p-tau217 im Blut: Höchste Werte gehen mit 78 Prozent Alzheimer-Risiko einher
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 05:55 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Identifizierung spezifischer Eiweiße im Blut als potenzielle Indikatoren für ein erhöhtes Demenzrisiko eröffnet neue Wege in der neurologischen Diagnostik.
Während die Erkennung neurodegenerativer Veränderungen lange Zeit aufwendige Verfahren wie Positronen-Emissions-Tomographien (PET) oder Liquorpunktionen erforderte, rücken blutbasierte Biomarker wie das phosphorylierte Tau-Protein p-tau217 zunehmend in den wissenschaftlichen und klinischen Fokus.
Erkenntnisse zur langfristigen Vorhersagekraft
Untersuchungen an großen Kohorten verdeutlichen das Potenzial und die Grenzen einzelner Marker. In der Whitehall-II-Kohorte mit 5.225 Teilnehmern, die bei einem mittleren Alter von 69,4 Jahren in den Jahren 2012 bis 2013 erfasst und über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 12,2 Jahren begleitet wurden, traten 516 Demenzdiagnosen auf.
Teilnehmer im höchsten Quartil für p-tau217 wiesen ein berechnetes Hazard Ratio (HR) von 3,74 auf (95%-Konfidenzintervall 3,12–4,50). Für das saure Gliafaserprotein (GFAP) lag das Hazard Ratio bei 2,25, für das A?42/40-Verhältnis bei 1,88 und für das Neurofilament Light (NfL) ebenfalls bei 1,88. Der C-Index für p-tau217 allein betrug 0,693, während die Kombination aller Biomarker einen C-Index von 0,760 erreichte.
Bei einer Sensitivität von 41,7 bis 59,5 Prozent und einer Spezifität von 76,8 bis 78,8 Prozent blieb die langfristige Vorhersagekraft jedoch insgesamt bescheiden.
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Erhebungen von Mass General Brigham zeigen, dass bei Personen mit den höchsten p-tau217-Werten die Wahrscheinlichkeit einer Alzheimer-Diagnose innerhalb von zehn Jahren 78 Prozent betrug. Zugleich blieb rund ein Fünftel der Teilnehmer trotz erhöhter Markerwerte kognitiv unauffällig.
Forscherin Rachel Buckley von Mass General Brigham verweist darauf, dass Amyloid-beta bereits 20 bis 30 Jahre vor einer Diagnose nachweisbar sein kann; eine Untersuchung aus dem Jahr 2022 belegte zudem leichte Gedächtnisverschlechterungen bis zu neun Jahre vor der klinischen Feststellung.
Neue Testverfahren und Großforschung
Um die diagnostische Trennschärfe zu verbessern, stellte die Universitätsmedizin Halle am 22. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications ein zweistufiges Verfahren vor. Dieses isoliert zunächst hirnstämmige Tau-Formen über spezifische Antikörper, bevor p-tau217 gemessen wird.
Bei einem Vergleich von 315 Proben aus Halle, Mannheim und Mailand zeigte ein konventioneller Test erhöhte Werte auch bei amyotropher Lateralsklerose (ALS). Nach dem Isolationsschritt war der Marker ausschließlich bei Alzheimer erhöht, was falsch-positive Befunde verringern soll.
Parallel analysieren Alamar Biosciences und Nightingale Health in Kooperation mit Forschungsorganisationen rund 220 Proteine in mehr als 80.000 Blutproben der UK Biobank. Die bis Ende 2027 erwarteten Ergebnisse sollen früheste Veränderungen bei Demenzerkrankungen aufdecken.
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Regulatorischer Status und fachliche Kontroversen
Mehrere p-tau217-Bluttests besitzen eine Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA, darunter PrecivityAD2 von C2N Diagnostics für symptomatische Personen ab 40 Jahren. Roche erhielt in den USA im Oktober 2025 die Zulassung für Elecsys pTau181 sowie im August 2026 für Elecsys pTau217; in Europa liegen seit Juli 2025 beziehungsweise Mai 2026 entsprechende CE-IVDR-Zertifizierungen vor.
In Brasilien ist seit Oktober 2026 ein entsprechender Test für Personen ab 50 Jahren mit kognitivem Abbau verfügbar. Weltweit sind laut WHO etwa 50 Millionen Menschen von Alzheimer betroffen.
Trotz technologischer Fortschritte betonen Experten Zurückhaltung hinsichtlich eines breiten Einsatzes. Reisa Sperling von Mass General Brigham hob hervor, dass kein Kausalitätsnachweis vorliege und der Test nicht als Massenscreening bestätigt sei.
Auch Fachmediziner wie der Geriater Sigbjørn Rogne sowie Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Neurologie raten von einem flächendeckenden Screening ohne Symptome ab, da unpräzise Grenzwerte zu Grauzonen und Fehlinterpretationen führen können. Laufende Studien wie AHEAD 3-45 oder TRAILBLAZER-ALZ 3 prüfen derzeit den präventiven Nutzen früher therapeutischer Interventionen.
