Cannabis-Wirkstoff hilft traumatisierten Menschen
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 11:00 Uhr | dpa.deNach traumatischen Erfahrungen wie Gewalttaten, sexuellen Ăbergriffen oder Kriegserfahrungen können Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Die Erkrankung zwingt Betroffene dazu, das Erlebte im Schlaf immer wieder zu durchleben â so eindringlich, als geschehe es erneut. Einer aktuellen Studie zufolge könnte ihnen ein Cannabis-Wirkstoff dabei helfen, wieder besser zu schlafen.
Die Untersuchungen wurden an der Berliner CharitĂ© initiiert und federfĂŒhrend durchgefĂŒhrt. Stefan Röpke, der an der dortigen Klinik fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie Traumafolgestörungen erforscht, nutzte fĂŒr die Studie zusammen mit seinem Team sowie Partnern einen zentralen Wirkstoff der Hanfpflanze, nĂ€mlich Tetrahydrocannabinol, kurz THC.
Teilweise gar keine AlptrÀume mehr
Das Ergebnis der Studie mit 171 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist deutlich: Bei mehr als der HĂ€lfte derjenigen, die THC erhielten, zeigte die Behandlung Wirkung, bei ĂŒber einem Drittel verschwanden die AlptrĂ€ume wĂ€hrend des Studienzeitraums sogar vollstĂ€ndig. Die Befunde wurden im Fachjournal «Nature Medicine» veröffentlicht.
THC ist nicht nur berauschend, sondern den Forschenden zufolge im Körper auch fĂŒr die Regulation von Schlaf, Stress und die Verarbeitung von emotionalen Erinnerungen mit zustĂ€ndig. «Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die TraumaktivitĂ€t abschwĂ€cht und damit nĂ€chtliche Stressreaktionen mildert», sagt Röpke.
Traumatisierte Menschen greifen oft schon lÀnger zu Cannabis
Wer an einer PTBS erkrankt ist, dessen Gehirn ist nicht in der Lage, extreme Erlebnisse angemessen zu verarbeiten. Traumatische Erinnerungen werden auf eine Weise gespeichert, die dem Betroffenen keine bewusste Kontrolle darĂŒber lĂ€sst â sie brechen ungefiltert hervor, tagsĂŒber wie nachts. Im Schlaf mĂŒndet das in intensive AlptrĂ€ume, aus denen Betroffene hĂ€ufig in Panik erwachen.Â
Bei der Behandlung einer PTBS kommen laut der CharitĂ© bislang vor allem Antidepressiva und Blutdruckmittel zum Einsatz, die jedoch nur begrenzt wirksam sind und speziell gegen die AlptrĂ€ume kaum helfen. Ein spezifisch zugelassenes Medikament fĂŒr traumabedingte AlptrĂ€ume fehlt demnach in Deutschland bis heute.
Die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben, dass viele Patientinnen und Patienten mit PTBS schon lĂ€nger Cannabis konsumieren, alsÂ
Selbstmedikation. Dadurch könnten sie eigenen Angaben zufolge AngstgefĂŒhle verringern, sich entspannen und den Schlaf verbessern. Dieser oft schon seit Jahrzehnten durchgefĂŒhrte Privatkonsum brachte die Forschung auf die Idee, die Cannabis-Wirkstoffe systematisch zu untersuchen.
Placebo schmeckte auch nach Cannabis
FĂŒr die Studie nutzten die Forschenden Dronabinol, ein direkt aus der Hanfpflanze gewonnenes THC in Tropfenform. Die HĂ€lfte der Teilnehmer erhielten zehn Wochen lang tĂ€glich 2,5 bis 15 Milligramm â je nach Wirkung individuell dosiert. Die andere HĂ€lfte erhielt ein optisch identisches, ebenfalls nach Cannabis schmeckendes Placebo. Weder die Behandler noch die Teilnehmer wussten, wer welches PrĂ€parat einnahm.
Die Auswertung zeigte einen deutlichen Unterschied zwischen den Gruppen: In der Dronabinol-Gruppe sank die Albtraumlast auf einer achtstufigen Skala im Schnitt um 3,7 Punkte, in der Placebogruppe lediglich um 2,2 Punkte. «Insgesamt nahmen rund fĂŒnf von sechs Patientinnen und Patienten in der Dronabinol-Gruppe ihren Gesundheitszustand subjektiv als deutlich verbessert wahr», sagt Röpke.
UnabhÀngige EinschÀtzung: gut angelegte Studie
Kirsten MĂŒller-Vahl, OberĂ€rztin der Klinik fĂŒr Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover, die an der Studie nicht beteiligt war, hĂ€lt diese fĂŒr «gut angelegt». Löblich sei auch, dass das Studiendesign bereits zuvor publiziert wurde, und dass die CharitĂ© die Untersuchung selbst bezahlt habe, also keine Gelder aus der Pharmaindustrie dafĂŒr nahm.Â
Wichtig sei auĂerdem, dass man auf theoretischer Ebene gut erklĂ€ren könne, wieso eine Therapie mit THC sinnvoll sein könne, fĂŒhrt MĂŒller-Vahl weiter aus. Denn auch im Körper gebe es ein endogenes Cannabinoid-System, das unter anderem bei Angstauslöschung und bei Schlaf eine Rolle spiele.Â
Weitere Studie zu langfristigem Gebrauch
Schwerwiegende Nebenwirkungen traten wĂ€hrend der Studie nicht auf. Leichtere bis mittelschwere Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Appetitsteigerung wurden hingegen hĂ€ufiger registriert. Entzugserscheinungen nach dem Absetzen des PrĂ€parats konnten die Forschenden nicht feststellen.Â
Nun wollen die Forschenden herausfinden, ob die Cannabis-Tropfen auch langfristig eingenommen werden können. Möglich sei, dass sich auf Dauer ein Gewöhnungseffekt einstellt und die Wirksamkeit nachlĂ€sst. Weitere Studien könnten sich auch damit beschĂ€ftigen, ob die Tropfen denjenigen Menschen helfen, die aus anderen GrĂŒnden hĂ€ufig AlptrĂ€ume haben, erklĂ€rte Röpke.
