Probiotika bei Durchfall: 82 Studien mit 12.127 Teilnehmenden ausgewertet
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 04:36 Uhr | Redaktion boerse-global.deKurzfristige Ernährungsumstellungen oder Kuren zur raschen Sanierung des Mikrobioms erweisen sich in der Praxis häufig als wirkungslos. Fachbeiträge weisen darauf hin, dass die Zusammensetzung der Darmflora das Resultat langjähriger Lebensgewohnheiten ist und sich nicht durch punktuelle Interventionen nachhaltig umgestalten lässt. Zwar wächst das Interesse an mikrobieller Gesundheit stetig, doch die wissenschaftliche Datenlage widerspricht oft den Versprechen des Marktes.
Grenzen von Probiotika und Kapselkuren
Der Molekularbiologe František Knobloch bezeichnet die wissenschaftliche Datenlage zu Probiotika als sehr schwach. Der Markt habe sich zu einem weiteren milliardenschweren Geschäftszweig entwickelt, obwohl das Mikrobiom wissenschaftlich noch gar nicht vollständig verstanden sei.
Ähnlich äußert sich Milan Trojánek von der Klinik für Infektionskrankheiten und Reisemedizin der 2. Medizinischen Fakultät der Karls-Universität und des Universitätskrankenhauses Motol: Das Mikrobiom lasse sich nicht mit einer Tablette wiederherstellen.
Bei einem Teil der Patienten erhole sich die Darmflora nach einer Antibiotikabehandlung auf neuerlicher Weg sogar schneller als unter Gabe von Probiotika. Zudem warnt Professor Hrdý davor, dass die gleichzeitige Verabreichung von Probiotika die eigentliche Wirkung von Antibiotika verringern könne.
Auch medizinische Fachgesellschaften mahnen zur Zurückhaltung. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten aus dem Jahr 2023 spricht eine starke Empfehlung dagegen aus, Probiotika bei akuter Gastroenteritis einzusetzen.
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Bei akutem Durchfall stehe laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen der Ausgleich von Flüssigkeit und Salzen im Vordergrund; Warnzeichen seien Blut im Stuhl oder das Ausbleiben einer Besserung nach 48 Stunden.
Eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 von Collinson und Kollegen, die 82 Studien mit 12.127 Teilnehmenden auswertete, ergab, dass Probiotika-Präparate bei akutem infektiösem Durchfall wahrscheinlich wenig oder keinen Unterschied bewirken.
Ein spanisches Konsensdokument der Fachgesellschaften SEMERGEN und SEFAC betont ebenfalls, dass Probiotika ausschließlich bei nachgewiesener klinischer Evidenz eingesetzt werden sollten und rät von Selbstmedikation sowie generischen Präparaten ab. Für das Dokument wurden 87 Prozent der gesichteten Studien wegen methodischer Mängel oder fehlender klinischer Rigorosität verworfen.
Belege für spezifische Stämme existieren demnach nur für eng umrissene Indikationen wie Antibiotika-assoziierte Diarrhö, akute infektiöse Diarrhö, funktionelle Obstipation und die adjuvante Helicobacter-pylori-Eradikation. Bei Risikogruppen wie schwer immunsupprimierten Patienten besteht zudem die Gefahr schwerer Nebenwirkungen wie Bakteriämien.
Die Bedeutung von Ballaststoffen und Lebensstil
Ernährungsberaterin Salena Sainz verweist darauf, dass die Wirkung von Probiotika stark von Stamm, Dosis, Behandlungsdauer und dem individuellen Darmzustand abhängt. Anzeichen einer Unverträglichkeit seien stärkere Blähungen, Druck im Bauch, Veränderungen des Stuhlgangs oder Bauchschmerzen.
Statt Kapseln empfehlen Fachleute wie Sainz eine Ernährung mit fermentierten Lebensmitteln wie Naturjoghurt und Kefir sowie vielfältigen Ballaststoffquellen wie Hülsenfrüchten, Hafer, Spargel, Zwiebeln und Knoblauch, ergänzt durch ausreichend Bewegung, Schlaf und Flüssigkeit.
Molekularbiologe Knobloch hebt hervor, dass die meisten Menschen zu wenig Ballaststoffe zu sich nehmen. Während historische Vorfahren täglich 80 bis 100 Gramm oder mehr verzehrten, liege die Aufnahme heute meist bei lediglich 10 bis 15 Gramm. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Personen über zehn Jahren mindestens 25 Gramm täglich aus natürlichen Quellen.
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Eine Verdopplung oder Verdreifachung der Aufnahme biete Vorteile für die Stoffwechselgesundheit, die Herz-Kreislauf-Prävention und die Verdauung. Als präbiotische Ballaststoffe führt Knobloch unter anderem Flohsamenschalen, Pektin, Inulin, Fruktooligosaccharide, Galaktooligosaccharide und Akazienfaser an.
Aussagekraft und Grenzen mikrobieller Studien
Dass die Darmflora eng mit der allgemeinen Gesundheit verknüpft ist, belegen populationsbezogene Untersuchungen. Eine dänische Studie an 1.199 Erwachsenen im Fachjournal Nature Communications zeigte, dass die Zusammensetzung der Darmflora stärker mit fast allen untersuchten Entzündungsmarkern korrelierte als das Lebensalter.
Ein wenig diverses Mikrobiom vom Typ Bacteroides 2 war mit höheren Entzündungs- und ungünstigeren Blutfettwerten assoziiert sowie über eine Nachbeobachtung von bis zu neun Jahren mit einem um 21 Prozent höheren relativen Risiko für neue Krankenhausdiagnosen.
Die Autoren betonten jedoch, dass sich daraus weder ein individueller Risikotest noch konkrete Maßnahmen zur gezielten Veränderung dieses Profils ableiten lassen.
Auch eine im Journal Nutrition Reviews veröffentlichte Metaanalyse von Bao und Kollegen der Huaibei Normal University mit 18 Studien und 819 körperlich aktiven Teilnehmenden unterstreicht die Komplexität: Während zwei Diversitäts-Indizes signifikant stiegen, taten dies zwei andere nicht.
Zudem zeigte sich ein U-förmiger Zusammenhang zwischen Proteinzufuhr und Diversität, ohne dass sich daraus eine ideale Dosis oder klinische Effekte ableiten ließen. Eine stabile Darmflora beruht demnach auf dauerhaften Ernährungsgewohnheiten statt auf isolierten Nahrungsergänzungsmitteln.
