Psychische Fehlzeiten: AOK zÀhlt 42 Prozent mehr Ausfalltage in zehn Jahren
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 10:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Berufliche Ăberlastung und anhaltender Leistungsdruck belasten immer mehr BeschĂ€ftigte. Aktuelle Auswertungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wie stark psychische Beanspruchungen in der Arbeitswelt zunehmen und welche Herausforderungen sich daraus fĂŒr das Wohlbefinden sowie die ProduktivitĂ€t ergeben.
Deutlicher Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten
Nach Angaben des AOK-Bundesverbands und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stiegen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb eines Jahrzehnts um 42 Prozent.
WĂ€hrend im Jahr 2016 noch 284 Fehltage je 100 AOK-Mitglieder erfasst wurden, lag der Wert im Jahr 2025 bei 403 Tagen. Dies geht aus dem am 8. Oktober 2026 vorgestellten Fehlzeiten-Report hervor, der Daten von rund 15 Millionen Versicherten auswertet.
Bei den erfassten Burnout-Diagnosen verzeichnete das Institut im selben Zeitraum ein Plus von 77 Prozent, von 11,0 auf 19,5 Ausfalltage je 100 Mitglieder.
Im Jahr 2025 machten psychische Erkrankungen 14,1 ArbeitsunfÀhigkeitsfÀlle je 100 Mitglieder aus, wobei die durchschnittliche Krankheitsdauer bei 28,5 Tagen je Fall lag.
Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen traten 80,3 FÀlle je 100 Mitglieder auf, diese dauerten im Schnitt jedoch nur 5,7 Tage. Der gesamte Krankenstand lag 2025 bei 23,3 Ausfalltagen je Mitglied, nach jeweils 23,9 Tagen in den beiden Vorjahren und einem Höchststand von 24,5 Tagen im Jahr 2022.
Die Krankengeldausgaben fĂŒr die gesetzlichen Kassen beliefen sich im Jahr 2025 auf rund 21,6 Milliarden Euro. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des WIdO, Helmut Schröder, fĂŒhrte einen Teil des Anstiegs der erfassten FĂ€lle auf die seit Juli 2022 geltende Pflicht zur elektronischen ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) zurĂŒck.
Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller von der UniversitĂ€t Leipzig mahnte gleichzeitig zur Vorsicht: Aus steigenden Fehlzeiten lasse sich nicht unmittelbar auf eine ebenso stark gestiegene ErkrankungshĂ€ufigkeit schlieĂen. Gewerkschaften fordern angesichts der Entwicklung eine Anti-Stress-Verordnung.
Soziale Berufe und Kommunikationsbranche besonders betroffen
Die Auswertung der Krankenkassendaten zeigt erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Berufszweigen. Im Jahr 2025 verzeichnete das Dialogmarketing mit 39,0 FÀllen je 100 BeschÀftigte die meisten psychisch bedingten ArbeitsunfÀhigkeitsfÀlle.
Dahinter folgten die Haus- und Familienpflege mit 25,6 FÀllen, die Altenpflege mit 24,9 FÀllen, die Heilerziehungspflege mit 24,6 FÀllen sowie die Kinderbetreuung mit 23,0 FÀllen. Die lÀngsten Ausfallzeiten wurden bei Anpassungsstörungen und Reaktionen auf schwere Belastungen registriert, gefolgt von depressiven Episoden.
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Rollenunklarheit und Stress auf FĂŒhrungsebene
Neben dem Arbeitsvolumen beeinflussen auch organisatorische Faktoren die psychische Gesundheit. Eine Untersuchung der UniversitĂ€t Bielefeld ergab, dass sowohl eine Zunahme als auch eine Abnahme sogenannter illegitimer, also rollenfremder Aufgaben mit höherer emotionaler Erschöpfung einhergeht. Die Forschenden erklĂ€ren dies mit der Verunsicherung ĂŒber kĂŒnftige Rollenerwartungen und raten Arbeitgebern zu klar formulierten Rollenbeschreibungen.
Auch in FĂŒhrungsetagen wĂ€chst der Druck. Laut dem Global Leadership Forecast 2025 des Beratungshauses DDI berichteten 71 Prozent der weltweit befragten FĂŒhrungskrĂ€fte von einem erhöhten Stresslevel, gegenĂŒber 63 Prozent im Jahr 2022. Eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Gartner aus dem ersten Quartal 2026 unter 11.838 BeschĂ€ftigten ergab zudem, dass weniger als 35 Prozent ihr Wohlbefinden als gut einschĂ€tzen. Gleichzeitig strĂ€uben sich 47 Prozent der dort befragten BeschĂ€ftigten gegen den Einsatz von KĂŒnstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag.
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Die volkswirtschaftlichen Dimensionen sind erheblich: Eine in der Fachzeitschrift Nature Medicine publizierte Modellrechnung um Klaus Prettner von der WirtschaftsuniversitĂ€t Wien beziffert die Kosten von Depressionen fĂŒr die weltweite Wirtschaftsleistung zwischen 2025 und 2050 auf rund 10,7 Billionen Euro.

