Nationale Demenzstrategie: Fachleute fordern stabile Finanzierung ab 2027
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 15:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Demenz erfordern nach Ansicht von Fachorganisationen verlässliche Strukturen statt befristeter Förderprojekte.
Vor dem Hintergrund des Welt-Alzheimertags am 21. September drängen die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und Experten auf adäquate finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen für die Fortführung der Nationalen Demenzstrategie.
Zwar wird die grundsätzliche Verlängerung des Programms begrüßt, doch die langfristige Ausgestaltung gilt angesichts steigender Erkrankungszahlen und angespannter Pflegekassen als zentrale Herausforderung.
Befristung überwinden und Präventionspotenziale nutzen
Die Nationale Demenzstrategie wurde im Jahr 2020 verabschiedet und war ursprünglich bis Ende 2026 befristet. Sie gliedert sich in vier Handlungsfelder mit insgesamt 162 Maßnahmen. Eine Fortführung der Strategie ist ab 2027 vorgesehen. Nach Angaben der BAGSO leben in Deutschland mehr als 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Um deren Betreuung nachhaltig abzusichern, müssten Unterstützungsangebote dauerhaft in den Regelstrukturen verankert werden.
Ergänzend dazu verweist die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf erhebliche Vorbeugemöglichkeiten: Durch konsequente Prävention könnten rund 36 Prozent aller Demenzerkrankungen in Deutschland vermieden werden. Derzeit liegt die Zahl der Betroffenen laut der Organisation bei rund 1,8 Millionen; Prognosen gehen von einem Anstieg auf bis zu 2,7 Millionen Menschen im Jahr 2050 aus.
Der Welt-Alzheimertag, der seit 1994 jährlich am 21. September begangen wird, steht im Jahr 2026 unter dem Motto „Demenz – (k)eine Frage des Alters“ und bildet den Auftakt zur Woche der Demenz vom 21. bis zum 27. September.
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Regionale Initiativen in den Bundesländern
Auf Landesebene zeichnen sich unterschiedliche Schwerpunkte und Betroffenheiten ab:
- Hessen: Die Hessische Landesregierung richtet eine Landesfachstelle für Menschen mit Demenz ein, getragen vom Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege. Gesundheitsministerin Diana Stolz stellte das Vorhaben vor, das auf einen Beschluss der Hessischen Demenzstrategie vom März 2026 zurückgeht und Angebote sowie Fachwissen für Angehörige bündeln soll.
- Bayern: Im Freistaat findet vom 18. bis 27. September 2026 die 7. Bayerische Demenzwoche mit über 2.400 Anmeldungen statt. Die Aktionswoche ist Teil der bayerischen Demenzstrategie aus dem Jahr 2013, die 2020 durch einen Demenzpakt erweitert wurde. Gesundheitsministerin Judith Gerlach wies darauf hin, dass Experten bis 2040 von voraussichtlich rund 380.000 Demenzkranken in Bayern ausgehen.
- Sachsen: Laut AOK-Gesundheitsatlas verzeichnet Sachsen mit einer Demenzrate von 3,75 Prozent (375 Betroffene je 10.000 Erwachsene ab 40 Jahren) bundesweit einen Spitzenplatz. Rund 104.000 Menschen leben dort mit einer diagnostizierten Erkrankung. Für die sächsische Woche der Demenz vom 19. bis 27. September 2026 sind rund 400 Veranstaltungen geplant; zudem startete eine Erhebung der Landesinitiative Demenz im Auftrag des Sozialministeriums.
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Zuspitzung durch die Krise der Pflegeversicherung
Die Debatte um Demenzkonzepte fällt in eine Phase intensiver Verhandlungen über das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG), das zum 1. Januar 2027 in Kraft treten soll.
Nach Angaben von BMG-Abteilungsleiter Ulrich Schölkopf vom 16. September 2026 drohen der Pflegeversicherung ohne Reform bis 2028 Defizite von 15 Milliarden Euro pro Jahr, für 2027 rechnerisch 7,5 Milliarden Euro. Zugleich liege das Rehabilitationspotenzial bei mindestens zehn Prozent, während die tatsächliche Quote lediglich zwei Prozent betrage.
Auch aus der Bundespolitik kommen Warnungen: Der CDU-Politiker Carsten Linnemann bezifferte das Defizit der sozialen Pflegeversicherung im Bundestag für 2027 auf rund 8 Milliarden Euro und für 2028 auf über 15 Milliarden Euro, bei Gesamtausgaben von jährlich etwa 75 Milliarden Euro.
Bis 2050 werde die Zahl der Pflegebedürftigen auf rund 7,5 Millionen steigen, weshalb Einsparungen von rund zehn Prozent nötig seien. Ein PNOG-Entwurf vom 5. Juni 2026 sieht unter anderem vor, den Zugang zu Pflegegrad 2 ab 2027 auf 30 statt bisher 27 Punkte anzuheben.
Verbände wie der DEVAP und Hilfsorganisationen wie die Johanniter mahnen vor der anstehenden Kabinettsbefassung Nachbesserungen an. Reine Ausgabenbegrenzungen griffen zu kurz, wenn gleichzeitig die ambulante und stationäre Versorgung gesichert werden müsse. Fachleute unterstreichen daher, dass eine erfolgreiche Nationale Demenzstrategie zwingend mit einer stabilen und auskömmlichen Gesamtfinanzierung der Pflege verknüpft sein muss.
