Neue Wirkstoffe: Molekül pghi-4 senkt Antibiotikabedarf um 80%
Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bekämpfung multiresistenter Erreger erfordert zunehmend differenzierte molekulare Strategien. Aktuelle Berichte des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI), des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) und des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) beleuchten neue Verfahren zur Eindämmung bakterieller Belastungen. Im Fokus stehen dabei die Bakteriophagen-Therapie, die Überwindung spezifischer Resistenzen sowie die Entwicklung synergistischer Antibiotika.
Frühe Resistenzen gegen moderne Reserveantibiotika
Ein zentraler Aspekt der aktuellen Forschung betrifft die Wirksamkeit von Reserveantibiotika wie Cefiderocol. Untersuchungen des HIOH zeigen, dass resistente Stämme des Bakteriums Klebsiella pneumoniae (Sequenztyp 307) bereits vor der offiziellen Zulassung des Wirkstoffs nachweisbar waren. In den USA erfolgte die Zulassung im Jahr 2019, in Deutschland im Jahr 2020. Dennoch konnten entsprechende Proben bereits bei einem klinischen Ausbruch in Mecklenburg-Vorpommern isoliert werden.
Laut Prof. Katharina Schaufler kombinieren diese Stämme eine Resistenz gegen Cefiderocol und Carbapeneme mit einer ausgeprägten Hypervirulenz. Der zugrundeliegende Resistenzmechanismus gegen Cefiderocol gilt mittlerweile als verbreitet, was die Notwendigkeit neuer Behandlungsalternativen unterstreicht.
Potenzial und Grenzen der Phagentherapie
Bakteriophagen – Viren, die gezielt Bakterien infizieren – werden als Ergänzung zu klassischen Antibiotika untersucht. Mark Brönstrup vom HZI betonte in diesem Zusammenhang, dass Phagen Antibiotika nicht vollständig ersetzen, aber sinnvoll ergänzen könnten. Ein Vorteil der Phagentherapie liegt in ihrer hohen Spezifität und der Fähigkeit, bakterielle Biofilme zu durchdringen. Berichte aus Italien deuten darauf hin, dass in über 70 Prozent der personalisierten Anwendungsfälle eine klinische Besserung erzielt werden kann.
Im Hinblick auf die im November 2026 anstehende Weltantibiotikawoche rücken spezifische Forschungsprojekte in den Fokus. Dazu gehört eine Studie zu sogenannten Jumbophagen, bei der Proteine im Bakterium Pseudomonas aeruginosa systematisch ausgeschaltet werden. Zudem wird die Forschung an RNA-Phagen vorangetrieben, für die Jens Hör einen ERC Starting Grant erhielt. Auch ungewöhnliche Quellen wie Primatenkot werden von Forschern wie Jan Gogarten auf neue Phagen hin untersucht.
Die zunehmende Resistenz gegen Reserveantibiotika wie Cefiderocol macht neue Strategien nötig. Forscher haben mit pghi-4 einen Ansatz entdeckt, der die Wirksamkeit von Vancomycin wiederherstellt – in Labortests sank der Antibiotikabedarf um das Achtfache. Jetzt kostenlosen Praxis-Leitfaden anfordern
Ein im Fachmagazin Springer beschriebener Neufund ist der Bakteriophage PhPV1.2, der in einem Gezeitenbecken im indischen Kochi isoliert wurde. Dieser Phage infiziert das Bakterium Vibrio parahaemolyticus und weist eine hohe thermische Stabilität bis 76 Grad Celsius auf.
Synergistische Wirkstoffe und klinische Entwicklungen
Neben der Phagentherapie werden Moleküle erforscht, welche die Wirksamkeit vorhandener Antibiotika wiederherstellen. Eine im Fachjournal Nature Communications veröffentlichte Untersuchung beschreibt das Molekül pghi-4. Dieses blockiert das Enzym SagA und ermöglicht es dem Antibiotikum Vancomycin, wieder effektiv gegen resistente Enterococcus faecium vorzugehen. In präklinischen Labortests konnte die benötigte Antibiotikamenge dadurch um das Achtfache reduziert werden.
Auch in der pharmazeutischen Industrie gibt es Fortschritte. Das Unternehmen Basilea erhielt von der US-Behörde BARDA zusätzliche Mittel in Höhe von 5,4 Millionen US-Dollar für die Entwicklung von Ceftibuten-Ledaborbactam Etzadroxil. Die Gesamtförderung beläuft sich damit auf 30,8 Millionen US-Dollar, wobei das Projekt zur Behandlung komplizierter Harnwegsinfektionen insgesamt bis zu 172 Millionen US-Dollar erhalten kann.
Klinische Studien und Umweltaspekte
Phagen können Antibiotika nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen – das zeigen aktuelle Studien. Für Kliniker, die bei resistenten Infektionen neue Wege suchen, bietet dieser Leitfaden eine Einordnung der Phagentherapie und kombinierter Behandlungen. Leitfaden zu Phagentherapie jetzt sichern
Die praktische Anwendung kombinierter Verfahren wird bereits in Pilotprojekten erprobt. Zwischen Mai und Juli 2023 wurden drei Patientinnen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen durch eine Kombination aus Phagentherapie und Darmfloratransplantation behandelt. Bei zwei Patientinnen führte dies zu einer langfristigen Reduktion der Keimlast über zwei Jahre. Eine umfassende klinische Studie im Rahmen des EU-Projekts Horizon Europe (REPhRAME) ist für Juni 2027 geplant.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umweltbelastung ein Risikofaktor. Eine Untersuchung in der Region Greifswald aus dem Jahr 2024 identifizierte multiresistente E. coli-Stämme und Antibiotikarückstände vor allem in Kläranlagen. Zwar bestehe für gesunde Badegäste in der Ostsee kein erhöhtes Risiko, doch fordern Experten eine Optimierung der Abwasserbehandlung und eine strengere Regulierung des Antibiotikaeinsatzes, um die Entstehung weiterer Resistenzen zu minimieren.
