Psychiatrie: Schizophrenie und bipolare Störung teilen 70% Gene
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 02:30 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die Forschung entdeckt immer mehr Überschneidungen zwischen psychiatrischen Erkrankungen – und zeigt, dass bestimmte kognitive Fähigkeiten das Risiko beeinflussen.
Fluide vs. kristallisierte Intelligenz: Ein entscheidender Unterschied
Eine Studie in Nature Communications vom 7. Juli 2026 liefert neue Erkenntnisse. Die Forscher um Londono-Correa trennten fluide Intelligenz – die Fähigkeit, neue Probleme logisch zu lösen – von kristallisiertem Wissen, das auf erlernten Informationen basiert. Auch die Reaktionszeit wurde separat untersucht.
Das Ergebnis: Genetische Risiken für Schizophrenie und bipolare Störungen sind mit niedrigerer fluider Intelligenz und langsameren Reaktionszeiten verbunden. Gleichzeitig zeigen Betroffene ein höheres Maß an kristallisiertem Wissen.
Bei ADHS sieht das Bild anders aus: Hier fanden die Forscher schnellere Reaktionszeiten, aber insgesamt niedrigere Werte bei beiden Intelligenzformen. Autismus-Spektrum-Störungen wiederum sind mit höherem kristallisiertem Wissen assoziiert. Das genetische Risiko für Alzheimer hängt spezifisch mit niedrigerer fluider Intelligenz zusammen.
Die Studie identifizierte zudem 78 neue Genorte, die mit kristallisiertem Wissen in Verbindung stehen.
Psychosen teilen 70 Prozent ihrer genetischen Signale
Eine umfassende Untersuchung in Nature vom Dezember 2025 bestätigte: Verschiedene psychiatrische Störungen haben gemeinsame biologische Wurzeln. Die Forscher analysierten DNA von über einer Million Betroffenen und fünf Millionen Kontrollprobanden.
Sie identifizierten fünf genetische Signaturen, die das Risiko für 14 psychiatrische Störungen maßgeblich erklären. Schizophrenie und bipolare Störungen teilen rund 70 Prozent ihrer genetischen Signale.
„Diese Krankheitsbilder weisen genetisch betrachtet mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf“, sagte Andrew Grotzinger von der University of Colorado Boulder.
Die Ergebnisse führten zur Einteilung in Cluster: Psychosen, affektive Störungen, Zwangsstörungen, neurodevelopmentale Störungen und Substanzgebrauch.
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Pleiotropie: Ein Gen, viele Wirkungen
Eine Studie in Cell vom Februar 2025 identifizierte 683 pleiotrope Varianten. Diese Gensequenzen sind in vielen Zelltypen und Entwicklungsstadien aktiv. Sie beeinflussen die Genregulation in Neuronen.
Hyejung Won von der University of North Carolina erklärte: Ein besseres Verständnis dieser Pleiotropie – also der Wirkung eines Gens auf mehrere Merkmale – könnte den Weg für gemeinsame therapeutische Ansätze ebnen.
Zelluläre Alterung und Entzündungsmarker
Die Forschung untersucht auch zelluläre Alterungsprozesse. Daten aus Translational Psychiatry vom 8. Juli 2026 zeigen eine negative genetische Korrelation zwischen ADHS und der Telomerlänge. Telomere gelten als Indikator für das biologische Alter von Zellen.
Mittels Mendelscher Randomisierung stellten die Forscher einen kausalen Effekt fest: ADHS verkürzt die Telomere. Klinische Untersuchungen an 665 Patienten bestätigten diesen Befund.
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Parallel dazu untersuchten Forscher um Yin das NOS3-Gen bei älteren Erwachsenen mit Erstepisoden-Depression. Patienten mit dem spezifischen TT-Genotyp (Variante rs1799983) hatten ein 1,72-fach höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen. In der betroffenen Gruppe fanden sich erhöhte Entzündungsmarker wie TNF-? und verschiedene Interleukine.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit etwa jeder siebte Mensch mit einer psychiatrischen Störung lebt. Die fortschreitende Entschlüsselung der genetischen Architektur kognitiver Funktionen könnte langfristig präzisere Diagnosen und individualisierte Behandlungen ermöglichen.
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