Retatrutid, Diabetes

Retatrutid bei Diabetes: 20,8 Prozent Gewichtsverlust nach 80 Wochen

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bonner Forschung beleuchtet ACC1 im Fettgewebe; Studien prĂŒfen Amylin-, Retatrutid- und GenansĂ€tze gegen Adipositas.

Adipositasforschung: Neue Wirkstoffe und Immunmechanismen im Fokus
Mikroskopische Aufnahme von Fettgewebezellen im Labor zur Untersuchung molekularer Stoffwechselprozesse. Illustration mit AI erstellt.

Die Erforschung von Adipositas verlagert sich zunehmend von reiner Kalorienbilanz hin zu molekularen Mechanismen, die erklĂ€ren, warum manche Fettgewebe entzĂŒnden und Stoffwechselkrankheiten begĂŒnstigen.

Eine Studie der UniversitĂ€t Bonn und des UniversitĂ€tsklinikums Bonn (UKB), ĂŒber die das deutsche Gesundheitsportal berichtete, liefert dazu einen neuen Baustein: Das Enzym Acetyl-CoA-Carboxylase 1 (ACC1) reguliert demnach Erhalt und Funktion bestimmter Immunzellen im Fettgewebe – der sogenannten ILC2-Zellen – und beeinflusst damit, ob Fettgewebe gesund bleibt oder entzĂŒndet.

Fettreiche ErnÀhrung stört den Zellstoffwechsel

Laut der an MĂ€usen durchgefĂŒhrten Untersuchung erhöht eine fettreiche ErnĂ€hrung (HFD) die FettsĂ€ureaufnahme in ILC2-Zellen und unterdrĂŒckt dort die AktivitĂ€t von ACC1. Die Folge sei vergrĂ¶ĂŸertes, entzĂŒndetes Fettgewebe und eine PrĂ€disposition fĂŒr Diabetes.

Als Ursache identifizieren die Bonner Forscher eine gestörte Rolle von ACC1 beim sogenannten Citrat-Shuttle ĂŒber die innere Mitochondrien-Membran – einem Transportmechanismus, der fĂŒr den Zellstoffwechsel zentral ist.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Cell Metabolism veröffentlicht (DOI: 10.1016/j.cmet.2026.08.019) und im Rahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Sonderforschungsbereich 1454) sowie des Exzellenzclusters ImmunoSensation3 gefördert.

Die Befunde reihen sich in ein wachsendes Forschungsfeld ein, das das Immunsystem als aktiven Mitgestalter von Stoffwechselerkrankungen begreift – nicht nur als Reaktion auf sie.

Amylin als komplementÀrer Signalweg

Parallel dazu rĂŒckt ein anderer körpereigener Mechanismus in den Fokus: Amylin. Eine im Fachjournal The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt, wie das Hormon gemeinsam mit Insulin aus pankreatischen ?-Zellen ausgeschĂŒttet wird, die Magenentleerung verlangsamt, die postprandiale Glukagon-AusschĂŒttung unterdrĂŒckt und als SĂ€ttigungssignal wirkt.

Die Wirkung sei teils komplementĂ€r zu GLP-1-basierten Therapien; der Amylin-Rezeptor setzt sich aus dem Calcitonin-Rezeptor und einem von drei RAMP-Proteinen zusammen. Die Übersicht verweist unter anderem auf die Phase-2-Studie ZUPREME 1 zum Amylin-Analog Petrelintide.

Pharmaunternehmen treiben neue Wirkstoffklassen voran

Auf der Diabetes-Fachtagung EASD in Mailand prĂ€sentierte AbbVie Phase-1-Daten zu seinem langwirksamen Amylin-Analog ABBV-295. In der Studie mit 60 Teilnehmern (mittleres Alter 41,5 Jahre, mittlerer BMI 29,3 kg/mÂČ, 88 Prozent MĂ€nner) ĂŒber 12 bis 13 Wochen zeigte sich je nach Dosierung ein Gewichtsverlust von 7,8 bis 9,8 Prozent bei wöchentlicher Gabe, verglichen mit rund 0,3 Prozent unter Placebo.

Nebenwirkungen wie Übelkeit (33,3 Prozent gegenĂŒber 20,0 Prozent unter Placebo) und Durchfall (20,0 Prozent gegenĂŒber 0,0 Prozent) waren ĂŒberwiegend mild; schwere behandlungsbedingte Nebenwirkungen traten nicht auf. ABBV-295 ist nicht zugelassen, eine Phase-2-Studie (NCT06144684) ist geplant.

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Eli Lilly meldete unterdessen Ergebnisse der Phase-3-Studie TRIUMPH-2 zu Retatrutid, einem Dreifachagonisten, der an GIP-, GLP-1- und Glukagon-Rezeptoren wirkt.

In der Studie mit 1.152 randomisierten Teilnehmern mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht sank das Körpergewicht nach 80 Wochen um 12,7 Prozent (4 mg), 19,1 Prozent (9 mg) beziehungsweise 20,8 Prozent (12 mg); bei Teilnehmern mit einem BMI ab 35 lag der Wert unter der höchsten Dosis bei 23,4 Prozent.

Der HbA1c-Wert sank um bis zu 1,6 Prozentpunkte, weitere Effekte betrafen Triglyceride (-39,5 Prozent), Blutdruck (-10,8 mmHg) und EntzĂŒndungsmarker (hsCRP -58,3 Prozent). HĂ€ufigste Nebenwirkungen waren gastrointestinaler Natur, etwa Durchfall bei bis zu 33,6 Prozent der Teilnehmer. Eli Lilly plant fĂŒr das erste Quartal 2027 einen Zulassungsantrag bei der US-Arzneimittelbehörde FDA.

Auch Roche meldete Fortschritte: In einer Phase-II-Studie zu Enicepatide, einem GLP-1/GIP-Dualagonisten, wurde nach 48 Wochen bei der höchsten Dosis ein Gewichtsverlust von 15,5 Prozent sowie eine HbA1c-Senkung um 2,65 Prozentpunkte erreicht, wobei die Gewichtskurve noch kein klares Plateau zeigte.

Die Nebenwirkungen waren ĂŒberwiegend leicht bis mittelschwer, die Abbruchrate lag bei 2 Prozent. Zwei Phase-III-Studien laufen bereits, weitere Untersuchungen zu Blutzucker und Herz-Kreislauf-Effekten sind ab der ersten JahreshĂ€lfte 2027 geplant. Roche verweist unter Berufung auf Reuters auf ein geschĂ€tztes jĂ€hrliches Marktvolumen fĂŒr Adipositas-Therapien von bis zu 100 Milliarden US-Dollar.

Neue AnsÀtze auf Genebene

Einen anderen Weg verfolgt das taiwanesische Unternehmen Oneness Biotech mit dem Wirkstoffkandidaten SNS851, einer siRNA-Therapie, die auf ein nicht nÀher benanntes Gen zielt, das die mitochondriale AktivitÀt und den Energieverbrauch der Leber beeinflusst.

Der erste Studienabschnitt bei gesunden Probanden wurde abgeschlossen; 32 Teilnehmer zeigten ein dosisabhĂ€ngiges, annĂ€hernd proportionales Wirkstoffprofil, ein schwerwiegendes, jedoch nicht behandlungsbedingtes Ereignis (ein Fußbruch) wurde verzeichnet. Der zweite Studienabschnitt bei Patienten mit Fettlebererkrankung lĂ€uft, Daten werden fĂŒr das erste Quartal 2027 erwartet.

In prÀklinischen Untersuchungen senkte SNS851 Blutzucker, HbA1c und Leberfett, verbesserte die InsulinsensitivitÀt und verhinderte Gewichtszunahme; in Kombination mit einer um die HÀlfte reduzierten GLP-1-Dosis verstÀrkte sich der Effekt zusÀtzlich und hielt nach Absetzen lÀnger an.

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Ein Feld mit mehreren Ansatzpunkten

Die parallelen Entwicklungen zeigen, dass die Adipositasforschung sich nicht auf einen einzelnen Wirkmechanismus konzentriert. WĂ€hrend die Bonner Grundlagenforschung mit dem Enzym ACC1 einen bislang wenig beachteten Regulationsweg im Immunsystem des Fettgewebes offenlegt, arbeiten Pharmaunternehmen parallel an Hormonanaloga und genetischen AnsĂ€tzen, die an unterschiedlichen Stellen des Stoffwechsels ansetzen. Ob und wie sich diese Mechanismen kĂŒnftig kombinieren lassen, bleibt Gegenstand laufender klinischer PrĂŒfungen.

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