Präsentismus: 95% arbeiten trotz Krankheit – Studie warnt
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Verlagerung von Arbeitsaufgaben in die eigenen vier Wände führt zunehmend dazu, dass Erwerbstätige auch im Krankheitsfall nicht pausieren. Eine Untersuchung der Universität Klagenfurt zeigt auf, dass informelles beziehungsweise zusätzliches Arbeiten von zu Hause aus in direktem Zusammenhang mit Präsentismus steht – also dem Verrichten von Aufgaben trotz bestehender Erkrankung.
Die Forschungsarbeit analysierte die Verhältnisse deutscher Arbeitnehmer, während die Situation in Österreich nach Einschätzung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) vergleichbar ausfällt.
Gewerkschaften mahnen Schutz vor Erwartungsdruck an
Aus den Ergebnissen leitet die Arbeitnehmervertretung konkreten Handlungsbedarf ab. Der ÖGB verlangt, dass an Beschäftigte grundsätzlich keine Erwartungshaltung gerichtet werden darf, im Krankenstand vom heimischen Schreibtisch aus tätig zu sein. Zudem fordert die Gewerkschaft verstärkte Maßnahmen, um psychischen Druck im beruflichen Umfeld abzubauen.
Dass Vorbehalte rund um Krankmeldungen weit verbreitet sind, unterstreicht eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey für Allright und die Frankfurter Rundschau. Nach diesen Daten gaben 72 Prozent der Befragten an, sich für eine Krankmeldung rechtfertigen zu müssen. Zudem erklärten über 95 Prozent der Teilnehmer, bereits trotz Krankheit gearbeitet zu haben.
Der Verdacht unberechtigter Fehlzeiten lässt sich durch offizielle Prüfungen indes kaum stützen. Aus Zahlen des Medizinischen Dienstes für das Jahr 2024 geht hervor, dass von rund 328.000 erstellten Stellungnahmen zur Arbeitsunfähigkeit lediglich 6,3 Prozent medizinisch nicht begründet waren.
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Hohe Belastungen und Suchtverhalten im Arbeitsalltag
Die Grenzen zwischen Engagement und gesundheitsgefährdender Überlastung verlaufen oft fließend. Eine aus dem Jahr 2023 stammende Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Kooperation mit der Technischen Universität Braunschweig, die auf Daten von 8000 Erwerbstätigen basierte und von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde, ergab, dass rund ein Zehntel der Erwerbstätigen in Deutschland suchthaft arbeitet. Eine eigenständige klinische Diagnose existiert für Arbeitssucht bislang jedoch nicht.
Die Folgen dauerhafter Überstunden können gravierend sein. Der Psychologe Poppelreuter von TÜV Rheinland betont, dass eine regelmäßige tägliche Mehrarbeit von drei bis vier Stunden mit einem deutlich erhöhten Depressionsrisiko verbunden sein kann.
Gleichzeitig sinkt weltweit die Bindung an den Arbeitsplatz: Der Gallup-Untersuchung zur globalen Lage am Arbeitsplatz zufolge fiel das weltweite Mitarbeiter-Engagement im Jahr 2025 auf 20 Prozent, womit rund vier von fünf Beschäftigten keine innere Bindung an ihr Unternehmen aufweisen.
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Psychische Risiken in besonders exponierten Berufsfeldern
Welche extremen Formen psychische Belastungen annehmen können, verdeutlichen zudem epidemiologische Auswertungen spezieller Berufsgruppen. Claudia Zimmermann von der Abteilung für Epidemiologie der MedUni Wien wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Epidemiologie mit dem Best Paper Award für eine Untersuchung zur Suizidsterblichkeit in Gesundheitsberufen ausgezeichnet.
Die Studie weist signifikante Unterschiede auf: Während männliche Tierärzte ein signifikant erhöhtes Suizidrisiko verzeichnen, liegt das Risiko bei männlichen Ärzten signifikant niedriger als in der Allgemeinbevölkerung.
Bei Frauen zeigt sich dagegen über alle vier untersuchten Gesundheitsberufe hinweg – Ärztinnen, Zahnärztinnen, Tierärztinnen sowie Apothekerinnen – ein durchgehend erhöhtes Suizidrisiko. Die Gesamtschau der Daten unterstreicht die Notwendigkeit, arbeitsbedingten Stress und falsche Leistungsanreize auf breiter Ebene zu thematisieren.
