Produktpass-Studie: 1.092 Firmen, nur 201 mit konkreten Schritten
23.06.2026 - 16:09:46 | boerse-global.de
Die Europäische Kommission hat am Dienstag die lang erwarteten Leitlinien zum Digitalen Produktpass (DPP) veröffentlicht. Das System soll künftig jedes Produkt mit einer durchgängigen digitalen Identität versehen – von der Rohstoffgewinnung bis zum Recycling.
Konkret setzt die EU auf ein Hybridmodell: Ein zentrales Register speichert die Identifikationsdaten und Verknüpfungen, während die eigentlichen Produktinformationen dezentral abgelegt werden. Die FAQ-Version 1.0 basiert auf der Ökodesign-Verordnung (ESPR) 2024/1781 und ersetzt bisherige Übergangsregelungen.
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Deutsche Wirtschaft hinkt hinterher
Eine am selben Tag veröffentlichte Studie des 14. Deutschen Normungspanels offenbart jedoch erhebliche Defizite in der Vorbereitung. Von 1.092 befragten Unternehmen haben lediglich 201 konkrete Schritte zur Umsetzung unternommen. Nur elf Prozent der Firmen beteiligen sich aktiv an den laufenden Standardisierungsprozessen.
Die Spitzen von DIN und DKE warnen vor den Folgen: Ohne international harmonisierte Standards drohten fragmentierte Systeme und Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern. „Die Unternehmen fordern einheitliche Vorgaben, interoperable Systeme und gemeinsame Datenformate", heißt es aus den Normungsgremien. Als technische Basis für die erste Generation der Pässe zeichnet sich eine Architektur auf Basis von HTTP-URIs ab.
Zeitplan: Diese Branchen sind als Nächstes dran
Die EU-Kommission hat nun konkrete Fristen für einzelne Produktkategorien festgelegt. Während die allgemeinen Regeln stehen, werden spezifische Anforderungen über delegierte Rechtsakte oder separate EU-Gesetze präzisiert:
- Bauprodukte: Die Umsetzung hat bereits im Januar 2026 begonnen.
- Batterien: Ab 2027 werden die ersten Pässe nach der EU-Batterieverordnung Pflicht.
- CNC-Strommodule: Hersteller müssen ab Februar 2027 digitale Pässe und CO?-Bilanzen integrieren – nach einer achtmonatigen Übergangsfrist.
- Textilien: Delegierte Rechtsakte werden für 2027 erwartet, die Pflichtumsetzung dürfte 2028 folgen.
- Verpackungen: Die Anforderungen der neuen Verpackungsverordnung (PPWR) gelten ab August 2028.
- Kritische Rohstoffe: Die Umsetzung ist für 2028 vorgesehen.
- Spielzeug: Hier wird die Pflicht erst 2030 wirksam.
Handel und Verbraucherrechte neu geregelt
Der Digitale Produktpass ist als maschinenlesbarer Datensatz definiert, der über einen QR-Code oder ähnliche Träger abrufbar ist – ein einfaches PDF genügt nicht. Enthalten sein müssen Angaben zur Produktidentifikation, Materialzusammensetzung, Nachhaltigkeitskennzahlen sowie Reparatur- und Entsorgungshinweise.
Besonders weitreichend sind die Regelungen für den internationalen Handel: Importierte Waren benötigen bereits vor der Zollabfertigung einen aktivierten Pass. Außereuropäische Online-Marktplätze müssen künftig DPP-Links für ihre angebotenen Produkte anzeigen – bei Verstößen drohen Produktrückrufe. Verbraucher erhalten zudem ein direktes Anspruchsrecht auf Entschädigung, wenn Passdaten fehlen oder falsch sind.
Parallel zum Digitalen Produktpass müssen Importeure bereits jetzt die komplexen Anforderungen des CO2-Grenzausgleichs erfüllen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie die CBAM-Berichtspflichten rechtssicher umsetzen und teure Bußgelder zuverlässig vermeiden. CO2-Grenzausgleich der EU: So erfüllen Sie Ihre CBAM-Pflichten ohne teuren Berater
Die neuen Vorgaben überschneiden sich mit dem CO?-Grenzausgleichssystem (CBAM), das seit Januar 2026 in Kraft ist. Die Angleichung der Emissionsdaten an die DPP-Anforderungen dürfte den Druck auf globale Lieferketten weiter erhöhen.
Erste Unternehmen steigen ein
Einige Branchen haben bereits mit der Integration digitaler Identitäten begonnen. Der Luxuskonzern Bulgari weitete im Juni 2026 sein Passprogramm auf Schmuck und Uhren aus – inklusive Echtheitszertifikaten und Herkunftsnachweisen über eine eigene App.
Auch strategische Partnerschaften entstehen: Bureau Veritas und Circulor kündigten am Dienstag eine Zusammenarbeit an, um Batterie- und Automobilhersteller bei der Rückverfolgbarkeit und CO?-Datenprüfung zu unterstützen. In der Modebranche arbeiten der Verpackungsspezialist Weavabel und die Plattform Bombiix daran, Nachhaltigkeitsdaten und Produktidentität direkt über QR-Codes auf Pflegeetiketten zugänglich zu machen.
