Pflanzenstoffe, Nieren

Pflanzenstoffe für die Nieren: Phlorizin birgt Risiken durch Flüssigkeitsverlust

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 12:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute kritisieren fehlende Prüfungen für pflanzliche Präparate; die US-Leitlinie zu Nierensteinen führt erstmals Phytat und Theobromin auf.

Nahrungsergänzung für die Nieren: Sicherheitslücken und neue Leitlinien
Verschiedene getrocknete Heilkräuter und Pflanzenextrakte in gläsernen Laborgefäßen auf einem sauberen Arbeitstisch. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle Berichte untersuchen die Seriosität und den tatsächlichen Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln, die zur Unterstützung der Nierenkraft und Nierenregulation beworben werden. Während Hersteller mit pflanzlichen Wirkstoffen und speziellen Rezepturen werben, warnen Fachleute und Verbraucherschützer vor Sicherheitslücken im Kontrollsystem sowie vor potenziell bedenklichen Inhaltsstoffen.

Regulatorische Lücken bei pflanzlichen Präparaten

In Deutschland unterliegen frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel keinen strengen behördlichen Zulassungsverfahren. Wissenschaftler, Ärzte und Verbraucherschützer wiesen in einem Schreiben an die Bundesministerien für Landwirtschaft, Ernährung sowie Wirtschaft auf erhebliche Qualitäts- und Sicherheitsprobleme bei Produkten mit sogenannten Botanicals hin. Diese pflanzlichen, algen-, pilz- oder flechtenbasierten Stoffe müssen vor dem Markteintritt lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registriert werden; eine inhaltliche behördliche Prüfung ist gesetzlich nicht vorgesehen.

Wie Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie an der Universität Münster, darlegte, wurden im vergangenen Jahr über 30.000 Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland angemeldet. Im europäischen Vergleich gelten etwa in der Schweiz, Frankreich und Belgien deutlich schärfere Dokumentationspflichten als auf dem deutschen Markt.

Auf dem Markt finden sich spezialisierte Präparate wie NephraVia, das Goldrutenkraut-Extrakt, Brennnesselblatt-Extrakt, Vitamin D3 und Schwarzen-Pfeffer-Extrakt mit 95 Prozent Piperin kombiniert.

Das Produkt wird in Deutschland nach dem Standard FSSC 22000 hergestellt, ist frei von 14 Hauptallergenen gemäß Lebensmittelinformationsverordnung, Gentechnik, künstlichen Zusatzstoffen, Laktose und Gluten, nutzt eine pflanzliche Kapselhülle aus HPMC und ist durch das aus Schafwollfett gewonnene Vitamin D3 nicht vegan.

Erhältlich ist es über den Hersteller sowie in Apotheken, wobei eine tägliche Dosis von einer Kapsel über einen Zeitraum von mindestens 8 bis 12 Wochen empfohlen wird; typische Nebenwirkungen seien laut Herstellerangaben nicht bekannt.

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Risiken durch unzulässige Stoffe und Fehlgebrauch

Neben standardisierten Pflanzenextrakten geraten immer wieder problematische Substanzen in den Fokus. Das BVL warnt ausdrücklich vor lithiumhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln.

In der Europäischen Union sind zugesetzte Lithiumverbindungen wie Lithiumcarbonat oder Lithiumorotat in Nahrungsergänzungsmitteln nicht zugelassen. Da Lithium eine sehr geringe therapeutische Breite aufweist, kann bereits eine moderate Erhöhung des Spiegels schwerwiegende Folgen auslösen.

Mögliche Anzeichen einer Vergiftung reichen von starkem Durst, häufigem Wasserlassen und Austrocknung über Zittern, Muskelschwäche und Verwirrtheit bis hin zu Krampfanfällen, Koma oder Tod. Ein ernährungsbedingter Mangel an Lithium ist wissenschaftlich nicht belegt; als Arzneimittel unterliegt Lithiumcarbonat der Verschreibungspflicht.

Auch physiologisch aktive Naturstoffe erfordern Vorsicht. Der sekundäre Pflanzenstoff Phlorizin, der in Rinde und Wurzeln von Apfelbäumen vorkommt, hemmt Transportproteine wie SGLT2 in den Nierentubuli. Dies führt zu einer osmotischen Diurese mit erhöhter Urin- und Glukoseausscheidung sowie dem Verlust von Elektrolyten wie Natrium, Kalium und Chlorid.

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Ohne sachgemäße Überwachung drohen Dehydrierung und Hyponatriämie, obgleich die Substanz den Urin-pH-Wert senken und in Tierstudien die Blutzuckerkontrolle verbessern konnte. Ähnliche Dehydrierungs- und Elektrolytrisiken bestehen beim zweckentfremdeten Einsatz des verschreibungspflichtigen Nierenmedikaments Tolvaptan Acetat, das im Bodybuilding zur Steigerung der Muskeldefinition missbraucht wird.

Wissenschaftliche Evidenz in internationalen Leitlinien

Dass Substanzen zur Unterstützung der Nierenfunktion unter bestimmten Bedingungen medizinische Anerkennung finden können, zeigt die American Urological Association (AUA). In ihrer im Juli 2026 veröffentlichten Referenzleitlinie für Diagnose, Behandlung und Prävention von Nierensteinen, welche die Fassung aus dem Jahr 2014 ablöst, nahm die Organisation erstmals Phytat und Theobromin auf.

Beide Stoffe wurden von Forschern der Universität der Balearen (UIB) entwickelt und patentiert. Phytat hemmt als natürlicher Bestandteil pflanzlicher Lebensmittel die Kristallisation von Calciumsalzen, während das in Kakao vorkommende Theobromin die Entstehung von Calciumsteinen erschwert. Fèlix Grases, Leiter der Forschungsgruppe für Nierensteine an der UIB, bezeichnete diese offizielle Aufnahme in die US-Leitlinie als ein seltenes Ereignis.

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