Optogenetisches Cochlea-Implantat: Licht soll den Hörnerv präziser reizen
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 10:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Versorgung von Menschen mit hochgradigem Hörverlust steht vor einem technologischen Wandel. Neben der Weiterentwicklung etablierter Hörsysteme gewinnen optogenetische, zelluläre und gentherapeutische Verfahren zunehmend an Bedeutung.
Am 28. Oktober 2026 erfolgte an der Universitätsmedizin Göttingen die Grundsteinlegung für das neue Institut für Auditorische Neurowissenschaften (IAN) in der Robert-Koch-Straße 8. Für das Bauvorhaben plant das Land Niedersachsen rund 38,3 Mio. Euro ein, die aus einem Sondervermögen des Bundes stammen und vom Land weitergeleitet werden. Die bauliche Fertigstellung sowie die Inbetriebnahme sind bis Ende 2028 vorgesehen, der Bezug soll 2029 folgen.
Optogenetik: Hören mit Licht als künftige Alternative
Das Göttinger Institut soll die physiologischen Grundlagen des Hörens erforschen sowie neuartige Medizinprodukte und gentherapeutische Verfahren entwickeln. Das Vorhaben ist eng an das Else Kröner Fresenius Zentrum für Optogenetische Therapien (EKFZ OT) angebunden.
Im Mittelpunkt der Arbeiten eines Forscherteams um Tobias Moser steht ein optogenetisches Cochlea-Implantat. Die Technologie nutzt ein lichtempfindliches Eiweiß aus Algen, um den Hörnerv mittels optischer Signale anstelle elektrischer Impulse zu stimulieren.
Klassische Cochlea-Implantate ermöglichen Betroffenen zwar wieder den Zugang zu Lautsprache, stoßen jedoch insbesondere in lauten Geräuschkulissen an Grenzen beim Sprachverstehen. Die optische Stimulation soll die Präzision der Signalübertragung im Innenohr erhöhen.
Anatomische Gegebenheiten spielen bei der Sondenplatzierung eine zentrale Rolle: Laut Marco Carner von der Universitätsklinik Aoui Verona misst eine menschliche Cochlea meist rund 28 Millimeter, sodass bei einer Implantatlänge von 31 Millimetern rechnerisch 3 Millimeter ungenutzt bleiben.
Fortschritte bei externen und vollimplantierten Systemen
Auch bei den klinisch bereits genutzten elektronischen Systemen erweitert sich das Spektrum. Advanced Bionics, eine Tochter des Sonova-Konzerns, erhielt die TÜV-Zulassung für die Integro-CI-Plattform gemäß CE-Kennzeichnung.
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Das Portfolio umfasst den Sprachprozessor Naída CI Integro für Erwachsene und Sky CI Integro für Kinder sowie die Anpasssoftware Target CI 1.6. Nach Unternehmensangaben bietet die Technologie SoundFinder eine TÜV-geprüfte Methode zur verbesserten Schalllokalisierung.
Die integrierte SmartSpeech-Technologie mit AutoSense OS 5.0 erlaube bis zu 30-mal mehr automatisierte Klangeinstellungen als Systeme von Mitbewerbern. Die Plattform bindet bis zu acht Bluetooth-Geräte sowie Roger-On-Sphere direkt an; die US-amerikanische FDA-Zulassung steht derzeit noch aus.
Der Hersteller MED-EL präsentierte Ende September 2026 das System TICI UNICO für Erwachsene mit hochgradiger bis an Taubheit grenzender Innenohrschwerhörigkeit. Es handelt sich laut Unternehmen um das erste kommerziell erhältliche Cochlea-Implantat, bei dem Mikrofon, Elektronik und Akku vollständig unter der Haut liegen. Die Akkulaufzeit beträgt bis zu 40 Stunden.
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Wie Philippe Lefebvre berichtete, setzten manche Probanden das Gerät bis zu 18 Stunden täglich ein. Nach einer Machbarkeitsstudie mit sechs Teilnehmern ist die multizentrische Zulassungsstudie auf 30 Personen ausgelegt, bei einer Nachbeobachtung von bis zu 52 Wochen. Ein beteiligtes Zentrum in München stellte hierzu Daten über einen Zeitraum von drei Jahren vor.
Das System verzichtet auf direktes Bluetooth-Streaming und setzt auf einen T-Spulen-Kanal. Fachkliniken schlagen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Implantatpreis vor, der mehr als doppelt so hoch ausfallen könnte wie der vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) für 2023 ermittelte Wert von knapp 19.850 Euro für eine einseitige Versorgung.
Regenerative Zell- und Gentherapien
Parallel zu technischen Implantaten schreiten biologische Behandlungsansätze voran. Lineage Cell Therapeutics entwickelt im Rahmen einer mehrjährigen Kooperation mit William Demant Invest A/S das Zelltransplantationsprogramm ReSonance (ANP1), das auf der AlloSCOPE-Plattform basiert.
Ein Treffen mit der dänischen Arzneimittelbehörde ist für das vierte Quartal 2026 geplant. Eine begleitende Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Hearing Research befasst sich mit chirurgischen Abläufen und der Patientenprofilierung für Zelltherapien des Hörnervs.
Skylark Bio wiederum erprobt in der Studie SONIX die Gentherapie SKY-GJB2, die auf Mutationen des Connexin-26-Gens abzielt. Genetische Ursachen machen etwa 50 bis 60 Prozent der frühkindlichen Hörverluste aus, wobei GJB2-Defekte für 10 bis 20 Prozent aller Fälle angeborener Innenohrschwerhörigkeit und in manchen Populationen für bis zu 50 Prozent verantwortlich sind.
Die Verabreichung erfolgt chirurgisch über die Membran des runden Fensters in ein Ohr, während das andere für Hörgeräte oder Implantate frei bleibt. Die bis 2026 auf zehn Teilnehmende angelegte Studie erfasst Kinder im Alter von neun Monaten bis sieben Jahren.
