Psychische AusfÀlle: BeschÀftigte fehlen im Schnitt mehr als 36 Tage
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 12:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Psychische Erkrankungen stellen Unternehmen und das Management vor wachsende Herausforderungen. Besonders in FĂŒhrungsetagen bleiben schwere depressive Episoden jedoch hĂ€ufig lange Zeit unentdeckt.
Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und SuizidprĂ€vention, erlĂ€uterte in einem Bericht vom 6. Oktober 2026, warum gerade beruflich stark engagierte Personen selten frĂŒhzeitig Hilfe suchen und weshalb das Arbeitsumfeld eine entscheidende Rolle bei der FrĂŒherkennung einnimmt.
LeistungsfĂ€higkeit schĂŒtzt nicht vor einer Erkrankung
Laut Hegerl erkrankt im Laufe des Lebens etwa jeder fungs- bis sechste Erwachsene an einer Depression, wobei Frauen laut Studien doppelt so hĂ€ufig betroffen sind wie MĂ€nner. Statistiken aus Skandinavien weisen zudem darauf hin, dass die Lebenserwartung bei einer Depression im Durchschnitt um etwa zehn Jahre verkĂŒrzt ist.
Entgegen verbreiteten Annahmen sei eine ĂŒbermĂ€Ăige Arbeitsbelastung in der Regel nicht die eigentliche Ursache einer solchen Erkrankung. Hinter vielen Diagnosen eines Burn-outs verberge sich tatsĂ€chlich eine Depression. Die verbreitete Formulierung einer hochfunktionalen Depression stufte Hegerl als reinen Modebegriff ein, der keine eigenstĂ€ndige medizinische Diagnose darstelle.
Ein hohes Arbeitspensum schlieĂe eine schwere Erkrankung keineswegs aus. Vorgesetzte sollten aufmerksam werden, wenn bei zuvor verlĂ€sslichen Mitarbeitenden ein Leistungsabfall sichtbar wird. In solchen Situationen gelte es, aktiv das GesprĂ€ch zu suchen.
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Bestehe der Eindruck tiefer Verzweiflung, sollten FĂŒhrungskrĂ€fte auch direkt nach Suizidgedanken fragen. Ein Fachbeitrag von Nicole Heitsch vom 5. Oktober 2026 verweist in diesem Zusammenhang auf Erkenntnisse der European Alliance Against Depression aus dem Jahr 2026, wonach ein direktes Ansprechen möglicher Suizidabsichten das Risiko keineswegs erhöhe.
FĂŒr akute Krisen stehen Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge unter 116 123, der Ă€rztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 sowie der Notruf 112 zur VerfĂŒgung.
Hohe wirtschaftliche Belastung durch PrÀsentismus
Bleiben psychische Erkrankungen unbehandelt, fĂŒhrt dies in Betrieben oft zu weitreichenden Folgen. Nach SchĂ€tzungen der London School of Economics liegt der ökonomische Schaden durch PrĂ€sentismus â also das Weiterarbeiten trotz schwerer gesundheitlicher EinschrĂ€nkungen â um ein Vielfaches höher als die direkten Kosten durch Fehlzeiten.
Auch die Ausfallzeiten selbst wiegen schwer: Nach Angaben der Innovativen Betrieblichen Gesundheitsmanagement GmbH (IBG) in einem Bericht vom 7. Oktober 2026 liegt die durchschnittliche Dauer psychisch bedingter AusfĂ€lle bei ĂŒber 36 Tagen pro Fall. Handelt es sich um LangzeitkrankenstĂ€nde, steige dieser Wert auf rund 68 Tage.
Regina Nicham, Leiterin der Arbeits- und Organisationspsychologie bei der IBG, fordert daher, psychologische Erste Hilfe in Betrieben fest zu etablieren. Dies bedeute keine Psychotherapie im Arbeitsumfeld, sondern das Schaffen von Sicherheit, Orientierung, Zuhören, Stabilisierung und die Vermittlung professioneller UnterstĂŒtzung.
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Warnsignale erkennen und Kommunikationsprozesse etablieren
In vielen FĂŒhrungsetagen wĂ€chst unter dem Eindruck von UmbrĂŒchen und Kontrollverlust das Empfinden mangelnder Einflussmöglichkeiten, wie Merete Wedell-Wedellsborg im Harvard Business manager (Ausgabe 10/2026) beschrieb. HĂ€ufig fĂŒhre diese Belastung zu einem psychologischen RĂŒckzug.
Die Gestaltpsychotherapeutin und Organisationsentwicklerin Liane Dannenberg-SchĂŒtte wies in einem Bericht vom 6. Oktober 2026 darauf hin, dass sich FĂŒhrungskrĂ€fte in einem komplexen Spannungsfeld aus Transformation, kĂŒnstlicher Intelligenz, hybrider Arbeit und hohem Leistungsdruck bewegten.
Zu den ersten Warnsignalen fĂŒr Ăberlastungen zĂ€hlten vergessene Kleinigkeiten, ungewohnte Gereiztheit oder ein RĂŒckzug aus Besprechungen. Ein wirksames Gegensteuern erfordere, Kontakt herzustellen, Handlungsoptionen zu prĂŒfen und strukturierte Kommunikationsprozesse aufzusetzen. Gesunde FĂŒhrung bedeute dabei keineswegs einen Verzicht auf Leistung, da verlĂ€ssliche Rahmenbedingungen diese oft erst nachhaltig ermöglichten.
