Psychiatrie-Krise: 6 Monate Wartezeit auf Psychotherapieplatz
Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Lage ist dramatisch: Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland nehmen rasant zu. Gleichzeitig stehen Kliniken und Praxen vor dem Kollaps.
Das zeigt das Psychiatrie-Barometer 2025/2026. Befragt wurden 295 Einrichtungen zwischen Oktober 2025 und Januar 2026. Die Ergebnisse sind alarmierend.
Essstörungen, Suizid und Internetsucht
Mehr als die HĂ€lfte aller Kinder- und Jugendpsychiatrien meldet einen drastischen Anstieg bei Essstörungen â plus 50 Prozent. Auch InternetabhĂ€ngigkeit legte um 44 Prozent zu. Suizidale Krisen und Angststörungen stiegen um jeweils 42 Prozent. Depressionen verzeichneten ein Plus von 39 Prozent.
Doch nicht nur bei Kindern und Jugendlichen wĂ€chst der Druck. Psychische Erkrankungen sind inzwischen der hĂ€ufigste Grund fĂŒr Krankschreibungen â zumindest in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Das zeigen Analysen der DAK-Gesundheit fĂŒr das erste Halbjahr 2026.
In NRW stiegen die Fehltage um neun Prozent auf 202 Tage je 100 BeschÀftigte. In Hessen waren es sogar zwölf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Sechs Monate Wartezeit auf Therapieplatz
Die Nachfrage steigt â das Angebot nicht. Im Gegenteil: Zwei Drittel der Kliniken haben Wartezeiten von acht Wochen oder mehr auf einen stationĂ€ren Platz. Im ambulanten Bereich sieht es noch dĂŒsterer aus: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz betrĂ€gt rund sechs Monate.
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Das AktionsbĂŒndnis Psychotherapie rechnet damit, dass sich diese Wartezeit auf bis zu 15 Monate ausdehnen könnte.
Ein Beispiel: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bielefeld-Bethel behandelte 2025 insgesamt 312 stationĂ€re und 128 teilstationĂ€re FĂ€lle. Besonders suizidale Krisen und selbstgefĂ€hrdendes Verhalten nehmen zu. Viele notwendige Therapieangebote werden laut Klinik nicht ausreichend vergĂŒtet.
KĂŒrzungen und geplante Budgetdeckelung
Die wirtschaftliche Lage der Kliniken ist miserabel. Nur 25 Prozent bewerten ihre finanzielle Situation als gut. 23 Prozent planen bereits Personalabbau.
Die Politik verschĂ€rft die Krise noch. Im April 2026 kĂŒrzte die Bundesregierung die Honorare fĂŒr psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent. FĂŒr 2027 ist zudem eine Budgetierung in der gesetzlichen Krankenversicherung geplant.
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Der GKV-Spitzenverband betont, die Versorgung bleibe gut. Die Therapeuten sehen das anders: Zwei Drittel der niedergelassenen Psychotherapeuten erwĂ€gen laut Umfragen eine PraxisschlieĂung. Bis zu 25 Prozent der bestehenden TherapieplĂ€tze könnten wegfallen.
Sparkurs unter neuem Gesundheitsminister
VerbÀnde wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordern eine verlÀssliche Finanzierung und den Ausbau der KapazitÀten. Der seit kurzem amtierende Gesundheitsminister Carsten Linnemann signalisiert jedoch einen Sparkurs.
Ausnahmen von der geplanten Budgetierung sind nur fĂŒr schwerwiegende FĂ€lle sowie fĂŒr Kinder und Jugendliche vorgesehen. Ob das reicht, ist fraglich.
Besonders betroffen ist ein Berufsstand, der zu 77 Prozent aus Frauen besteht. Sie stehen vor der Herausforderung, steigende Fallzahlen bei sinkenden Budgets zu bewÀltigen. Die strukturelle Absicherung der Versorgung bleibt das zentrale Thema der gesundheitspolitischen Debatte.
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