Pilzvergiftungen: Knollenblätterpilz verursacht 80 Prozent der Todesfälle
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 18:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) mahnen zur Vorsicht bei der Pilzsuche. Zu den Hauptursachen schwerer Vergiftungen zählen Verwechslungen mit giftigen Doppelgängern sowie das unkritische Vertrauen in mobile Foto- und Bestimmungs-Apps.
Fachleute betonen, dass solche digitalen Werkzeuge höchstens als erster Einstieg dienen können. Die Beurteilung der Essbarkeit eines Fundes dürfe keinesfalls allein einer App überlassen werden.
Risiken durch Verwechslungen und toxische Wirkstoffe
Die größte Gefahr im mitteleuropäischen Raum geht nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung vom Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) aus. Dieser enthält gefährliche Amatoxine und ist für mindestens 80 Prozent aller pilzbedingten Todesfälle in Deutschland verantwortlich.
Die Art tritt seit einigen Jahren häufiger auf und wird vor allem in der Hauptsaison von August bis November gesammelt, häufig aufgrund verhängnisvoller Verwechslungen mit herkömmlichen Champignons.
Tückisch an den Giften des Knollenblätterpilzes ist der verzögerte Wirkungseintritt: Erste Symptome zeigen sich erst sechs bis 24 Stunden nach der Mahlzeit. Auch andere Doppelgänger bergen Gefahren; so verursacht der Karbol-Egerling schwere Magen-Darm-Probleme.
Pilz-Coach Moritz Schmid von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie verweist auf die Artenvielfalt: Während weltweit rund 3,8 Millionen Pilzarten existieren, sind in Deutschland über 14.000 Sorten bekannt. Davon gelten lediglich etwa 200 als gute Speisepilze. Schmid betont, dass Apps und Bestimmungsbücher allein nicht ausreichen.
Eine sichere Bestimmung erfordere die Prüfung sämtlicher Merkmale, wozu auch die Kenntnis der umgebenden Baumarten wie Fichten, Kiefern, Eichen, Buchen, Birken oder Espen gehöre. Auf überdüngten, nitratreichen Böden, die durch das Vorkommen von Brennnesseln oder Springkräutern erkennbar sind, wachsen in der Regel keine Speisepilze.
Statistische Daten zu Vergiftungsfällen
Wie real die Risiken sind, verdeutlicht der Jahresbericht 2025 des Giftinformationszentrums-Nord (GIZ-Nord) für die Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit Datenstand vom 12. August 2026. Das Zentrum erfasste bei 57.110 Anrufen insgesamt 52.573 dokumentierte Vergiftungsverdachtsfälle. Davon entfielen 852 Verdachtsfälle auf Pilze, die zu zwei Todesfällen, zehn schweren und 46 mittelschweren Verläufen führten.
Die gefährlichste Verwechslung der Saison: Der Grüne Knollenblätterpilz sieht jungen Champignons zum Verwechseln ähnlich — und seine Gifte wirken erst sechs bis 24 Stunden nach der Mahlzeit. Wer sich nicht allein auf eine Bestimmungs-App verlassen will, findet hier die wichtigsten Merkmale und Regeln für die sichere Bestimmung. Kostenlosen Pilz-Guide anfordern
Acht der zehn schweren Verläufe sowie ein Todesfall wurden durch Wulstlinge (Amanita) verursacht, die insgesamt in 112 Fällen erfasst wurden. Auf Röhrlinge entfielen 33 Fälle, auf Pfifferlinge 13 Fälle, während bei 221 Meldungen die Pilzgattung unbekannt blieb.
Auffällig ist die Altersverteilung des GIZ-Nord: 312 Vergiftungsverdachtsfälle betrafen Kleinkinder zwischen einem und vier Jahren, weitere 32 Fälle Säuglinge unter einem Jahr. Zusammen machten diese Gruppen rund 40 Prozent der Betroffenen aus. In der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren gab es 147 Fälle, bei den 50- bis 69-Jährigen 81 und bei Personen über 70 Jahren 39 Fälle.
Regeln für die Pilzsuche und das Verhalten im Notfall
Für Sammler formulieren Sachverständige klare Vorgaben. Pilze sollten stets mit einem Messer abgeschnitten statt herausgerissen werden. Um Fäulnisprozesse zu vermeiden, dürfen keine Plastiktüten für den Transport genutzt werden. Zudem gilt die Handstraußregel, wonach nur geringe Mengen für den Eigenbedarf entnommen werden sollen. Sehr junge sowie überalterte Exemplare gehören nicht in den Korb.
Pilzsachverständiger Daniel Frank und weitere Experten heben hervor, dass nach einer Durchfeuchtung der Böden je nach Art Tage bis Wochen vergehen können, bis Pilze nachwachsen. Nach einem schwierigen Sommer 2026 bleibe das Aufkommen regional stark abhängig von der Bodenfeuchte.
Nach dem Essen kommt Übelkeit — und dann zählt jede Minute: Mahlzeitenreste und Putzabfälle aufbewahren, Erbrechen keinesfalls künstlich auslösen, bei Bewusstseinsstörungen oder Atemnot sofort die 112. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen den Notfall-Plan Schritt für Schritt, bevor Sie ihn brauchen. Notfall-Plan jetzt herunterladen
Treten nach dem Verzehr Beschwerden auf, raten Fachgesellschaften dazu, unverzüglich ein Giftinformationszentrum anzurufen. Mahlzeitenreste, Putzabfälle oder Erbrochenes müssen für eventuelle Analysen aufbewahrt werden; Erbrechen sollte man keinesfalls künstlich auslösen.
Bei schweren Symptomen wie Bewusstseinsstörungen, Atemnot oder Kreislaufproblemen ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Eine fachgerechte Überprüfung von gesammelten Pilzen vor dem Verzehr übernehmen autorisierte Pilzsachverständige der DGfM.

