Nociplastischer Schmerz: Bei über einem Drittel sinkt die Wirkung von Analgetika
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 03:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deChronische Schmerzen und funktionelle Beschwerden stellen die Medizin vor komplexe Herausforderungen, insbesondere wenn organische Befunde das Ausmaß des Leidens nicht vollständig erklären können.
Fachleute wie Pre Brigitte Ranque vom Hôpital Européen Georges-Pompidou in Paris weisen darauf hin, dass funktionelle somatische Störungen mit einer erheblichen Beeinträchtigung einhergehen und eng mit der Aktivität des vegetativen Nervensystems verknüpft sind.
Da funktionelle Störungen und nachweisbare organische Erkrankungen gleichzeitig koexistieren können, gewinnen ganzheitliche Erklärungsansätze zunehmend an Bedeutung.
Funktionelle somatische Störungen und das Nervensystem
Unter Bezeichnungen wie Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie oder chronischem Erschöpfungssyndrom leiden Betroffene häufig unter persistierenden Symptomen ohne eindeutige organische Anomalie. Neben Schmerzen treten bei vegetativer Dysfunktion oft Herzklopfen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall, Taubheitsgefühle sowie schwere Schlafstörungen auf.
Fachkreise ordnen diese Störungen einem biopsychosozialen Modell zu. Zu den häufig beobachteten Merkmalen der Patienten zählen neben psychischem Stress auch Perfektionismus, Ängstlichkeit, Hyperaktivität oder Alexithymie, also die Unfähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu beschreiben.
Halten vegetative Symptome länger als zwei Wochen an, raten Experten zu einer gründlichen ärztlichen Abklärung, um hormonelle Ursachen oder Schilddrüsenerkrankungen auszuschließen.
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Leitlinien für Therapie und Begleitung
Auf einer Fachtagung in Paris La Défense betonte Ranque, dass therapeutische Beziehungen, gründliche klinische Untersuchungen und verständliche wissenschaftliche Erklärungen im Mittelpunkt der Behandlung stehen müssen. Das Beenden multipler, wiederholter Abklärungen entlaste die Betroffenen oft spürbar.
Zu den empfohlenen Basismaßnahmen zählen ein strukturierter Schlaf-Wach-Rhythmus, schrittweise gesteigerte körperliche Aktivität sowie Meditation und Entspannungsverfahren.
Nach Einschätzung von Fachleuten besitzt die kognitive Verhaltenstherapie die beste Evidenzlage für die Begleitung funktioneller somatischer Beschwerden. Medikamente sollten hingegen nicht systematisch verschrieben werden, während eine kontinuierliche Nachsorge entscheidend bleibt.
Stress als molekularer Entzündungsträger
Wie eng das autonome Nervensystem und physische Schmerzprozesse verwoben sind, belegen aktuelle Forschungsarbeiten. Ein japanisches Team um Shigeru Tanaka und Hiroshi Nakajima an der Chiba-Universität beschrieb im Fachjournal Science Advances, dass zuvor entzündete Gelenke eine molekulare Erinnerung behalten.
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Stress aktiviert über das sympathische Nervensystem das braune Fettgewebe, welches daraufhin Interleukin-6 ins Blut ausschüttet. Dies veranlasst Fibroblasten der Gelenkschleimhaut zur Freisetzung von CXCL1, was neutrophile Granulozyten anlockt und erneute Gelenkentzündungen begünstigt.
Menschen mit einer spezifischen Variante des ADRB3-Gens zeigen laut den Forschern einen schwächeren Zusammenhang zwischen empfundenem Stress und Krankheitsaktivität.
Multimodale Ansätze und Neuromodulation
Eine Übersichtsarbeit in Nature Reviews Rheumatology unterstreicht, dass überlappende Schmerzphänotypen, insbesondere nociplastischer Schmerz, bei über einem Drittel der Personen mit muskuloskelettalen Erkrankungen vorkommen und das Ansprechen auf konventionelle Analgetika verringern.
Da validierte Biomarker weitgehend fehlen, gewinnt die nicht-invasive Neuromodulation an Interesse. Unternehmen wie Parasym erforschen seit über einem Jahrzehnt die transkutane Vagusnervstimulation über das Ohr.
Gleichzeitig untersuchten Hao-Di Tang, Hong-Bin Wang und Ruotian Jiang in Anesthesiology and Perioperative Science die Wirkung taktiler Reize und transkutaner elektrischer Nervenstimulation, die Schmerzreaktionen über supraspinale Bahnen im Nervensystem dämpfen können. Auch soziales Berühren linderte Schmerzen im Versuchsaufbau messbar.
