Pflege, Schleswig-Holstein

Pflege unter 65 in Schleswig-Holstein: Zahl steigt binnen vier Jahren um fast 50 Prozent

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 13:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die Zahl jüngerer Pflegebedürftiger in Schleswig-Holstein nahm deutlich zu; zugleich belasten Defizite und geringe Margen die Pflegeeinrichtungen.

Schleswig-Holstein: Pflegebedürftige unter 65 binnen vier Jahren fast 50 Prozent mehr
Ein heller, freundlicher Wohnraum mit einem Sessel vor einem Fenster mit Blick in einen Garten als Symbol für häusliche Pflege. Illustration mit AI erstellt.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen unter 65 Jahren ist in Schleswig-Holstein innerhalb von vier Jahren drastisch gewachsen. Wie Daten des dortigen Sozialministeriums zeigen, stieg die Zahl dieser Personengruppe um fast 50 Prozent: Während im Jahr 2019 noch knapp 29.000 jüngere Menschen als pflegebedürftig registriert waren, lag der Wert im Jahr 2023 bereits bei gut 43.000. Diese Entwicklung ging aus einer parlamentarischen Anfrage der SSW-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag hervor. Die Fraktion schlug angesichts der Zahlen Alarm, und auch in der Landespolitik wird dringender Handlungsbedarf gesehen.

Nach Angaben des Sozialministeriums wird die Mehrheit der jüngeren Betroffenen im eigenen Zuhause betreut. Häufig übernehmen Angehörige im erwerbsfähigen Alter die Pflege, oft auch aus Mangel an passenden spezialisierten Einrichtungen. Neuere Daten zu dieser Entwicklung wurden vom Ministerium für November angekündigt.

Wirtschaftlicher Druck auf ambulante und stationäre Pflegedienste

Die wachsende Inanspruchnahme von Pflegeleistungen spiegelt sich auch in bundesweiten Branchendaten wider. Ein Whitepaper der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, das auf Prüfungen bei über 2.000 Mandanten der Gesundheits- und Sozialwirtschaft basiert, beziffert die Zahl der Menschen mit Leistungen der sozialen Pflegeversicherung für das Jahr 2025 auf rund 6 Millionen. Knapp 90 Prozent der Pflegebedürftigen mit Leistungsantrag lebten demnach im eigenen Zuhause.

Gleichzeitig stehen die Pflegeeinrichtungen unter erheblichem finanziellem Druck. Den Curacon-Erhebungen zufolge schlossen im Jahr 2025 insgesamt 26 Prozent der stationären und 17 Prozent der ambulanten Einrichtungen mit einem Jahresfehlbetrag ab.

Zwar stiegen die Umsätze im Jahr 2025 in der stationären Altenhilfe um 6,5 Prozent und im ambulanten Segment um 5,4 Prozent, die Margen blieben jedoch schmal. Curacon wies eine EBIT-Marge von 1,5 Prozent für den stationären Bereich aus, während der ambulante Sektor inklusive Fördermitteln eine Marge von 3,5 Prozent erzielte.

Neue Versorgungsformen zwischen Heim und eigener Wohnung

Um die Versorgung flexibler zu gestalten und Kosten abzufedern, werden alternative Modelle erprobt. Das vom Träger BeneVit aus Mössingen im Kreis Tübingen entwickelte Konzept stambulant, das eine Kombination aus stationärer und ambulanter Betreuung vorsieht, soll gesetzlich verankert und ab 2027 reguläre Kassenleistung werden.

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In Schleswig-Holstein wurden 2023 gut 43.000 Menschen unter 65 Jahren als pflegebedürftig registriert — 2019 waren es noch knapp 29.000. Betreut werden die meisten zu Hause, häufig von Angehörigen, die parallel im Beruf stehen. Der kostenlose Leitfaden zeigt Schritt für Schritt, wie der Pflegegrad-Antrag gelingt. Pflegegrad-Antrag: Checkliste jetzt anfordern

Nach Angaben von BeneVit sind durch das Modell bis zu 1000 Euro Ersparnis möglich, da ein vollstationärer Aufenthalt monatlich deutlich höhere Kosten verursacht.

Bislang wurde der Ansatz jahrelang im Haus Rheinaue in Wyhl am Kaiserstuhl im Kreis Emmendingen erprobt, stand dort jedoch Ende 2024 kurz vor dem Aus. Eine von 34 Bürgermeistern initiierte Petition setzte sich für den Erhalt ein.

Wie die baden-württembergische Grünen-Staatssekretärin Petra Krebs mitteilte, plant der Spitzenverband der Krankenkassen, das Konzept in seine Richtlinien aufzunehmen. Dadurch solle ab 2027 geregelt sein, wie die Leistung durch die Kassen finanziert und organisiert wird.

Debatte um strukturelle Prävention

Neben neuen Betreuungsformen fordern Versorgungsforscher grundlegende Korrekturen im Gesundheitssystem. Deutschland verfüge zwar über eines der kostspieligsten Systeme weltweit, hinke im europäischen Vergleich bei der gesunden Lebenserwartung jedoch hinterher. Fachleute verlangen daher eine gezielte Präventionswende, deren Erfolg an zusätzlich gewonnenen gesunden Lebensjahren gemessen werden solle.

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Als zentrale Bausteine sehen Versorgungsforscher den Einsatz von Community Health Nurses, präventiven Hausbesuchen sowie Angeboten in Schulen und Betrieben. Kritisiert wird dabei die bestehende Finanzierungsstruktur: Die aktuellen Vergütungssysteme honorierten fast ausschließlich die Behandlung akuter Krankheiten, während präventive Beratung bislang strukturell unterfinanziert bleibe.

Mehr zum Thema bei n-tv: „Hamburg & Schleswig-Holstein: Zahl der jüngeren Pflegebedürftigen im Norden steigt - n“

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