Resilienz: Gezielte Förderung steigert Belastbarkeit um 20%
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der 44. Zukunftskongress Logistik in Dortmund hat die Neuausrichtung der Branche unter dem Leitmotiv „Sichere Logistik für unsichere Zeiten“ thematisiert. Rund 350 Teilnehmer erörterten im Rahmen der vom Fraunhofer IML und dem Digital Hub Logistics organisierten Veranstaltung, warum Resilienz gegenüber der reinen Effizienz zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Unternehmen wird.
Als technologische Grundpfeiler dieser Entwicklung wurden insbesondere Künstliche Intelligenz (KI), Drohnen und digitale Zwillinge identifiziert. Ein zweiter Schwerpunkt des Kongresses befasste sich zudem mit der Dekarbonisierung, der europäischen Verpackungsverordnung (PPWR) sowie den Potenzialen der Space Logistics.
Abhängigkeiten und digitale Souveränität als zentrale Herausforderung
Die Notwendigkeit einer resilienten Aufstellung wird durch aktuelle Studiendaten unterstrichen. Laut einer Capgemini-Untersuchung vom April 2026 sehen 86 Prozent der Führungskräfte eine erhebliche Abhängigkeit von externen Lieferketten.
Trotz dieser Erkenntnis verfügen lediglich 42 Prozent der von Störungen betroffenen Organisationen über konkrete Notfallpläne. Während in den USA rund zwei Drittel der Unternehmen vorbereitet seien, liege die Quote in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum bei jeweils über einem Drittel.
Besonders kritisch bewerten Experten die Lage in Deutschland. Hier verzeichnen 94 Prozent der Organisationen erhebliche digitale Abhängigkeiten, wobei nur 60 Prozent der Unternehmen ihre Risiken regelmäßig prüfen. Ein Report zur digitalen Souveränität verdeutlicht zudem, dass 59 Prozent der Befragten eine vollständige digitale Souveränität für unrealistisch halten.
Gleichzeitig gewinnt das Thema auf Führungsebene an Bedeutung: Für 44 Prozent der Vorstände zählt Souveränität zu den Top-Themen. Ein Anbieterwechsel gestalte sich jedoch schwierig; 36 Prozent der Unternehmen benötigten hierfür mehr als 12 Monate.
Cyber-Resilienz und die Rolle des Faktors Mensch
Ein wesentlicher Aspekt der Risikovorsorge betrifft die digitale Sicherheit. Wie aus einem Expertenbeitrag der Reichhart Logistik Gruppe hervorgeht, sichere Cybersecurity in der Logistik primär die Lieferfähigkeit und nicht allein die IT-Infrastruktur.
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Phishing bleibe dabei das häufigste Einfallstor, wobei KI-gestützte Methoden die Glaubwürdigkeit von Betrugsnachrichten erhöhen. Digitale Sicherheit werde daher vermehrt zum Bestandteil von Audits, Ausschreibungen und Lieferantenbewertungen.
Die Sorge vor Cyberangriffen bleibt hoch, wenngleich ein Bericht von Proofpoint für das Jahr 2026 einen Rückgang der akuten Besorgnis bei deutschen IT-Sicherheitsverantwortlichen (CISOs) verzeichnet: 64 Prozent rechnen binnen eines Jahres mit einer schweren Attacke, nach 88 Prozent im Vorjahr. Als Hauptrisiko identifizieren 76 Prozent der Befragten den Faktor Mensch.
Zudem steigen die regulatorischen Anforderungen: Ab dem 11. September 2026 greift der Cyber Resilience Act (CRA), der eine 24-stündige Meldepflicht für aktiv ausgenutzte Sicherheitslücken vorsieht. Einer Bitkom-Umfrage zufolge kennen bisher jedoch nur 29 Prozent der Unternehmen die konkrete Bedeutung des CRA für den eigenen Betrieb.
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Infrastrukturelle Hürden und der Ausblick auf 2030
Neben digitalen Risiken rücken physische und infrastrukturelle Engpässe in den Fokus. Der Branchenverband Bitkom erwartet bis 2030 eine Steigerung der deutschen Rechenzentrumskapazität um 70 Prozent.
Dem stehen jedoch lange Wartezeiten für Netzanschlüsse gegenüber, die in Städten wie Frankfurt oder Berlin bis zu 10 Jahre betragen können. Auch die Beschaffung von Komponenten wie Transformatoren oder Notstromaggregaten verzögert sich durch die Konkurrenz mit anderen Industriezweigen auf Lieferzeiten von bis zu zwei Jahren.
Trotz dieser Hindernisse investiert die Wirtschaft massiv in die Transformation. Laut der 11. Digitalisierungsstudie von ZIA und EY Parthenon haben 61 Prozent der Unternehmen ihre Digitalisierungsbudgets erhöht. Während 96 Prozent der Befragten KI in fünf Jahren als einsatzrelevant einstufen, nutzen derzeit erst 14 Prozent umfassende Frühwarnsysteme, um ihre digitale Resilienz zu messen.
Gesellschaftliche Dimension der Resilienz
Ergänzend zur industriellen Perspektive rückt die psychosoziale Belastbarkeit in den Fokus der Forschung. Studien der Pädagogischen Hochschule FHNW deuten darauf hin, dass die Resilienzquote durch gezielte fachliche und persönliche Förderung um 10 bis 20 Prozent verbessert werden kann.
In Projekten wie „School resilience“ untersuchen Forscher, wie Individuen in einem fordernden Umfeld stabil bleiben – eine Erkenntnis, die angesichts des Fachkräftemangels und steigender Personalrisiken auch für die Arbeitswelt der Logistik an Relevanz gewinnt.
Fachleute betonen, dass Resilienz künftig als ganzheitliches Konzept verstanden werden muss, das technologische, infrastrukturelle und menschliche Faktoren gleichermaßen integriert.
