Niedrigwasser, Dürre

Niedrigwasser: 35 Prozent der Abflüsse extrem niedrig

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 05:12 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Deutschlands Flüsse, Böden und Grundwasser gehen mit erheblichen Defiziten in den Winter. Experten sehen neben dem Klimawandel auch jahrzehntelange Eingriffe in die Flusslandschaft als Ursache und warnen vor Folgen für Ökosysteme, Versorgung und Schifffahrt.

Folgen für Flüsse und Wasserspeicher

  • Das hydrologische Jahr 2025/26 endet am 31. Oktober und war in neun großen Flussgebieten von Niedrigwasser geprägt.
  • Im August und September galten 35 Prozent der Abflüsse als sehr niedrig oder extrem niedrig.
  • Experten empfehlen natürliche Flussdynamik, Auenanbindung und eine an niedrige Wasserstände angepasste Schifffahrt.
Die Wasserstände der Flüsse waren nach einer Auswertung des Science Media Center dieses Jahr extrem niedrig (Archivbild). - Bild: Oliver Berg/dpa

Deutschlands Flüsse gehen mit Defiziten in den Winter

Die deutschen Flüsse führten im hydrologischen Jahr 2025/26 über Monate sehr wenig bis extrem wenig Wasser. Nach einer Auswertung des Science Media Center traten solche niedrigen Wasserstände deutlich häufiger als in den Vorjahren auf.

Neun Flussgebiete betroffen

Das hydrologische Jahr endet am 31. Oktober. Böden, Grundwasser und Flüsse gehen demnach mit großen Defiziten in den Winter, obwohl sich die Wasserspeicher in dieser Jahreszeit normalerweise auffüllen.

Nach Zahlen des Niedrigwasserinformationssystems war das Jahr 2025/26 in neun großen Flussgebieten Deutschlands von Niedrigwasser geprägt. Bereits im Januar wurden rund ein Fünftel der Abflüsse als sehr niedrig oder extrem niedrig eingestuft; im August und September lag der Anteil bei 35 Prozent.

Extreme Dürre in Süddeutschland

Die Kategorien beruhen auf einem Vergleich mit den Abflüssen der jeweiligen Jahreszeit zwischen 1991 und 2020. Als sehr niedrig gilt ein Abfluss, wenn er zu den niedrigsten fünf Prozent der Vergleichswerte gehört; extrem niedrig ist er bei einem Wert unter dem niedrigsten Prozent.

Auch die Böden litten unter ausgeprägter Dürre. Der Winter war trockener als normal, im Sommer entwickelte sich besonders in Süddeutschland eine extreme Dürre.

Winterregen soll Speicher auffüllen

Enno Nilson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde erklärte, Niedrigwasser am Rhein sei historisch häufig ein Winterereignis gewesen. Heute träten dagegen hitze- und trockenheitsbedingte Sommerniedrigwasser auf.

Für eine nachhaltige Erholung seien lange und intensive Landregen nötig. Projektionen zufolge könne die Wassermenge im Jahresmittel künftig noch ausreichen, sich aber stärker zwischen Jahreszeiten und Regionen verschieben.

Flussausbau verschärft die Folgen

Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei bezeichnete die Periode 2025/26 als abflussärmste seit Beginn der Pegelaufzeichnungen. Begradigung, Verkürzung, Befestigung und Ausbau hätten dazu geführt, dass Wasser schneller abfließe und sich Flusssohlen absenkten.

Niedrigwasser beeinträchtige die ökologische Funktionsfähigkeit von Flüssen besonders in Verbindung mit hohen Temperaturen. Wolter empfahl eine Revitalisierung der natürlichen Fließgewässerdynamik und eine Verkehrspolitik mit kleineren Schiffen und geringerem Tiefgang.

Dürre belastet Europas Flüsse

Thorsten Wagener von der Universität Potsdam berichtete von den niedrigsten Abflussvolumen vieler europäischer Flüsse seit Jahrzehnten. Der Rückgang natürlicher Schnee- und Gletscherspeicher könne sich mit trockenem Winter und Frühling sowie hoher Verdunstung im Sommer überlagern.

Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur Wien warnte vor einer Verringerung der Lebensräume entlang stark regulierter Gewässer. Er empfahl unter anderem eine bessere Anbindung von Auen und die Vernässung von Mooren.

Das hydrologische Jahr 2025/26 macht sichtbar, dass Niedrigwasser in Deutschland nicht nur ein Problem einzelner Flüsse oder kurzer Trockenperioden ist. Die Auswertung bezieht neun große Flussgebiete ein und beschreibt Defizite bei Böden, Grundwasser und Oberflächengewässern. Damit betrifft die Entwicklung zugleich Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Ökosysteme und die Binnenschifffahrt.

Besonders relevant ist die jahreszeitliche Verschiebung. Selbst wenn die Niederschlagsmenge über ein ganzes Jahr betrachtet ausreichen kann, helfen zusätzliche Winterabflüsse nur begrenzt, wenn Wasser im Sommerhalbjahr fehlt. Für die Schifffahrt bedeutet das geringere Ladungsmengen, Umwege oder den Ausfall einzelner Verbindungen. Wirtschaftliche Folgen können dann durch zusätzliche Transporte auf der Straße abgefedert werden, wie aktuelle Berichte zur Lage auf Weser und Ems zeigen.

Wasserhaushalt und Infrastruktur

Die Ursachen liegen nicht allein im Wetter. Höhere Temperaturen verstärken die Verdunstung, während der Rückgang von Schnee- und Gletscherspeichern die natürliche Abflussregulierung verändert. Gleichzeitig beschleunigen begradigte, befestigte und vertiefte Flüsse den Abfluss und verringern die Möglichkeit, Wasser in Auen zurückzuhalten.

Die Folgen reichen über die aktuelle Verkehrslage hinaus. Niedrige Wasserstände und hohe Temperaturen setzen Flusslebewesen unter zusätzlichen Stress, während Regionen mit ausgetrockneten Böden und erschöpften Grundwasservorräten ihre Versorgung anpassen müssen. Langfristig gewinnen Renaturierung, Auenanbindung, Moorvernässung und eine an natürliche Wasserstände angepasste Schifffahrt an Bedeutung. Entscheidend bleibt, ob der Winter genügend lang anhaltenden Landregen bringt, damit sich die Speicher tatsächlich erholen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

NDR: „Wie stark setzt das Niedrigwasser der Flüsse der Wirtschaft zu?“ (27.10.2026)

Der Beitrag schildere, dass Niedrigwasser auf Weser und Ems Fähren und Transportschifffahrt beeinträchtige. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt auf die wirtschaftlichen Folgen und den Ersatz von Schiffstransporten durch zusätzliche Lkw-Fahrten.

BR: „Nach Rekordsommer: Trinkwasserknappheit im Herbst“ (26.10.2026)

Der Beitrag berichte, dass der Sommer die Wasserversorgung in Bayern belastet habe und Kommunen in Unterfranken weiterhin Wasser zukaufen müssten. Damit ergänze er die dpa-Einordnung um die unmittelbare Bedeutung für die Trinkwasserversorgung.

Beide Beiträge bestätigten die praktischen Folgen der Trockenheit, setzten aber andere Schwerpunkte: Der NDR fokussiere Verkehr und Wirtschaft, der BR die regionale Versorgung. Offen bleibe, wie stark sich die Speicher im kommenden Winter auffüllen.

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