Opioide, Dauerschmerz

Opioide bei Dauerschmerz: Nutzen sinkt nach vier Wochen deutlich

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien zeigen begrenzte Langzeitwirkung und Risiken; ein lichtsteuerbares Molekül linderte Schmerzen bislang im Tiermodell.
Ein minimalistischer, ruhiger Behandlungsraum mit einem hölzernen Stuhl und sanftem Licht vor einer neutralen Wand. Illustration mit AI erstellt.

Die Behandlung chronischer Beschwerden mit starken Schmerzmitteln steht in der medizinischen Forschung zunehmend in der Kritik. Eine systematische Übersichtsarbeit der University of Alberta, die im British Journal of General Practice veröffentlicht wurde, analysierte 27 randomisierte Studien zu Osteoarthritis und chronischem Rückenschmerz.

Das Ergebnis zeigt ein deutliches Missverhältnis zwischen kurzfristiger Linderung und langfristigem Effekt: Während die Opioidwirkung in den ersten vier Wochen als gut eingestuft wird, lässt sich danach kaum noch ein therapeutischer Nutzen feststellen.

Bei einer Einnahmedauer von mehr als zwölf Wochen besteht zudem das Risiko einer opioidinduzierten Hyperalgesie, bei der die Schmerzempfindlichkeit sogar zunimmt.

Begrenzte Linderung und funktionelle Nachteile

Dass eine dauerhafte Medikation Schmerzpatienten oft keine spürbare Erleichterung bringt, unterstreichen auch Untersuchungen der Northwestern University. In einer im Fachjournal Brain veröffentlichten Studie verglichen Forscher 70 Opioidpatienten, die im Schnitt seit 7,8 Jahren eine niedrig-mittlere Dosis einnahmen, mit 70 opioidnaiven Patienten.

Das Schmerzniveau lag in beiden Gruppen gleichermaßen bei rund 5,4 auf einer Skala von 0 bis 10. Bei der körperlichen Funktion und der psychischen Gesundheit schnitt die Gruppe mit Opioideinnahme jedoch leicht schlechter ab. Anatomische Hirnveränderungen stellten die Wissenschaftler zwar nicht fest, wohl aber funktionelle Abweichungen in Bereichen für Belohnung und Motivation.

Da molekulare Marker an Serotoninrezeptoren identifiziert wurden, könnte nach Einschätzung des Forschungsteams ein Antidepressivum auf demselben Serotonin-Pfad künftig sowohl chronische Schmerzen als auch Opioidabhängigkeit adressieren.

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Auch schwächere Substanzen schneiden in Nutzen-Risiko-Bewertungen problematisch ab. Eine umfassende Überprüfung in BMJ Evidence-Based Medicine ergab, dass Tramadol chronische Schmerzen nur marginal unterhalb der klinischen Bedeutsamkeitsschwelle reduzierte.

Zugleich zeigte sich ein signifikant höheres Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, darunter koronare Herzkrankheiten, Herzinsuffizienz und Brustschmerzen. Neben häufigen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Schwindel und Verstopfung kamen die Autoren zu dem Schluss, dass die potenziellen Schäden den begrenzten Nutzen wahrscheinlich überwiegen.

Abhängigkeitsrisiken und gesundheitliche Folgen

Weltweit sind schätzungsweise 60 Millionen Menschen von Opioidsucht betroffen, verbunden mit Hunderttausenden Todesfällen pro Jahr. Die US-Gesundheitsbehörde CDC verzeichnete für das Vorjahr über 40.000 Todesfälle durch opioidbedingte Überdosierungen bei Amerikanern. In einer australischen Fünfjahresstudie mit 1.500 Patienten hatten 20 Prozent die Opioide abgesetzt, während 8 Prozent eine Abhängigkeit entwickelten.

Fachleute des Beijing Huilongguan Hospital der Capital Medical University weisen darauf hin, dass das Suchtrisiko primär von der Einnahmedauer und Einnahmefrequenz bestimmt wird und weniger von der Höhe der Einzeldosis.

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Selbst bei vorschriftsmäßiger Dosierung könne eine langjährige Behandlung in die Abhängigkeit führen. Zudem warnen die Experten vor der Kombination mehrerer Schmerzmittel: Sie verstärke nicht die Schmerzlinderung, erhöhe jedoch die Gefahr von Leber- und Nierenschäden, Schwindel, Schläfrigkeit bis hin zur Atemdepression.

Entzugssymptome wie Gliederschmerzen, Unruhe, Herzklopfen oder Schlaflosigkeit – bei Opioiden oft begleitet von Tränenfluss, Schwitzen und Erbrechen – würden von Betroffenen zudem häufig fälschlicherweise als Wiederaufflammen der ursprünglichen Schmerzkrankheit interpretiert.

Belastungen für Gesundheitssysteme und neue Therapieansätze

In Großbritannien erhielten nach Erhebungen bis 2019 rund 13 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in England Opioid-Schmerzmittel; 53 Prozent der dortigen Hausärzte bejahen das Vorliegen einer Opioidkrise. Zwei von fünf Personen leiden dort täglich unter Schmerzen, wobei 84 Prozent leichte bis mittelschwere Beschwerden angeben.

Daten des York Health Economics Consortium und von Combogesic beziffern die Zahl der jährlichen Opioid-Verschreibungen im Vereinigten Königreich auf über 5,3 Millionen Menschen, bei durchschnittlich 40 wöchentlichen Todesfällen durch opioidbedingte Ursachen.

Die Gesamtwirtschaft werde dadurch mit geschätzt 1,17 Milliarden Pfund belastet, wovon 447 Millionen Pfund direkt auf Opioidmedikamente entfallen. Unnötige Verschreibungen kosten den staatlichen Gesundheitsdienst NHS jährlich etwa 240 Millionen Pfund; bereits eine Reduktion der Verschreibungsdauer um zwei Wochen könnte pro Jahr 24 Millionen Pfund einsparen.

Laut einer Untersuchung der Zeitung The Times führt eine Überverschreibungsepidemie in England zudem täglich rund 1.000 ältere Menschen in die Notaufnahme, während landesweit rund 8 Millionen Personen täglich mindestens fünf und 2,2 Millionen Menschen zehn oder mehr Medikamente einnehmen.

Angesichts dieser Risiken fordern Experten auf suchtmittel.de deutliche Warnhinweise auf Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln, ähnlich jenen auf Tabakprodukten.

Bei bestehender Abhängigkeit hebt Kuvinda Kossinna, Co-Chefarzt bei der Stiftung Pfarrer Sieber in Zürich, die Bedeutung von Opioid-Agonisten-Therapien hervor: Diese seien wirksam sowie lebensrettend und zielten auf eine bestmögliche Lebensqualität mit minimalem Schaden ab.

Hoffnung auf nebenwirkungsärmere Alternativen liefern vorklinische Forschungen von Weill Cornell Medicine und der University of Pennsylvania: Das im Fachmagazin Cell beschriebene Molekül AM-3 lässt sich per Lichtfrequenz reversibel schalten, gelangt kaum ins Gehirn und linderte Schmerzen im Tiermodell ohne Toleranzentwicklung oder Atemdepression.

Da das Verfahren bislang auf potenziell gewebeschädigendes UV-Licht angewiesen ist, arbeiten die Wissenschaftler an Nachfolgemolekülen für sichtbares Licht.

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