Ein Handschlag mit Folgen: Amerikaner und Russen im All
17.07.2025 - 06:00:38Ein HĂ€ndedruck, der in die Geschichte einging: Am Donnerstag (17. Juli) vor genau 50 Jahren schwebten der sowjetische Kosmonaut Alexej Leonow und der US-Raumfahrer Thomas Stafford rund 225 Kilometer ĂŒber der Erde aufeinander zu und begrĂŒĂten sich.
Kurz zuvor hatten ihre Raumschiffe Apollo und Sojus in einem schwierigen Manöver erstmals aneinander angedockt. Das kosmische Rendezvous inmitten des Kalten Krieges 1975 ist ein starkes Signal: die Sowjetunion und die USA, erbitterte Rivalen im Raumfahrt-Rennen, verbrĂŒdern sich im All und eröffnen so eine Zusammenarbeit, die bis heute auf der Internationalen Raumstation ISS hĂ€lt.Â
Kohlsuppe aus der Tube in der Sojus-Kapsel
Rund 48 Stunden lang flogen Astronauten und Kosmonauten danach bei diesem ersten gemeinsamen Ost-West-Raummanöver um die Erde. Leonow und sein Bordingenieur Waleri Kubassow laden Stafford und seine Nasa-Kollegen Vance Brand und Donald Slayton erst zu Kohlsuppe aus der Tube in die Sojus-Kapsel ein.Â
Danach besuchen sie ihre drei US-Kollegen in der Apollo. Flaggen werden getauscht. «Das war ein ergreifender Moment, als ich ihre lĂ€chelnden Gesichter durch eine geöffnete Luke zu unserem Raumschiff erblickte», sagte Leonow einmal im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Der Kosmonaut, der 2019 starb, war schon 1965 als erster Mensch im offenen Weltraum, bevor er zehn Jahre spĂ€ter mit dem HĂ€ndedruck erneut Weltraumgeschichte schrieb â und auch in mehreren selbst gemalten GemĂ€lden festhielt.Â
«Unser Flug war ein groĂes Beispiel fĂŒr den guten Willen und die menschliche Vernunft.» Das All dĂŒrfe nicht fĂŒr militĂ€rische Zwecke genutzt werden, forderte Leonow: «Der Krieg der Sterne ist nur etwas fĂŒrs Kino.»
Fast alle Teilnehmer des All-Treffens inzwischen gestorben
Leonow und Stafford hatten sich zum 40. JubilĂ€um ihres HĂ€ndeschĂŒttelns 2015 noch einmal in Moskau getroffen. Ein Enkel Staffords heiĂt Alexej, eine Enkelin Leonows ist wiederum nach der Tochter des Astronauten benannt. Als einziger Teilnehmer des All-Treffens 1975 lebt inzwischen nur noch der frĂŒhere US-Astronaut Brand.Â
Fast fĂŒnf Jahre hatten die Vorbereitungen fĂŒr das Manöver 1975 gedauert. FunktionĂ€re und Techniker beider LĂ€nder besuchten sich gegenseitig, um die historische Mission zu planen, Misstrauen zu ĂŒberwinden und MissverstĂ€ndnissen vorzubeugen. Und sie lernten die Sprache der Partner. Heute gibt es in Russland in Kaluga eine Skulptur des historischen HĂ€ndedrucks, eine Abbildung der gekoppelten Appollo-Sojus-Raumkapseln ist auf einem russischen Geschichtslehrbuch fĂŒr SchĂŒler zu sehen.
All-Manöver war schwierig
Am 15. Juli 1975 startete die Sojus vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan, siebeneinhalb Stunden danach hob die Apollo in Cape Canaveral ab. Das Andockmanöver zwei Tage spĂ€ter war dann ein gefĂ€hrlicher Moment: Zwei technisch völlig verschiedene Systeme der Sowjetunion und der USA bewegten sich im All mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu. Nie zuvor war das zylinderförmige Verbindungsmodul in der Schwerelosigkeit getestet worden. Es fungierte auch als Schleusenkammer, denn die Luftgemische der Raumschiffe sind verschieden. Aber alles klappte wie geplant.Â
Unvergessen sind in Moskau bis heute die vielen Opfer auf dem Weg zu diesem Triumph der Ingenieurskunst. Immer wieder gab es bei sowjetischen Andockmanövern schwere Pannen. Zum folgenschwersten UnglĂŒck kam es 1971, als die drei Kosmonauten der Sojus-11-Mission nach dem Abdocken von der Raumstation Saljut erstickten. Grund war die Fehlfunktion an einem Ventil, durch das die Atemluft entwich. Eigentlich waren Leonow und Kubassow fĂŒr diesen Sojus-Flug als erste Besatzung vorgesehen, wegen gesundheitlicher Bedenken traf es dann aber die Ersatzmannschaft.
Das gemeinsame Manöver habe «ein neues Kapitel der Zusammenarbeit» aufgeschlagen, sagte der damalige Kremlchef Leonid Breschnew (1906-1982). Und der Kosmonaut Leonow sagte spĂ€ter: «Wir waren ĂŒberzeugt, dass dies der Anfang unserer Kooperation war.»
Zusammenarbeit heute trotz Ukraine-Krieg
Doch als die Sowjetarmee 1979 in Afghanistan einmarschiert, ist das Teamwork im All erst einmal zu Ende. Erst 20 Jahre nach der ersten Begegnung im All reichen sich 1995 beim Besuch der US-RaumfĂ€hre Atlantis bei der russischen Station Mir Astronauten und Kosmonauten erneut die Hand.Â
Seit rund einem Vierteljahrhundert gibt es nun unter anderem mit der ISS eine etablierte und funktionierende Dauer-Zusammenarbeit zwischen der US-Raumfahrtbehörde Nasa und dem russischen GegenstĂŒck Roskosmos. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine gibt es zwar schwere Spannungen zwischen beiden LĂ€ndern, die Kooperation im All lĂ€uft jedoch weiter.
Kooperation noch bis 2028
Nach derzeitigem Stand soll das Zusammenspiel auf der ISS noch bis 2028 fortgesetzt werden. «Die Nasa und Roskosmos haben eine lange Tradition der Kooperation und Zusammenarbeit auf der Internationalen Raumstation», sagte die amtierende Nasa-Chefin Janet Petro gerade erst wieder. Diese «professionelle Arbeitsbeziehung» habe auch die gemeinsame Lösung eines Leck-Problems und die erfolgreiche Unterbringung der vier Teilnehmer der privaten «Axiom»-Raumfahrtmission möglich gemacht.Â
Das 50-JĂ€hrige ihres HĂ€ndedrucks wollen Amerikaner und Russen nun auch begehen. «Wir freuen uns, dass wir dieses bedeutende Ereignis an Bord der Internationalen Raumstation feiern können, das diese Traditionen, die internationale Zusammenarbeit im Weltraum und auf der Erde symbolisiert und fortsetzt», sagte Kosmonaut Sergej Ryschkow, der im April zur ISS gestartet war. An Bord des russischen Sojus-Raumschiffs war der US-Astronaut Jonny Kim. Die gemeinsamen FlĂŒge ins All soll es auch kĂŒnftig geben.





