Robotik-Industrie: Universelle Physical AI ersetzt Spezialmaschinen
18.06.2026 - 06:30:38 | boerse-global.de
Die Robotik-Industrie präsentiert diese Woche eine neue Generation autonomer Systeme – und leitet damit den Wandel vom Spezialroboter zur universellen „Physical AI“ ein. Auf den Fachmessen in Chicago und Paris zeigen etablierte Hersteller und Start-ups gleichermaßen, wohin die Reise geht: hin zu flexiblen, lernfähigen Maschinen, die nicht mehr nur eine einzige Aufgabe beherrschen.
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Genesis AI präsentiert Eno – und schließt Partnerschaft mit LG
Am Dienstag stellte Genesis AI seinen ersten universell einsetzbaren Roboter namens Eno vor. Anders als die aktuell oft beworbenen humanoiden Modelle setzt Eno auf ein fahrbares Gestell mit einem ausklappbaren Turm und hochpräzisen Greifarmen. Die Steuerung übernimmt das firmeneigene GENE-Modell: Der Roboter lernt neue Aufgaben durch bloße Vorführung, ohne klassische Programmierung.
Das Unternehmen, das Anfang des Jahres 105 Millionen Euro Seed-Finanzierung unter Beteiligung von Ex-Google-CEO Eric Schmidt einsammelte, gab zudem eine strategische Partnerschaft mit LG CNS bekannt. Gemeinsam wollen die Firmen Eno noch 2026 in der US-Produktion und Logistik von LG testen. Die ersten Auslieferungen sind für die zweite Jahreshälfte geplant – zunächst an Industrie und Labore, später auch an Hotels und andere Dienstleister.
Foxconn zeigt humanoiden Roboter in Paris
Einen Tag später sorgte Foxconn auf der VivaTech 2026 in Paris für Aufsehen. Der taiwanesische Auftragsfertiger präsentierte einen beräderten humanoiden Roboter, der mit der NVIDIA Isaac GR00T-Plattform Präzisionsmontagen durchführt. Parallel dazu kündigte Foxconn eine Fertigungspartnerschaft mit Bull und NVIDIA an: Der KI-Supercomputer Vera Rubin NVL72 soll künftig in Tschechien und Frankreich gebaut werden und 3,6 ExaFLOPS Rechenleistung für komplexe KI-Workloads liefern.
Ebenfalls am Mittwoch vermeldete Autonomique den nächsten Schritt zur Kommerzialisierung: Seine zweihändigen Roboter auf Rädern arbeiten inzwischen in der Serienproduktion beim Automobilzulieferer F&P Mfg. und sollen bald im gesamten F.tech-Netzwerk zum Einsatz kommen.
Faraday Future erweiterte sein Robotik-Portfolio mit der Vorstellung der EAI Robot World. Das Flaggschiff: ein humanoider Roboter mit 1,73 Metern Größe und 55 Kilogramm Gewicht, ergänzt durch einen vierbeinigen Roboter für umgerechnet rund 1.800 Euro.
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Automate 2026: Werkzeuge für die Physical AI
Auf der Leitmesse Automate 2026 in Chicago präsentierten die etablierten Hersteller vor allem Software- und Hardware-Plattformen, die die Lücke zwischen Simulation und realem Einsatz schließen sollen.
Kawasaki Robotics zeigte am Dienstag den RL030N – nach eigenen Angaben den ersten 8-Achsen-Roboter der Branche, der speziell für Physical AI entwickelt wurde. Eine offene Echtzeit-Steuerungs-API erleichtert die Integration von KI-Modellen.
ABB Robotics stellte am Mittwoch seine Physical AI Toolchain vor, inklusive einer „Speak-through“-Technologie für natürlichere Mensch-Roboter-Interaktion. Die neue PoWa-Cobot-Familie und die Partnerschaft mit NVIDIA sollen zeigen, wie HyperReality-Simulationen den Einsatz autonomer Roboter beschleunigen.
Techman Robot brachte ein Physical AI Development Package auf den Markt – eine Komplettlösung für Datenerfassung, Modelltraining und Deployment, die in Zusammenarbeit mit NVIDIA und QCT entstand und sich speziell an die Elektronik- und Halbleiterindustrie richtet.
Europa investiert massiv in Robotik-Infrastruktur
Die Branche erlebt derzeit einen beispiellosen Investitionsboom. Neura Robotics steht kurz vor dem Abschluss einer Series-C-Finanzierung über umgerechnet bis zu 1,3 Milliarden Euro. Angeführt wird die Runde von Tether, Qualcomm und NVIDIA – die Bewertung des Unternehmens liegt bei rund 6,5 Milliarden Euro. Tether plant, Edge-AI und Self-Custody-Wallets in die Neura-Plattform zu integrieren, um autonome Zahlungen zwischen Robotern zu ermöglichen.
Gemeinsam mit der Technischen Universität München (MIRMI) eröffnet Neura Mitte 2026 das „RoboGym“ am Münchner Flughafen. Auf 2.300 Quadratmetern entsteht ein Trainingszentrum für Physical AI, in dem humanoide Roboter unter realistischen Bedingungen lernen sollen.
Ebenfalls am Dienstag eröffnete Estun seinen neuen Deutschland-Sitz und ein Kompetenzzentrum in Schwäbisch Gmünd. Die Einrichtung soll kleinen und mittleren Unternehmen kostengünstige Automatisierungslösungen bieten. In Spanien hat ANYbotics ein neues Engineering-Zentrum in Barcelona eröffnet, um die wachsende Nachfrage nach autonomen Inspektionsrobotern in der Energie- und Chemieindustrie zu bedienen.
Trotz der rasanten technischen Fortschritte bleibt die öffentliche Stimmung verhalten. Eine aktuelle Umfrage von Reuters/Ipsos ergab, dass 53 Prozent der Amerikaner befürchten, dass Fortschritte in KI und Robotik ihre berufliche Zukunft gefährden könnten.
