Retinitis pigmentosa: Lichtempfindlichkeit steigt bei sieben von neun Patienten
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 19:06 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die moderne Neurowissenschaft erlebt durch methodische Meilensteine tiefgreifende Fortschritte. Während die Erforschung neuronaler Schaltkreise über Jahrzehnte hinweg an technologische Grenzen stieß, ermöglichen neue Ansätze heute sowohl die gezielte Beeinflussung von Nervenzellen als auch deren lückenlose räumliche Rekonstruktion. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Kombination aus optogenetischen Verfahren und datenintensiven Kartierungen komplexer Nervensysteme.
Nobelpreis-Würdigung für die Grundlagen der Lichtsteuerung
Die Tragweite dieser Methoden spiegelte sich in der Zuerkennung des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin für das Jahr 2026 wider. Wie das Karolinska-Institut in Stockholm mitteilte, ging die mit 12 Millionen Schwedischen Kronen (rund 1,2 Millionen US-Dollar) dotierte Auszeichnung an Karl Deisseroth von der Stanford University sowie an Peter Hegemann von der Humboldt-Universität zu Berlin und Georg Nagel, der zuletzt an der Universität Würzburg forschte und zugleich als erster Nobelpreisträger der Universität Konstanz gilt.
Das Komitee begründete die Entscheidung mit der Entwicklung der Optogenetik, die ein präzises An- und Abschalten von Zellen mittels Licht erlaubt. Dadurch lässt sich im lebenden Gewebe untersuchen, wie Neuronen Erinnerungen, Gefühle und Verhalten formen. Die wissenschaftliche Basis legten Hegemann und Nagel mit der Entdeckung von Channelrhodopsin in der Grünalge Chlamydomonas.
Das Algenprotein reagiert auf Blaulicht und verleiht Zellen eine Lichtempfindlichkeit. Deisseroth übertrug das entsprechende Gen im Jahr 2007 per Virus in Nervenzellen von Mäusen und konnte über Glasfasern deren Schnurrhaar-Bewegungen steuern. Die Methode erlaubt es, einzelne Neuronen im Millisekundenbereich zu aktivieren oder stillzulegen.
Erste vollständige digitale Rekonstruktion eines Nervensystems
Parallel zur optischen Steuerung verzeichnet die strukturelle Analyse des Gehirns fundamentale Durchbrüche. Forschende des HHMI Janelia Research Campus, von Google Research und weiteren Partnern haben erstmals das vollständige zentrale Nervensystem einer männlichen Fruchtfliege digital kartiert und in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht. Der über die Plattform Flywire.ai zugängliche Datensatz umfasst 166.691 Nervenzellen und etwa 125 Synapsen.
Das Projekt basiert auf mehreren Millionen elektronenmikroskopischen Aufnahmen, die mittels Algorithmen wie Flood-Filling Networks und Pathfinder unter menschlicher Überprüfung zusammengefügt wurden. Auch ein Datensatz zum weiblichen Nervensystem liegt vor, ergänzt durch drei begleitende Untersuchungen zu Sehsinn, Geschmack und Sozialverhalten.
Die Harvard Medical School wies in diesem Kontext darauf hin, dass ein sogenanntes Konnektom die vollständige Verdrahtungskarte sämtlicher Neuronen und Synapsen darstellt. Als erstes tierisches Konnektom galt 1986 der Fadenwurm Caenorhabditis elegans mit rund 302 Neuronen.
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Während das Fliegengehirn Hunderttausende Neuronen und Millionen Verbindungen umfasst, bildet der ventrale Nervenstrang das funktionelle Gegenstück zum menschlichen Rückenmark. Fachleute betonen jedoch, dass die anatomische Struktur allein noch kein Verhalten vollständig erklärt. Ein menschliches Gehirn mit rund 86 Milliarden Nervenzellen bleibt von einer solchen Kartierung zudem weit entfernt.
Therapeutische Anwendungen und klinische Studien
Die Anwendungsforschung zielt inzwischen auf Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Depressionen und Epilepsie ab. Klinische Tests zeigen zudem Fortschritte bei der Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa, an der weltweit rund 1,5 Millionen Menschen leiden; in Deutschland liegt die Zahl Schätzungen zufolge bei bis zu 40.000 Betroffenen.
Bisherige Therapien wie Luxturna kosten über 600.000 Euro und greifen nur bei einer spezifischen Genmutation im Frühstadium, was weniger als einem Prozent der Betroffenen hilft.
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Forschende um José-Alain Sahel und Botond Roska berichteten im New England Journal of Medicine über eine Phase-1-Studie mit zehn Patienten im Alter von 40 bis 73 Jahren. Dabei wurde das algenbasierte Protein ChrimsonR in retinale Ganglienzellen injiziert und mit einer Spezialbrille kombiniert.
Nach einer Beobachtungszeit von zwei bis fünf Jahren verzeichneten sieben von neun verbliebenen Teilnehmern eine messbare Steigerung der Lichtempfindlichkeit um das 2- bis 62-Fache; vier von acht Probanden konnten Navigationsaufgaben bewältigen.
Auch Deisseroths Unternehmen MapLight Therapeutics arbeitet an therapeutischen Anwendungen, bei denen Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung messbare Sehfunktionen zurückerhielten.

