Pflege-Notstand, Fachkräfte

Pflege-Notstand: 723.000 Fachkräfte fehlen bis 2029

Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 04:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine IW-Prognose erwartet bis 2029 deutlich mehr fehlende Fachkräfte, während die Beschäftigung steigt und soziale Berufe besonders betroffen sind.

IW-Studie: Fachkräftelücke könnte bis 2029 stark wachsen
Leere Baustelle in der Dämmerung mit schweren Baumaschinen und Stahlgerüsten vor einem urbanen Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom September 2026 zeichnet ein besorgniserregendes Bild für den deutschen Arbeitsmarkt.

Den Studienergebnissen zufolge könnte die Fachkräftelücke bis zum Jahr 2029 auf insgesamt 723.000 Personen anwachsen. Dies entspräche nahezu einer Verdoppelung gegenüber dem Stand von 2025, als die Lücke noch mit 370.000 unbesetzten Stellen beziffert wurde.

Trotz dieses Mangels gehen die Forscher davon aus, dass die Gesamtbeschäftigung bis Ende 2029 auf etwa 35 Millionen Personen steigen könnte, was einem Wachstum von 5 Prozent entspricht.

Dramatischer Anstieg in sozialen Berufen und im Dienstleistungssektor

Die Prognosen verdeutlichen, dass der Bedarf an qualifiziertem Personal in verschiedenen Branchen sehr ungleich verteilt ist. Besonders kritisch stellt sich die Situation im Dienstleistungsbereich und im Sozialwesen dar.

Laut der IW-Studie werden bis 2029 vor allem Verkäufer mit einer Lücke von 39.100 Kräften fehlen. Im Bereich der Kinderbetreuung wird ein Mangel von 29.900 Fachkräften erwartet, gefolgt von der Sozialarbeit mit 23.600 fehlenden Personen.

Insgesamt beziffern die Experten den Fehlbedarf in sozialen Berufen auf über 70.000 Fachkräfte. Auch im Handwerk und der technischen Infrastruktur bleibt der Druck hoch: Allein in der Bauelektrik fehlen schätzungsweise 17.400 Fachkräfte.

Fachleute warnen in diesem Zusammenhang, dass geplante Investitionen, wie das Sondervermögen für Infrastruktur in Höhe von 500 Milliarden Euro, aufgrund des Personalmangels eher in steigende Preise als in reale Bauleistungen fließen könnten.

Demografischer Druck und strukturelle Veränderungen in der Industrie

Als Hauptgründe für die sich weitende Fachkräftelücke nennt die Studie den massiven Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge, einen mangelnden Fokus auf den Nachwuchs sowie eine rückläufige Zuwanderung. Interessanterweise zeigt sich in der Industrie eine gewisse Trendabschwächung. In Berufen der Maschinen- und Fahrzeugtechnik sank der Bedarf zuletzt um 147.000 Stellen, im Bereich Verkehr und Logistik um 145.000.

Der Unternehmer Nikolas Stihl wies in einem Beitrag darauf hin, dass die deutsche Industrieproduktion innerhalb der letzten acht Jahre um 15 Prozent geschrumpft sei. Monatlich gingen demnach etwa 15.000 Industriearbeitsplätze verloren. Zur Gegensteuerung forderte er unter anderem einen massiven Bürokratieabbau, die Einführung einer 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich sowie eine Senkung der Lohnnebenkosten auf unter 40 Prozent.

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Regionale Herausforderungen und die finanzielle Belastung in der Pflege

Die demografische Schieflage wird auch auf regionaler Ebene deutlich. In Hessen sind laut Daten der Bundesagentur für Arbeit bereits 24 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über 55 Jahre alt.

Besonders hoch ist dieser Anteil bei schweren Bau- und Transportgeräten (37 Prozent) sowie in der Elektrotechnik (29 Prozent). Gleichzeitig stehen in Hessen 2,33 Millionen Menschen über 55 Jahren lediglich 1,53 Millionen unter 25-Jährige gegenüber.

Im Bereich der Pflege führen der Personalmangel und steigende Kosten zu einer erheblichen Belastung. In Salzburg reagierte das Land mit einem 45-Millionen-Euro-Paket bis 2031, um einer prognostizierten Lücke von 1.570 Pflegekräften entgegenzuwirken. In Deutschland liegt der Eigenanteil für einen Heimplatz im ersten Jahr derzeit bei durchschnittlich 3364 Euro pro Monat.

Kritik an geplanten Reformen der Pflegeversicherung kam von Kornelia Schmid vom Verein „Pflegende Angehörige e.V.“. Sie kritisierte insbesondere die mögliche Streichung des Entlastungsbetrags von 131 Euro für den Pflegegrad 1 und startete eine Petition gegen Reformen zu Lasten pflegender Angehöriger.

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Politische Debatten um Rentenreform und Arbeitszeitmodelle

Angesichts der prognostizierten Zahlen forderte JU-Chef Johannes Winkel eine zügige Rentenreform noch im Jahr 2026. Ziel müsse es sein, dass alle Neuregelungen vor der Bundestagswahl 2029 wirksam werden.

Winkel sprach sich für ein Ende der abschlagsfreien Frührente nach 45 Arbeitsjahren aus, wobei Ausnahmen für körperlich arbeitende Menschen erhalten bleiben sollten. Er verwies darauf, dass die Sozialausgaben bereits über 1.400 Milliarden Euro lägen und ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung weiter steige.

Als wesentliche Lösungsansätze zur Schließung der Fachkräftelücke identifiziert die IW-Studie neben einer gesteuerten Zuwanderung vor allem eine verstärkte Weiterbildung sowie eine intensivere Berufsorientierung für junge Menschen. Auch technische Innovationen, wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Sturzerkennung oder digitale Platzübersichten in der Pflege, wie sie in Salzburg geplant sind, könnten zur Entlastung des Systems beitragen.

Mehr zum Thema bei ZEIT Online: „Studie: Deutschen Unternehmen könnten 2029 mehr als 700.000 Fachkräfte fehlen“

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