Paracetamol in Schwangerschaft? Mögliche Folgen fĂŒr Töchter
Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 01:10 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Einnahme von Paracetamol wĂ€hrend der Schwangerschaft könnte einer Studie zufolge bei MĂ€dchen womöglich die Fruchtbarkeit und den Zeitpunkt der Menopause beeinflussen. MĂ€dchen, deren MĂŒtter wĂ€hrend der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, wiesen im Alter von drei Monaten kleinere Eierstöcke, weniger EiblĂ€schen, kleinere GebĂ€rmĂŒtter und niedrigere Spiegel an Fortpflanzungshormonen auf, wie das Forschungsteam im Fachjournal «Human Reproduction Open» berichtet.
Die Ergebnisse stĂŒnden im Einklang mit Befunden aus Tierstudien, denen zufolge Paracetamol wĂ€hrend der TrĂ€chtigkeit eine eingeschrĂ€nkte Fruchtbarkeit sowie eine verkĂŒrzte reproduktive Lebensspanne der weiblichen Nachkommen zur Folge haben kann, erlĂ€utert das Team um Margit Bistrup Fischer vom Rigshospitalet in Kopenhagen. Bei der aktuellen Analyse handle es sich aber um eine Beobachtungsstudie, die Daten belegten den Zusammenhang nicht ursĂ€chlich, wird auch betont. Ob die Unterschiede tatsĂ€chlich Folgen fĂŒr die Fruchtbarkeit oder den Zeitpunkt der Menopause haben, mĂŒsse in lĂ€ngerfristigen Nachbeobachtungen geklĂ€rt werden.
Die Grundlage der spĂ€teren Fortpflanzung wird bereits im Mutterleib gelegt: MĂ€dchen kommen mit der gesamten Zahl an Eizell-Anlagen zur Welt, die ihnen lebenslang zur VerfĂŒgung steht. Ist der Vorrat erschöpft, kommt es zur Menopause. Das ist der Zeitpunkt der letzten Regelblutung, anschlieĂend endet die Fruchtbarkeit dauerhaft.
MĂŒssen die Empfehlungen ĂŒberarbeitet werden?
In einem begleitenden Kommentar in «Human Reproduction Open» betont Christian De Geyter vom UniversitĂ€tsspital Basel die groĂe Bedeutung der Ergebnisse. Die Empfehlungen zur Anwendung von Paracetamol wĂ€hrend der Schwangerschaft mĂŒssten nun ĂŒberarbeitet werden, meint er.
Paracetamol ist das am hĂ€ufigsten genutzte Schmerzmittel in der Schwangerschaft. Die Wissenschaftler um Fischer hatten Daten von 685 Frauen im ersten Schwangerschaftsdrittel analysiert. Die werdenden MĂŒtter gaben ihre Paracetamol-Nutzung im Zwei-Wochen-Rhythmus an, zusĂ€tzlich wurden Urinproben analysiert. Nach Ende der Schwangerschaften wurden 302 Töchter im Alter von im Mittel 106 Tagen untersucht.
Folgen unterschieden sich je nach Schwangerschaftsphase
Eine frĂŒhe Einnahme vor der 17. Schwangerschaftswoche war mit einem geringeren Eierstockvolumen und einem geringeren GebĂ€rmuttervolumen bei den Töchtern verbunden. Eine Einnahme ab der 17. Schwangerschaftswoche stand mit einer geringeren Zahl an EiblĂ€schen â der Strukturen, die unreife Eizellen enthalten â in Zusammenhang. In einer Untergruppe von MĂ€dchen, die ausschlieĂlich frĂŒh exponiert waren, waren zudem die Werte des Hormons AMH niedriger, das als Marker fĂŒr die Eizellreserve gilt.
Bei der Einnahme in der frĂŒhen Phase ergab sich den Autoren zufolge konkret ein um rund 40 Prozent geringeres Eierstockvolumen und ein um 13 Prozent geringeres GebĂ€rmuttervolumen bei den MĂ€dchen. Bei Paracetamol-Einnahme in der spĂ€ten Schwangerschaftsphase waren es 23 Prozent weniger EiblĂ€schen. Die Auswertungen deuteten zudem auf einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang hin, also eine stĂ€rkere AusprĂ€gung bei stĂ€rkerer Paracetamol-Verwendung.
Die Frauen hatten den Forschenden zufolge vergleichsweise geringe Mengen Paracetamol eingenommen, keine ĂŒberschritt die empfohlene Tageshöchstdosis von 4.000 Milligramm. Am hĂ€ufigsten wurden Kopf- oder MigrĂ€neschmerzen als Grund genannt, gefolgt von anderen Schmerzen vor allem des Bewegungsapparats.
Weitere Daten bestĂ€tigten VerĂ€nderungenÂ
Die Forscher werteten auĂerdem Daten einer separaten Gruppe von 1.210 MĂ€dchen aus, die von der SĂ€uglingszeit bis in die Jugend begleitet wurden. Dort war eine Paracetamol-Nutzung der Mutter wĂ€hrend der Schwangerschaft mit einer kleineren GebĂ€rmutter der Töchter in der PubertĂ€t und einem kleineren Eierstockvolumen in der Adoleszenz, der Ăbergangsphase von der Kindheit zum Erwachsenenalter, verbunden. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass die beobachteten Unterschiede ĂŒber die frĂŒhe Kindheit hinaus fortbestehen könnten.
«Frauen, die wĂ€hrend der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, sollten sich durch unsere Ergebnisse nicht beunruhigen lassen», betont Fischer aber auch. «Unsere Studie untersuchte ZusammenhĂ€nge auf Populationsebene und kann keine Vorhersagen fĂŒr einzelne Frauen oder Kinder treffen. Viele Frauen, die wĂ€hrend der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, hatten Töchter, deren EierstockmaĂe denen von Töchtern Ă€hnelten, deren MĂŒtter kein Paracetamol eingenommen hatten.»
Der nicht an der Studie beteiligte Experte fĂŒr Reproduktionstoxologie, Wolfgang Paulus von der UniversitĂ€tsfrauenklinik Ulm, weist darauf hin, dass die Unterschiede in der frĂŒhen Lebensphase nur teilweise signifikant und marginal ausfielen. Ob diese langfristig klinische Relevanz hĂ€tten, bleibe ungewiss, dafĂŒr brauche es Forschung mit lĂ€ngerer Nachbeobachtungszeit.Â
Trump behauptete Zusammenhang mit Autismus â den es nicht gibt
US-PrĂ€sident Donald Trump hatte schwangere Frauen bei einer Pressekonferenz im September vergangenen Jahres vor der Einnahme von Paracetamol - in den USA unter dem Markennamen Tylenol bekannt - gewarnt. Er stellte dabei allerdings einen Zusammenhang mit Autismus beim Kind her. Experten widersprachen vehement. Eine Ăbersichtsstudie bestĂ€tigte einige Monate darauf erneut, dass die Einnahme von Paracetamol wĂ€hrend der Schwangerschaft nicht das Risiko fĂŒr Autismus, ADHS oder geistige Behinderungen erhöht.
Empfohlen auch in DeutschlandÂ
Paracetamol ist Experten zufolge das am hĂ€ufigsten verwendete Schmerz- und Fiebermittel in der Schwangerschaft und wird weltweit als Mittel der ersten Wahl zur Schmerzlinderung und Fiebersenkung empfohlen. Auf einer AufklĂ€rungsseite des Bundesgesundheitsministeriums heiĂt es, Paracetamol sei bei leichten bis mittelstarken Schmerzen sowie Fieber wĂ€hrend der gesamten Schwangerschaft erlaubt. Bei lĂ€ngerer Einnahme sollten Schwangere aber Ă€rztlichen Rat einholen.
Auch das Portal Embryotox der CharitĂ©, auf dem sich Schwangere ĂŒber verschiedenste Arzneimittel und die Folgen einer Einnahme informieren können, stuft Paracetamol als «grĂŒn» ein. Das bedeutet: Es wird als Medikament der Wahl empfohlen â dennoch sei immer eine Kosten-Nutzen-AbwĂ€gung nötig. Die CharitĂ© weist auch darauf hin, dass die unterschiedlichen Ergebnisse zahlreicher Studien zu Paracetamol in der Schwangerschaft und ihre klinische Relevanz in Fachkreisen kontrovers diskutiert werden.
Keine generelle Warnung vor Paracetamol
Fischer betont, dass die neuen Ergebnisse Frauen nicht davon abhalten sollten, Paracetamol einzunehmen, wenn dies medizinisch notwendig sei. Sie sollten vielmehr zu GesprĂ€chen mit dem betreuenden Arzt darĂŒber anregen, «wann eine medikamentöse Behandlung notwendig ist und wann alternative AnsĂ€tze in Betracht gezogen werden können».Â
Auch Paulus betont, die aktuellen Befunde sollten Frauen nicht davon abhalten, in der Schwangerschaft gelegentlich Paracetamol zu verwenden. Keinesfalls sollten alternative Mittel eingesetzt werden, die nachweislich Komplikationen auslösen können. «Sinnvoll bleibt das Prinzip, die niedrigste wirksame Dosis ĂŒber die kĂŒrzest mögliche Behandlungsdauer in der Schwangerschaft einzusetzen», so der Mediziner.
