SAGA-Studie: Statin-Absetzen zeigt bei Hochbetagten keinen messbaren Vorteil
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medikamentöse Senkung des Cholesterinspiegels zählt zu den Standardtherapien der kardiovaskulären Prävention. Die SAGA-Studie, die vom Universitätsklinikum (CHU) und der Universität Bordeaux koordiniert und Ende des Sommers 2026 in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde, untersuchte nun den tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen von Statinen bei älteren Patienten.
Im Fokus der wissenschaftlichen Untersuchung stand die Problematik sogenannter unsichtbarer metabolischer Risiken und die Frage, inwieweit Hochbetagte von einer fortgesetzten Lipidsenkung profitieren.
Keine messbaren Vorteile bei primärpräventivem Einsatz
Die landesweite französische SAGA-Studie umfasste 1.160 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 81 Jahren, die aus 297 Hausarztpraxen rekrutiert wurden. Untersucht wurden Personen ab 75 Jahren ohne vorangegangene Herz-Kreislauf-Erkrankung, die trotz erhöhter LDL-Werte über Beschwerden durch Nebenwirkungen berichteten.
Nach einem dreijährigen Absetzen der Statine zeigte sich bei diesen Patienten kein Unterschied im Hinblick auf die Sterblichkeit, das Auftreten von Herz-Kreislauf-Ereignissen oder die gemessene Lebensqualität.
Zugleich zeigte sich ein unerwarteter Effekt bei den subjektiven Symptomen: Muskelschmerzen blieben im Rahmen der Untersuchung unabhängig davon bestehen, ob die Teilnehmenden weiterhin Statine einnahmen oder ein Placebo erhielten.
Bei Personen mit einem bereits früher erlittenen Herz-Kreislauf-Ereignis bleiben Statine der Untersuchung zufolge wirksam; ein Absetzen des Medikaments sollte grundsätzlich nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.
WidersprĂĽchliche Signale aus Beobachtungsdaten
Die Ergebnisse der randomisierten Untersuchung stehen im Kontrast zu früheren Registerauswertungen. Eine französische Beobachtungsstudie begleitete 120.173 Menschen ab 75 Jahren ohne frühere kardiovaskuläre Vorerkrankung, die in den zwei Vorjahren regelmäßig Statine bezogen hatten, über einen mittleren Nachbeobachtungszeitraum von 2,4 Jahren.
Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 5.396 Personen – entsprechend 4,5 % der Kohorte – aufgrund eines kardiovaskulären Ereignisses stationär aufgenommen.
Warum Laborwerte wie Cholesterin oft unterschiedlich interpretiert werden und was Ihre Ergebnisse wirklich über Ihren Gesundheitszustand aussagen, erfahren Sie in diesem Leitfaden. Tausende Deutsche verstehen ihre Blutwerte jetzt selbst – dank diesem kostenlosen 25-Seiten-Report
In dieser Kohorte war ein Absetzen der Medikation über mindestens drei Monate im Vergleich zur Fortführung mit einem um 33 % höheren relativen Risiko für kardiovaskuläre Krankenhausaufnahmen verknüpft. Bei koronaren Ereignissen lag der Anstieg bei 46 %, bei zerebrovaskulären Ereignissen bei 26 %. Da Beobachtungsdaten jedoch keinen direkten Nachweis von Ursache und Wirkung liefern, verweisen Fachleute auf die Notwendigkeit randomisierter Studien.
Mögliche Risiken und Verordnungskaskaden im Alter
Weitere Analysen beleuchten Begleiterscheinungen der Wirkstoffklasse. Eine retrospektive Untersuchung des Programms All of Us an 22.089 CAD-Teilnehmenden ab 60 Jahren aus den Jahren 2017 bis 2023 – darunter 1.343 mit kognitiven Einschränkungen – zeigte eine statistische Assoziation zwischen der Einnahme von Statinen und kognitiver Beeinträchtigung (Odds Ratio 1,70; 95%-KI 1,40–2,10; nach Propensity-Score-Matching OR 1,55; 95%-KI 1,24–1,94).
Der Anteil kognitiver Beeinträchtigungen betrug bei Statin-Nutzenden 6,8 % (n=17.191) gegenüber 3,5 % bei Nichtnutzenden (n=4.898). Die Assoziationen fielen bei APO e3/e3 mit einer OR von 2,04, bei Frauen mit 2,20 im Vergleich zu Männern mit 1,43 sowie bei Nutzenden mit einem HDL-Anstieg über 10 mg/dl (OR 1,95 gegenüber 1,61 bei maximal 10 mg/dl) stärker aus. Auch hier handelte es sich um Beobachtungsdaten ohne Kausalitätsnachweis.
Wer sich mit dem Thema Medikamentensicherheit befasst, sollte auch potenzielle Wechselwirkungen kennen, die im Alter zu Schwindel oder Verwirrtheit führen können. Vorsicht: Diese Medikamente können Senioren ab 60 gefährlich werden
Gleichzeitig besteht bei älteren Patienten das Risiko von Folgeverschreibungen. Eine populationsbasierte Untersuchung von Gesundheitsdaten aus dem kanadischen Ontario erfasste rund 2,3 Millionen zu Hause lebende Erwachsene ab 66 Jahren und identifizierte 24 prioritäre von 65 potenziell inadäquaten Verordnungskaskaden.
Nach dem Beginn einer Statintherapie erhielten 10,9 % der Behandelten ein Analgetikum; nach einer Eisengabe bekamen 11,9 % ein Laxans und nach Start von Cholinesterasehemmern 10,3 % ein Schlafmittel.
Die stärkste zeitliche Assoziation ergab sich bei Antipsychotika nach der Gabe von Kortikosteroiden. Neu auftretende Beschwerden sollten vor jeder zusätzlichen Verschreibung daher systematisch als mögliche Nebenwirkung bestehender Medikamente geprüft werden.

