Paracetamol in der Schwangerschaft: 40% kleinere Eierstöcke bei Töchtern
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 13:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Einnahme von Schmerzmitteln wĂ€hrend der Schwangerschaft steht regelmĂ€Ăig im Fokus der medizinischen Forschung. Eine Beobachtungsstudie des Rigshospitalet in Kopenhagen unter der Leitung von Margit Bistrup Fischer, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Human Reproduction Open, liefert neue Daten zu möglichen ZusammenhĂ€ngen zwischen einer prĂ€natalen Paracetamol-Exposition und der Entwicklung der Fortpflanzungsorgane bei weiblichen Nachkommen.
Befunde der Kopenhagener COPANA-Studie
In der Untersuchung, die den Erhebungszeitraum von MÀrz 2020 bis November 2022 umfasst, wurden 685 gesunde kaukasische Einlings-Schwangere im ersten Trimester begleitet. Bei einer Nachuntersuchung von 302 Töchtern in einem mittleren Alter von 106 Tagen stellten die Forschenden AuffÀlligkeiten im Zusammenhang mit der Medikamenteneinnahme fest.
Eine Einnahme vor der 17. Schwangerschaftswoche war mit einem um 40 Prozent geringeren Eierstockvolumen und einem um 13 Prozent geringeren GebÀrmuttervolumen verbunden. Die konkreten EffektschÀtzer beliefen sich auf eine Reduktion des Ovarvolumens um 0,11 Kubikzentimeter (95-Prozent-Konfidenzintervall -0,19 bis -0,03) sowie des Uterusvolumens um 0,18 Kubikzentimeter (-0,35 bis -0,01).
Erfolgte die Einnahme ab der 17. Schwangerschaftswoche, zeigte sich eine Verringerung der EiblĂ€schen um 23 Prozent, was einem EffektschĂ€tzer von minus 1,05 Follikeln (-1,71 bis -0,39) entspricht. Bei einer ausschlieĂlich frĂŒhen Exposition wurden zudem niedrigere Werte des Anti-MĂŒller-Hormons (AMH) gemessen.
Die Wissenschaftler beobachteten eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, wobei keine der untersuchten Frauen mehr als 4000 Milligramm pro Tag einnahm. Eine KausalitÀt ist durch das beobachtende Design der Studie jedoch nicht belegt.
ErgĂ€nzende Daten aus einem separaten Kollektiv von 1210 MĂ€dchen der Kopenhagener Mutter-Kind-Kohorte deuteten ebenfalls auf kleinere Ovarien in der Adoleszenz sowie kleinere Uteri in der PubertĂ€t hin. Langfristige Konsequenzen fĂŒr die spĂ€tere FertilitĂ€t oder den Beginn der Menopause bleiben vorerst unklar, da die MĂ€dchen bislang nicht bis in das fertile Alter nachverfolgt wurden.
Daten aus tierexperimentellen Untersuchungen
Viele werdende MĂŒtter fragen sich nach den neuen Kopenhagener Befunden, ob und wann Paracetamol in der Schwangerschaft noch in Ordnung ist. Klar ist: Bei echtem Bedarf raten Experten nicht zum eigenmĂ€chtigen Absetzen â aber ein vorbereiteter Arzttermin nimmt Ihnen die Unsicherheit. Kostenlosen Leitfaden fĂŒr sichere Schmerzmittel-Entscheidungen anfordern
ErgÀnzend zu den humanbiologischen Beobachtungen untersuchte ein Team um David Kristensen am Kopenhagener UniversitÀtsklinikum Daten aus Tiermodellen.
In einer in Endocrine Connections veröffentlichten Analyse von drei unabhĂ€ngigen Nagetierstudien fĂŒhrte Paracetamol in fĂŒr Schwangere zugelassenen Dosierungen bei weiblichen Nachkommen zu einer geringeren Ovarialreserve und womöglich zu einer eingeschrĂ€nkten Fruchtbarkeit im Erwachsenenalter, was nach Ansicht der Autoren weiterer Forschung bedarf.
Mögliche Effekte auf mĂ€nnliche Nachkommen analysierte ein Forschungsteam um Rod Mitchell an der UniversitĂ€t Edinburgh in Science Translational Medicine. In Versuchen an MĂ€usen mit transplantiertem menschlichem Hodengewebe zeigte sich nach einer 24-stĂŒndigen Gabe einer typischen Tagesdosis zunĂ€chst kein messbarer Effekt.
Nach sieben Tagen sank die Testosteronproduktion jedoch um 45 Prozent. Eine geringe Androgen-Exposition im Mutterleib ist mit einem erhöhten Risiko fĂŒr InfertilitĂ€t, Hodenkrebs und Hodenhochstand verbunden. Das Team empfahl daher die Einnahme der niedrigsten wirksamen Dosis ĂŒber den kĂŒrzest möglichen Zeitraum.
Relevanz fĂŒr die klinische Praxis
Die Verbreitung des Wirkstoffs ist hoch: Laut Harvard Health nehmen bis zu 65 Prozent der schwangeren Frauen in den USA Paracetamol ein. Angesichts der aktuellen Datenlage forderte der Basler Kommentator De Geyter eine Ăberarbeitung der gĂ€ngigen Empfehlungen.
Die Sorge um die spĂ€tere Fruchtbarkeit der Tochter ist verstĂ€ndlich â doch die beobachteten MĂ€dchen wurden bislang nur bis zur Adoleszenz begleitet, langfristige Folgen sind offen. Wer sich trotzdem gut vorbereiten will, findet in diesem Leitfaden die wichtigsten Fragen und Dosierungs-Regeln fĂŒr das GesprĂ€ch mit dem Frauenarzt. Fragenkatalog fĂŒr den Frauenarzt-Termin jetzt sichern
Andere Fachkreise Ă€uĂern sich zurĂŒckhaltender. Das American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) gab zu bedenken, dass die klinische Bedeutung der Befunde unklar sei, zumal die Ă€ltesten bisher beobachteten Teilnehmerinnen sich in der Adoleszenz befĂ€nden.
Studienleiterin Margit Bistrup Fischer betonte, dass bei einem echten Bedarf kein Anlass zum Absetzen des Medikaments bestehe. Experten raten Schwangeren generell davon ab, verordnete oder benötigte Schmerzmittel ohne vorherige Ă€rztliche RĂŒcksprache eigenmĂ€chtig abzusetzen.
