Pflegeausbildung digital: Nur jede vierte Schule hat einen konkreten Umsetzungsplan
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 00:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Untersuchung zur Digitalisierung der Pflegeausbildung in Deutschland zeigt gravierende regionale und institutionelle Unterschiede zwischen den Bildungseinrichtungen.
Wie Berichte von idw-online.de vom 29. Oktober 2026 und bibliomed-pflege.de vom 30. Oktober 2026 über die BIBB-Studie darlegen, verfügt rund die Hälfte der Pflegeschulen über ein ausgeprägtes Digitalisierungsprofil, während die übrigen Einrichtungen deutliche Entwicklungsbedarfe aufweisen.
Die Untersuchung mit einer Laufzeit von 2021 bis 2024 wurde vom Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule gemeinsam mit dem Institut für Gesundheitsforschung und Bildung der Universität Osnabrück durchgeführt.
Konzeptionelle Lücken und unausgeschöpfte Potenziale
Die Erhebungsergebnisse verdeutlichen eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen strategischer Absicht und tatsächlicher Umsetzung. Zwar verfügen rund 79,4 % der Pflegeschulen über ein Digitalisierungskonzept, jedoch besitzen lediglich 25,9 % einen konkreten Implementierungsplan. Zudem gaben nur rund 36,5 % der befragten Schulleitungen ein explizites Konzept zur Fort- und Weiterbildung des Personals im Bereich digitaler Kompetenzen an.
Auch bei den Investitionen zeigen sich strukturelle Begrenzungen. Die Mittel aus dem Förderprogramm „DigitalPakt Schule“ für den Zeitraum von 2019 bis 2024 wurden an den Pflegeschulen überwiegend für die technische Grundausstattung eingesetzt.
Didaktisch weiterführende Technologien sind bislang ungleich verteilt: Lediglich 31,8 % der Schulen verfügen über ein digital unterstütztes Skills Lab, während 57,9 % Pflegepuppen mit digitalen Funktionen in der Lehre nutzen.
Diskrepanzen zwischen schulischer Theorie und Praxisalltag
Die praktischen Auswirkungen unzureichender digitaler Abläufe im Unterricht spiegeln sich auch im Ausbildungsalltag wider. Eine Evaluation mit 42 Auszubildenden im letzten Ausbildungsdrittel im Rahmen eines virtuellen Modellunternehmens, über die altenpflege-online.net am 29. Oktober 2026 berichtete, ergab, dass 12 der 42 Lernenden während ihrer gesamten Ausbildung nie die Gelegenheit hatten, Pflegemaßnahmen eigenständig digital zu planen. Weniger als die Hälfte der Auszubildenden führt in der Praxis regelmäßig eine Pflegeanamnese oder die Strukturierte Informationssammlung (SIS) durch.
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Dabei besteht aufseiten der Nachwuchskräfte eine hohe Technikakzeptanz. Die Mehrheit bestätigte, dass digitales Arbeiten zum Berufsbild passt und die Attraktivität des Pflegeberufs steigert. Das evaluierte Modellprojekt umfasste 24 Unterrichtseinheiten über vier Wochen in einer simulierten stationären Einrichtung, in der die Auszubildenden als Bezugspflegende für Bewohnende mit komplexen Krankheitsbildern agierten.
Wissenschaftliche Befunde zu digitalen Lehrformaten
Begleitende internationale Studien belegen das Potenzial simulationsbasierter Methoden, verweisen aber auch auf Forschungslücken. Eine in der Fachzeitschrift Advances in Simulation veröffentlichte cluster-randomisierte Studie mit 443 Pflegestudierenden im zweiten Ausbildungsjahr, von denen 442 analysiert wurden (222 in der Gruppe mit Virtual Reality und 220 in der Kontrollgruppe), zeigte messbare Lerneffekte: Im praktischen Leistungstest (OSCE, Skala 0–100) erreichte die VR-Gruppe 87,33 ± 5,05 Punkte gegenüber 70,70 ± 8,51 Punkten in der Kontrollgruppe, was einer adjustierten Differenz von 16,65 Punkten entspricht (95%-KI 14,37–18,94; p<0,001).
Der Wissensstand (Skala 0–30) lag direkt nach dem Seminar bei 19,02 gegenüber 14,12 Punkten und nach vier Wochen bei 19,45 gegenüber 15,21 Punkten (Differenz 4,24; 95%-KI 3,24–5,24). Die Autoren betonten jedoch, dass diese Resultate für eine Kombination aus immersiver Demonstration und physischer Praxis sprächen und sich ausschließlich auf simulierte Prüfungsleistungen bezögen.
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Gleichzeitig bleibt die übergeordnete Datenlage heterogen. Ein Scoping-Review in der Fachzeitschrift BMC Medical Education ergab bei 1.266 untersuchten Treffern aus den Datenbanken PubMed/Medline, Scopus und Virtual Health Library/BIREME für die Jahre 2015 bis 2025 lediglich 34 Quellen, welche die Kriterien zu virtuellen Simulationen, digitalen Campussen und Chatbots erfüllten.
Zwar wurden Vorteile hinsichtlich Flexibilität, Zugänglichkeit und Kompetenzentwicklung berichtet, direkte Vergleichseffekte blieben jedoch meist unbelegt, weshalb die Studienautoren mehr prospektive und vergleichende Längsschnittstudien fordern.
Handlungsempfehlungen der Bildungsforscher
Als Konsequenz aus den Studienergebnissen empfehlen die beteiligten Forschenden der BIBB-Untersuchung, die Pflegeausbildung im künftigen „DigitalPakt Schule 2.0“ gezielter zu berücksichtigen. Förderverfahren müssten unbürokratischer und zügiger gestaltet werden.
Zudem sei es unerlässlich, die technische Ausstattung eng mit Fachdidaktik und systematischer Lehrkräftequalifizierung zu verzahnen sowie Schulen stärker bei der internen Entwicklung und der Vernetzung mit Praxiseinrichtungen zu unterstützen.
