Psychotherapie-Reform, Praxen

Psychotherapie-Reform: 36% der Praxen droht Schließung ab 2027

Veröffentlicht am: 18.07.2026 um 19:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Tausende protestieren gegen geplante Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen ab 2027. Praxen drohen Schließungen, Wartezeiten könnten weiter steigen.

Protest in Saarbrücken: Psychotherapeuten wehren sich gegen Honorarkürzungen
Eine Menschenmenge demonstriert auf einem Platz in einer deutschen Stadt, Schilder haltend, die Sorge und Protest ausdrücken. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Auf dem Gustav-Regler-Platz protestierten sie gegen das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Das Aktionsbündnis Psychotherapie Saar und Vertreter der Linken warnen vor einer dramatischen Verschlechterung der ambulanten Versorgung.

Im Kern geht es um geplante Honorarkürzungen. Ab 2027 soll die Budgetierung für psychotherapeutische Leistungen wieder eingeführt werden. Bisher werden rund 90 Prozent dieser Leistungen extrabudgetär und damit ungedeckelt vergütet. Das soll sich nun ändern.

Protest gegen die Rückkehr zur Budgetierung

Unterstützt wurde die Demonstration vom Berufsverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP), der Kassenärztlichen Vereinigung Saar und mehreren Jugendorganisationen. Ihr Ziel: die finanzielle Neuausrichtung der Gesetzlichen Krankenversicherung stoppen.

Die Reform sieht vor, die bisher extrabudgetär vergüteten Leistungen wieder in die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) zurückzuführen. „Das könnte dazu führen, dass Therapieplätze wegfallen“, warnt Bärbel Heinz vom BVVP. Eine regionale Obergrenze, orientiert an den Vorjahresausgaben, soll künftig die Ausgaben begrenzen.

Existenzielle Bedrohung für viele Praxen

Eine Umfrage des Aktionsbündnisses Psychotherapie zeigt die Dramatik: 36 Prozent der Praxisinhaber erwägen eine Schließung. Weitere 43 Prozent sind unentschlossen über ihre berufliche Zukunft. Besonders alarmierend: Nur zwölf Prozent des Nachwuchses planen derzeit sicher, eine Praxis mit GKV-Zulassung zu gründen.

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Eine geplante pauschale Honorarkürzung um 4,5 Prozent wurde zwar vom Landessozialgericht Berlin-Brandenburg vorläufig ausgesetzt. Doch die Planungsunsicherheit bleibt hoch. „Auf einem halben Kassensitz könnten künftig statt 30 nur noch 18 Sitzungen pro Woche vergütet werden“, erklärt Regionalsprecherin Victoria Gerstmann.

Wartezeiten drohen weiter zu steigen

Das System ächzt bereits jetzt unter massiven Kapazitätsengpässen. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt bei rund fünf Monaten. Laut Bundespsychotherapeutenkammer fehlen bundesweit rund 7.000 Kassensitze – die Bedarfsplanung basiert auf veralteten Daten aus dem Jahr 1999.

Kritiker wie die Grünen-Politikerin Paula Piechotta befürchten besonders in Ostdeutschland eine Zuspitzung. Längere Wartezeiten könnten schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Fachleute verweisen auf die Suizidstatistik von 2024 mit über 10.000 Fällen. Schätzungen zufolge konnte durch Psychotherapie eine signifikante Zahl davon verhindert werden.

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Nachbesserungen für September angekündigt

Angesichts der massiven Kritik haben Vertreter der Regierungskoalition für September Nachbesserungen angekündigt. Christos Pantazis (SPD) stellte in Aussicht, dass begonnene Behandlungen sowie Therapien für Kinder, Jugendliche und schwere Fälle weiterhin extrabudgetär finanziert werden könnten.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verteidigt die Sparmaßnahmen grundsätzlich. Sie verweist auf eine Finanzierungslücke von rund 18,8 Milliarden Euro für 2027 und die Verdopplung der Ausgaben für Psychotherapie innerhalb der letzten zehn Jahre. Die Therapeutenverbände fordern dagegen den Erhalt des direkten Zugangs zur Psychotherapie und eine Abkehr von der Budgetierung – für die rund 74 Millionen GKV-Versicherten.

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