Prostatakarzinom: Neue S3-Leitlinie stoppt Routine-Tastuntersuchung
16.06.2026 - 06:31:45 | boerse-global.de
Aktualisierte Leitlinien und neue Forschungsergebnisse aus dem ersten Halbjahr 2026 zielen auf eine deutlich präzisere Patientenversorgung ab. Im Mittelpunkt stehen dabei eine bessere Risikobewertung sowie der verstärkte Einsatz moderner Bildgebung und molekularbiologischer Verfahren.
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Schluss mit der Routine-Tastuntersuchung
Ein zentraler Punkt der aktualisierten S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom (Version 8) ist die Neuausrichtung der Früherkennung. Experten empfehlen die digitale rektale Untersuchung zur Früherkennung nicht mehr. Stattdessen gewinnt die Magnetresonanztomografie (MRT) bei der diagnostischen Abklärung an Bedeutung.
Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) setzt sich zudem verstärkt für ein risikoadaptiertes PSA-Screening als Kassenleistung ein. Ziel ist es, unnötige Eingriffe zu vermeiden. Bei Patienten mit einem Niedrigrisiko-Karzinom (Low-Risk) wird inzwischen ausschließlich die „Aktive Überwachung“ empfohlen – ein klarer Schritt zur Reduzierung von Übertherapien und zum Erhalt der Lebensqualität.
Neue Hoffnung bei fortgeschrittenen Stadien
Auch in der medikamentösen und nuklearmedizinischen Therapie gab es bedeutende Fortschritte. Die Ergebnisse der STEEL-Studie (Phase II), die Anfang 2026 auf dem ASCO GU Kongress vorgestellt wurden, zeigen neue Optionen für Hochrisikopatienten auf. Bei einem biochemischen Rezidiv nach einer Prostatektomie konnte die Ergänzung der Standard-Androgendepressionstherapie (ADT) durch Enzalutamid das progressionsfreie Überleben verbessern. Das gilt besonders für Patienten mit einem PSA-Wert von mindestens 0,2 ng/ml und weiteren Risikofaktoren wie einem hohen Gleason-Score oder Lymphknotenbefall.
Für Patienten im weit fortgeschrittenen, kastrationsresistenten Stadium liefert eine Pilotstudie des Uniklinikums des Saarlandes neue Ansätze. In einer im European Journal of Nuclear Medicine and Molecular Imaging veröffentlichten Untersuchung wurde eine Tandem-Therapie aus Lutetium-177 und Actinium-225 an 20 Patienten (Alter: 57 bis 88 Jahre) erprobt. Bei 14 Patienten zeigte sich ein starker Rückgang des Tumormarkers. Das mediane Überleben nach Beginn dieser speziellen Strahlentherapie lag bei elf Monaten – ohne schwere Nebenwirkungen wie extreme Mundtrockenheit.
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Das Immunsystem als Schlüssel
Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf die Mechanismen der Metastasierung und die Rolle des Immunsystems. Eine internationale Studie unter Beteiligung der Universität Bonn, veröffentlicht in Bone Research, identifizierte das Protein Neuropilin 2 (NRP2) als potenziellen Angriffspunkt für neue Therapien. NRP2 wird in Metastasen und Knochenzellen verstärkt gebildet. Labormodelle zeigten, dass eine blockade dieses Proteins die Bildung von Knochenmetastasen reduzieren kann. Die Suche nach geeigneten Wirkstoffen für die klinische Anwendung läuft noch.
Groß angelegte Untersuchungen, unter anderem in Kooperation mit der Universitätsmedizin Frankfurt, deuten zudem auf einen Zusammenhang zwischen der Immunalterung und der allgemeinen Sterblichkeit hin. Studien aus dem Jahr 2026 legen nahe, dass die Gesundheit des Thymus – messbar durch den Grad der Verfettung im CT – ein Indikator für das Überleben bei Krebserkrankungen und den Erfolg von Immuntherapien sein könnte. Eine gute Thymusgesundheit korreliert demnach mit einer deutlich geringeren Sterblichkeit und besseren Behandlungsergebnissen.
Die Arbeit molekularer Tumorboards, etwa am Tumorzentrum Freiburg, zeigt: Erweiterte molekulardiagnostische Untersuchungen können selbst bei austherapierten Patienten in rund der Hälfte der Fälle noch neue Therapieoptionen aufzeigen. In einem Pilotprojekt zur Harmonisierung dieser Diagnostik wurden bereits über 500 Patienten untersucht – bei einem Großteil konnte eine Stabilisierung der Erkrankung erreicht werden.
