformen wie Temu mĂŒssten daher aber nicht verbannt werden. «Wenn sich alle an die gleichen Regeln halten mĂŒssen, findet Wettbewerb zum Wohle des Verbrauchers statt. Dann siegt die bessere Lösung», sagte Tromp. Aber wenn es sich solche Plattformen leichter machen könne, weil Politik und Behörden sie nicht so stark kontrollieren, sei das unfair.
Der HDE fordert daher eine StĂ€rkung des Zolls, der etwa fĂŒr die Paketabfertigung zustĂ€ndig ist. «Der Zoll ist mit der schieren Masse schlicht ĂŒberfordert», sagte Tromp, der auch Experte fĂŒr Digitalisierung beim HDE ist. Ein Ansatzpunkt könnte eine digitale Plattform sein, auf der jede Sendung angemeldet werden mĂŒsse. Pakete von HĂ€ndlern, die sich nicht an die Regeln hielten, könnten so einfacher und schneller aussortiert werden. AuĂerdem mĂŒsse die MarktĂŒberwachung im groĂen Stil tĂ€tig werden: «Diese ziehen aktuell so gut wie keine Proben oder versuchen, chinesische HĂ€ndler auf solchen Plattformen zu belangen.»
Umfrage: Jeder Vierte hat bereits bei Temu eingekauft
Eine Temu-Sprecherin teilte dazu mit: Temu verpflichte sich, «alle relevanten Regeln und Vorschriften der MÀrkte, in denen wir tÀtig sind, einzuhalten».
Temu sorgte zuletzt mit Minipreisen, Rabattangeboten von bis zu 90 Prozent und teils skurrilen Produkten fĂŒr Aufsehen. So hat sich die chinesische Plattform erstaunlich schnell auf dem deutschen Markt etabliert. Jeder Vierte zwischen 16 und 65 hat in den letzten sechs Jahren dort gekauft, wie eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. In der Rangliste liegt Temu damit auf dem vierten Rang, knapp hinter Otto. Im Ranking der 2023 meist heruntergeladenen Shopping-Apps in Deutschland belegt Temu laut der Webanalyse-Firma Similarweb sogar den ersten Platz. Das Unternehmen tritt selbst nicht als VerkĂ€ufer auf, sondern stellt den HĂ€ndlern nur seinen Marktplatz als Plattform zur VerfĂŒgung. Hinter Temu steht das Unternehmen PDD Holdings. PDD ist in China bekannt fĂŒr die App Pinduoduo, eine der am schnellsten wachsenden E-Commerce-Plattformen des Landes. Seit 2022 expandiert PDD auch gezielt im Ausland.
Temu «pumpt unglaubliches Geld in Online-Marketing»
Handelsexperte Hudetz hat dafĂŒr eine ErklĂ€rung. «Temu ist weltweit der gröĂte Kunde von Google. Die pumpen unglaubliches Geld in Online-Marketing», sagte er. Das sei aktuell ein unrentables GeschĂ€ft - zumal ĂŒberwiegend billige, margenschwache Produkte verkauft wĂŒrden. Aber ob die chinesische Plattform langfristig Erfolg haben kann? «Wir dĂŒrfen die Beharrlichkeit von Temu nicht unterschĂ€tzen. Die haben tiefe Taschen und sind in der Lage, langfristig in den Markt zu investieren», sagt Hudetz. Viele Konsumenten sind aber skeptisch, was Online-Anbieter wie Temu betrifft. In einer IFH-Umfrage erwarten 64 Prozent nicht, dass MarktplĂ€tze mit Waren aus Asien die Etablierten wie Amazon oder E-Bay verdrĂ€ngen können.
Bemerkenswert ist der Erfolg von Temu in anderer Hinsicht. Online-Shopping ist im Alltag der Deutschen zwar fest verankert. Doch zuletzt lief es fĂŒr die Branche nicht gut. Der Brutto-Umsatz im deutschen E-Commerce fiel nach Angaben des Branchenverbandes 2023 um 11,8 Prozent. Online-HĂ€ndler blieben sogar 14,7 Prozent unter dem Vorjahresergebnis.
Verbraucherzentrale warnt vor Shopping-Apps - und gibt Tipps
Die Verbraucherzentrale warnt im Umgang mit Temu, auf ihrer Webseite hat sie Tipps veröffentlicht. Konsumenten sollten sich vor dem Kauf ĂŒber die geltenden Zollbestimmungen informieren, wenn sie bei HĂ€ndlern auĂerhalb der EU bestellen. «Sonst können zusĂ€tzliche Steuern und ZollgebĂŒhren auf Sie zukommen», hieĂ es. Bezahlen sollten Kunden, wenn Sie die Ware erhalten haben und zufrieden sind - nicht in Vorkasse.
Bei ElektrogerĂ€ten wird empfohlen, auf zugelassene CE-Zeichen zu achten. Die Experten verweisen auch auf die schlechten Erfahrungen, ĂŒber die viele Temu-Kunden berichteten. HĂ€ufig kritisiert werde den Angaben nach die schlechte ProduktqualitĂ€t, nicht erhaltene Sendungen und ein schlecht erreichbarer Kundenservice.


