Optogenetik, Forscher

Optogenetik: Drei Forscher erhalten den Medizin-Nobelpreis fĂŒr Lichtsteuerung

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 22:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Hegemann, Nagel und Deisseroth teilen die Auszeichnung; Nanoscope Therapeutics wartet auf die FDA-Entscheidung zu MCO-010.

Optogenetik erhĂ€lt Medizin-Nobelpreis: Gentherapie rĂŒckt nĂ€her
Mikroskopische Nahaufnahme einer grĂŒnen Algenkultur in einer Laborschale unter diffusem Licht als Symbol fĂŒr optogenetische Forschung. Illustration mit AI erstellt.

Die Auszeichnung der Optogenetik mit dem Nobelpreis fĂŒr Physiologie oder Medizin wĂŒrdigt eine Technologie, die nach jahrzehntelanger Laborforschung zunehmend in Richtung praktischer Therapien vorstĂ¶ĂŸt.

Wie das Karolinska-Institut bekanntgab, geht die Auszeichnung im Jahr 2026 zu gleichen Teilen an Peter Hegemann von der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin, Georg Nagel von der UniversitĂ€t WĂŒrzburg und Karl Deisseroth von der Stanford University fĂŒr die Entdeckung lichtgesteuerter IonenkanĂ€le und die Etablierung des Verfahrens.

Parallel zu den akademischen WĂŒrdigungen zeichnet sich der Übergang in die Anwendung ab: Im September 2026 nahm die US-Arzneimittelbehörde FDA den Zulassungsantrag des Unternehmens Nanoscope Therapeutics fĂŒr die Gentherapie MCO-010 zur Behandlung von Retinitis pigmentosa an. Eine regulatorische Entscheidung wird in der ersten JahreshĂ€lfte 2027 erwartet, wĂ€hrend das PrĂ€parat derzeit noch keine Marktzulassung besitzt.

Vom Algenprotein zur prÀzisen Zellsteuerung

Die Grundlagen der Methode reichen bis in die frĂŒhen 1990er Jahre zurĂŒck. Am Max-Planck-Institut fĂŒr Biochemie in Martinsried stellte Hegemann fest, dass die GrĂŒnalge Chlamydomonas reinhardtii bereits 0,5 Millisekunden nach einem Lichtreiz ein elektrisches Signal generiert – wĂ€hrend das menschliche Auge hierfĂŒr mindestens 10 Millisekunden benötigt.

Hegemann isolierte das Protein Channelrhodopsin-1 (ChR1). Gemeinsam mit Nagel und Ernst Bamberg gelang der Nachweis, dass es sich bei Channelrhodopsinen um lichtaktivierte IonenkanÀle handelt.

Ein Gen steuert dabei selektiv den Protonenfluss, wĂ€hrend ein weiteres ein breites Spektrum positiv geladener Ionen passiert, jeweils vermittelt ĂŒber einen mit Vitamin A verwandten Lichtsensor bei spezifischen WellenlĂ€ngen.

Nagel wies am Max-Planck-Institut fĂŒr Biophysik in Frankfurt an Froscheizellen nach, dass sich Kanalrhodopsin-2 (ChR2) bereits 0,2 Millisekunden nach einem Lichtimpuls öffnet. Der Forscher zeigte die Funktion des nicht-selektiven Kationenkanals mit blauverschobenem Aktivierungsspektrum anschließend an Froschembryonen, Zellkulturen und dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans.

Im Jahr 2005 ĂŒbertrug Deisseroth die Methode auf SĂ€ugetierzellen und demonstrierte an Nervenzellen von Ratten, dass Licht gezielte Impulse auslösen kann. An der Publikation waren Ed Boyden als Erstautor und Feng Zhang als Zweitautor beteiligt.

Im Jahr 2007 setzte Deisseroths Arbeitsgruppe die Technik bei lebenden MĂ€usen ein, steuerte Bewegungen der Schnurrhaare ĂŒber den motorischen Kortex und weckte schlafende Tiere auf. Deisseroth erweiterte die Werkzeuge um hemmende Chlorid-KanĂ€le, entwickelte flexible Fiberoptiken und aktivierte gemeinsam mit Susumu Tonegawa ein zellulĂ€res GedĂ€chtnisprotokoll.

Potenzial und Grenzen im klinischen Test

Die Steuerung einzelner Zellen per Licht birgt therapeutische Perspektiven. Nach Angaben von Abdel El-Manira vom Karolinska-Institut ermöglicht die Optogenetik das Aufdecken fehlerhafter Gehirnschaltkreise, was fĂŒr Erkrankungen wie Depression, Sucht, Demenz und Blindheit bedeutsam ist. Per Svenningsson vom Nobelkomitee betonte das Potenzial fĂŒr die Kartierung des Gehirns.

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Erste AnsÀtze an der Netzhaut erprobte Zhuo-Hua Pan bereits 2006 an LabormÀusen. Volker Busskamp von der Augenklinik des UniversitÀtsklinikums Bonn erlÀuterte, die Methode ermögliche die Aktivierung oder Hemmung definierter Zellen im Millisekundenbereich; sein Team erprobt Opsine derzeit an humanen Stammzell-NetzhÀuten.

In Basel testete Botond Roska ein Verfahren an sieben blinden Patienten. Bei einem damals 58-jĂ€hrigen Patienten mit Retinitis pigmentosa ermöglichte eine Injektion viraler Vektoren mit dem Gen fĂŒr ChrimsonR zusammen mit einer Spezialbrille das Erkennen und Greifen von GegenstĂ€nden.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 berichtete ĂŒber vier schwer sehbehinderte Probanden mit verbesserter Orientierung sowie ĂŒber Hinweise auf Sehverbesserungen bei sechs Morbus-Stargardt-Betroffenen.

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Im neurologischen Bereich schwĂ€chte ein lichtempfindliches Protein in einer 2025 veröffentlichten Untersuchung epileptische AnfĂ€lle bei MĂ€usen ab. Tobias Moser von der UniversitĂ€t Göttingen publizierte 2025 Daten zu optischen Cochlea-Implantaten bei ertaubten Ratten. Das dortige Else-Kröner-Fresenius-Zentrum fĂŒr Optogenetische Therapien erwĂ€gt erste Versuche an Patienten fĂŒr das nĂ€chste oder ĂŒbernĂ€chste Jahr.

Tierexperimentell wird zudem an Magenschrittmachern geforscht. Eine zentrale HĂŒrde bleibt jedoch die Eindringtiefe: Sichtbares Licht dringt lediglich wenige Millimeter ins Gewebe ein, weshalb Forschungsgruppen an Alternativen mit Radiowellen oder Ultraschall arbeiten.

Dotierung und institutionelle Einordnung

Das Nobelkomitee vergibt den mit 12 Millionen schwedischen Kronen dotierten Preis – umgerechnet rund 1 Million Euro beziehungsweise rund 1,2 Millionen US-Dollar – zu gleichen Teilen an die drei Forscher.

Die Nobelstiftung hatte den Betrag anlĂ€sslich ihres 125-jĂ€hrigen Bestehens um eine Million Kronen aufgestockt. Seit 1901 wurden damit 232 Persönlichkeiten in der Medizin ausgezeichnet, darunter 14 Frauen. Die feierliche Übergabe erfolgt am 10. Dezember in Stockholm.

DFG-PrĂ€sidentin Katja Becker bezeichnete die Auszeichnung als Beleg fĂŒr die StĂ€rke der hiesigen Wissenschaft; Hegemann erhielt 2013 den Leibniz-Preis und forscht im Berliner Exzellenzcluster Neurocure. Bundeskanzler Friedrich Merz Ă€ußerte sich ebenfalls anerkennend ĂŒber die deutsche Spitzenforschung.

An der Humboldt-UniversitĂ€t und der CharitĂ© ist zudem ein Neubau fĂŒr Optobiologie mit einer FlĂ€che von rund 3.400 Quadratmetern und einem Volumen von rund 69 Millionen Euro geplant, dessen Förderung der Wissenschaftsrat empfohlen hat.

Mehr zum Thema bei tagesschau.de: „Medizin-Nobelpreis fĂŒr Optogenetik-Forscher aus Deutschland und USA“

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