Musik gegen Schmerzen: Mozarts Sonate KV 448 zeigt Effekt nach zwei Minuten
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 06:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Anlässlich des Welttages der psychischen Gesundheit verweisen Fachleute und Initiativen verstärkt auf das Potenzial von Musik zur Emotionserkennung und zum Abbau von Belastungen. Unter dem Motto der Weltgesundheitsorganisation, das gelebte Erfahrungen und echte Stimmen für spürbare Veränderungen in den Mittelpunkt rückt, gewinnt der gezielte Einsatz von Klängen in Prävention und Therapie zunehmend an Aufmerksamkeit.
Psychologische Funktionen und Grenzen der Selbsthilfe
Die Psychologin Larasati Margaretha Soetrisno identifiziert fünf zentrale Aufgaben, die Musik im emotionalen Erleben übernehmen kann: das Erkennen eigener Gefühle, deren Ausdruck, das Vermitteln eines Gefühls des Verstandenwerdens, die Funktion als Bewältigungsstrategie sowie das Wahrnehmen persönlicher Grenzen.
Eine Untersuchung von Thomas Schäfer von der Technischen Universität Chemnitz zur psychologischen Funktion von Musik belegt ebenfalls, dass das Musikhören wesentlich der Stimmungsregulation und dem Selbstverständnis dient.
Auch Kunstschaffende greifen das Thema auf: Der Musiker YE verarbeitete persönliche Krisen in Titeln wie Ghost Town oder Reborn, während der Rapper Maximilian Eichner eigene Depressionen in seiner Musik thematisiert. Bei einer Veranstaltung in Lahr schilderte Eichner die Erkrankung als lähmend und erklärte, selbst das Spielen einer Runde Mario Kart mit seinem Sohn sei wie ein Marathon gewesen.
Gleichzeitig verweist Soetrisno darauf, dass Musik als Unterstützung dienen kann, professionelle Betreuung jedoch nicht ersetzt. Zeigen sich akute Gefahren oder gravierende Beeinträchtigungen im Alltag, sei professionelle Hilfe unerlässlich. Zur Einordnung psychischer Belastungen dient in der Fachwelt unter anderem das sogenannte 4D-Konzept, das die Dimensionen Distress, Deviance, Dysfunction und Danger umfasst.
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Erkenntnisse aus klinischen Studien und Therapien
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen differenzierte Effekte des Musikhörens auf das Schmerz- und Angstempfinden. Eine Meta-Analyse von Tan et al. aus dem Jahr 2023 in der Fachzeitschrift Medicina untersuchte Patienten mit Zahnbehandlungsangst und verzeichnete unter Musikinterventionen niedrigere Angst- und Schmerzwerte sowie geringere Schwankungen bei Herzfrequenz und Blutdruck, wenngleich die Autoren weitere methodisch hochwertige Studien anmahnen.
Laut dem Journal of Music Therapy kann Musiktherapie zudem Ängste vor medizinischen Eingriffen reduzieren und die Dopaminproduktion anregen; am indonesischen RSUD Cipto Mangunkusumo wird Musiktherapie entsprechend bei postoperativen Patienten eingesetzt.
Eine Untersuchung am Universitätsspital Zürich, geleitet von Hauptautor Andrei Cristinel Dragnea und Seniorautorin Meritxell Garcia Alzamora, analysierte den Effekt verschiedener Musikstücke bei Punktionen. Bei 71 Teilnehmenden, die bereits vor dem Eingriff Schmerzen verspürten, fielen die Unterschiede deutlicher aus als in der Gesamtreihe von 204 Patienten.
Mozarts Sonate KV 448 zeigte bei diesen vorbelasteten Personen nach zwei Minuten niedrigere Werte auf der Schmerzskala von 0 bis 10. Das Entspannungsstück Quelle des Ich Bin von Peter Uwe Piotter unterschied sich hingegen nicht signifikant von der Kontrollgruppe.
Wegen kleiner Gruppen und einer Pseudorandomisierung nach Terminreihenfolge betonen die Forschenden die begrenzte Aussagekraft der Daten; Garcia Alzamora rät jedoch insbesondere Personen, die Musik schätzen, zum bewussten Hören.
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Initiativen und gesundheitspolitischer Rahmen
Auf lokaler Ebene entstehen praxisnahe Angebote, um Musik niedrigschwellig zugänglich zu machen. In Köln-Chorweiler unterrichtet der Verein Panorama seit zwei Jahren dreimal pro Woche 40 Kinder im Alter von drei bis vier Jahren ohne Kita-Platz unter der Leitung der Theaterpädagogin Susanne Galonska.
In Bad Wörishofen startete das generationsübergreifende Projekt Silberton für Menschen ab 50 Jahren unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Daniel Pflügl und Initiatorin Sanni Risch.
Der Bedarf an entlastenden Maßnahmen ist hoch. Nach Erhebungen des DAK-Gesundheitsreports und des Robert Koch-Instituts für das Jahr 2024 erhielten 40,9 Prozent der Erwachsenen in Deutschland die Diagnose einer psychischen Störung, wobei der Anteil bei Frauen bei 44,3 Prozent und bei Männern bei 36,8 Prozent lag. Seelische Erkrankungen machten 17,4 Prozent aller Fehltage aus und führten zu durchschnittlich 32,9 Ausfalltagen je Fall.

